Über (Standard-)Erwartungen und Überraschungen

5. Dezember 2013 | Kategorie: Gäste

vom Smart Investor

An der Börse wird bekanntlich auf die Zukunft gehandelt. Genauer gesagt handelt jeder Marktteilnehmer im Wesentlichen auf das, was er für die Zukunft hält…

Wem ein Kurs oder Preis als zu niedrig erscheint, der wird eher kaufen, wem er dagegen als zu hoch erscheint, der wird den betreffenden Titel meiden bzw. verkaufen. Die Erwartung dahinter ist, dass der Kurs in Zukunft schon irgendwie dem heutigen Werturteil des Marktteilnehmers folgen werde. Derartige Überlegungen müssen keineswegs nur fundamentaler Natur sein.

Dahinter kann auch die Erwartung stecken, dass sich beispielsweise ein Aufwärtstrend weiter fortsetzen werde und eine bereits teure Aktie noch teurer wird. Diese Erwartungen der Marktteilnehmer sind zwar immer subjektiv, das heißt aber nicht, dass sie deshalb auch stark streuen müssten. Oft genug bilden sich hinter einigen wenigen Meinungsführern regelrechte Fraktionen, wobei innerhalb dieser Fraktionen ziemlich ähnliche Ansichten über die weitere Kursentwicklung geteilt werden. Da sich die subjektive Innenwelt der Meinung bzw. Erwartung in Käufen und Verkäufen, sowie Kauf- und Verkaufsgesuchen manifestiert, gibt es zwischen dem eigentlich Kursgeschehen und den Erwartungen der Marktteilnehmer deutliche Rückkopplungen.

Unterschiedliche Erwartungen

In der Praxis sind diese subjektiven Erwartungen also gar nicht so individuell und unabhängig voneinander, wie das mancher Marktteilnehmer vielleicht gerne von seinen eigenen Gedankenprozessen annehmen möchte. Schließlich bilden sich diese Erwartungen nicht im luftleeren Raum, sondern vor dem Hintergrund der zugänglichen Informationen. Die aber sind für das Gros der Marktteilnehmer sehr ähnlich.

Einige Informationen regen nicht nur zum Handeln an, sondern üben einen erheblichen Handlungsdruck auf die Akteure aus – Massenmedien, spezialisierte Wirtschaftsnachrichtendienste und nicht zuletzt die Kursentwicklung selbst sind hier zu nennen (s.o.). All dies wird bei den Empfängern immer eine von drei Handlungsoptionen auslösen: Kaufen, Verkaufen, und am häufigsten: Nichtstun.

Obwohl durch die massenhafte Verbreitung der Information schon ein großes „Ansteckungspotenzial“ für die Anleger zu einem gleichgerichteten Denkprozess besteht, sind dennoch oft Börsenphasen ohne größere Kursbewegungen zu beobachten. Das dürfte zum einen daran liegen, dass zeitgleich durchaus widersprüchliche Informationen auf den Markt treffen können – beispielsweise ein Umsatzrückgang bei Produktlinie A, aber ein neu erschlossener Markt in Region B. Zum anderen werden auch ein und dieselben Informationen von den Marktteilnehmern – je nach Vorerfahrung und aktueller „Fraktionszugehörigkeit“ – durchaus unterschiedlich interpretiert. Derartige gegenläufige Effekte wirken glättend auf das Kursgeschehen.

Durch die gleiche Brille

Dennoch treffen immer wieder auch Informationen auf die Marktteilnehmer, die eigentlich nur eine Interpretation zulassen, zumindest auf dem bis dahin herrschenden Kursniveau.

Wenn es beispielsweise Insolvenzgerüchte über ein Unternehmen gibt – um einmal einen extremen Fall zu nennen – dann finden sich die ersten spekulativen Käufer eben erst auf einem massiv ermäßigten Kursniveau. Den Verkäufern fehlt also über lange Strecken der Abwärtsbewegung ein Gegenpart, der willens wäre, ihnen zu den herrschenden Preisen nennenswert Material abzunehmen. Umgekehrt ist der Fall bei einem Unternehmen, das einen Durchbruch in seinen Forschungen vermelden kann. Hier werden die potenziellen Käufer nicht ausreichend abgabewillige Verkäufer finden, bis der Kurs ein Niveau erreicht hat, das beiden Seiten für einen Austausch als fair erscheint. In solchen Phasen findet neben der eigentlichen Kursbewegung auch ein ständiger Abgleich mit den unzähligen subjektiven Erwartungen statt, die sich wiederum unablässig verändern bzw. anpassen. Das Ganze ist ein komplexer Prozess… (Seite 2)

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Ein Kommentar auf "Über (Standard-)Erwartungen und Überraschungen"

  1. 4fairconomy sagt:

    Eine wesentliche Rolle spielen dürfte auch die einfache Überlegung: die Aktienkurse steigen und die Erwartungen nach steigenden Aktienkursen ist gross, was Käufer anlocken wird, also steige ich ein, um von dem Hype auch zu profitieren. Solche Überlegungen heizen die Kurse noch weiter an usw. , ein Selbstläufer (ein Schneeballsystem). Der insbesondere Nahrung findet in Anbetracht der lockeren Geldpolitik und der realwirtschftlichen Entwicklung, wo es schwierig ist, mit Geld kurzfristig viel Geld zu verdienen. Dort wo dies möglich ist (Pharmaindustrie, gewisse It-Betriebe usw.) ist schon viel Geld drin – es wird kaum mehr Neues gebraucht. Also Flucht in den Hype mit der Hoffnung, rechtzeitig aussteigen zu können oder, dass der Staat/die Notenbank ein grosser Crash verhindern wird.

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