Über Sinn und Unsinn der Ermittlung des Volksvermögens

12. Juli 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland, so verkündete jüngst der Bundesverband deutscher Banken, lag Ende 2013 bei 5,2 Billionen Euro. Rechnet man das Immobilienvermögen hinzu, so ergab sich ein Gesamtvermögen der Deutschen von mehr als 10 Billionen Euro…

Gleichzeitig beliefen sich die Schulden auf 1,6 Billionen Euro, so dass die Deutschen über ein „Nettovermögen“ von gut neun Billionen Euro verfügten, so der Bankenverband. Was ist von solch einem Rechenwerk zu halten?

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Man sollte sie ihm mit großer Skepsis begegnen: Denn es ist eine irreführende „Illusion“. Der Ausweis eines „gesamtwirtschaftlichen Vermögens“ entspringt einem Missverständnis über die Wert- und Preisfindung in einer Marktwirtschaft.

Große Fiktion

Ein einfaches Beispiel mag das erläutern. Der Marktpreis einer Aktie ist zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt 100 Euro. Dies sei der Gleichgewichtspreis: Er ergibt sich aus dem Zusammenspiel von einer ganz bestimmten Anzahl von angebotenen und nachgefragten Aktien. Der einzelne Aktionär, der zum Beispiel eine Aktie besitzt, mag damit rechnen, dass er eben genau diesen Preis bei einem Aktienverkauf erzielen wird – und zwar weil er durch seinen Aktienverkauf keinen merklichen Einfluss auf den Marktpreis der Aktie nehmen wird.

Was aber für den einzelnen Aktionär noch gelten mag, gilt ganz bestimmt nicht für alle Aktionäre. Wenn alle Aktionäre ihre Aktien auf den Markt schmeißen, wird der Aktienkurs natürlich stark nachgeben müssen, im Extremfall werden sich gar keine Käufer finden. Es macht daher keinen Sinn, das Gesamtvermögen der Aktionäre zu errechnen, indem die Aktienwerte, die die einzelnen Aktionäre halten, zusammengerechnet werden!

Ein solches Gesamtvermögen ist eine reine Fiktion, die sich niemals im Marktgeschehen realisieren lassen wird. Gleiches gilt auch für die Berechnungen des Gesamtvermögens einer Volkswirtschaft. Eine solche Rechengröße ist nicht mehr als eine Zahlenspielerei, die keinerlei Realitätsbezug hat.

Sind Staatsschulden Vermögen?

Ein weiteres Problem ist das Ausweisen der Staatsschulden als Vermögen: Üblicherweise wird der Besitz einer Staatsanleihe als Vermögen des Sparers ausgewiesen; und je mehr Staatsanleihen die Menschen besitzen, desto höher ist ihr Vermögen.

Dass auch das eine überaus fragwürdige Sichtweise ist, soll mit einem einfachen Beispiel verdeutlicht werden. Nehmen wird an, Herr Meier kauft sich eine Bundesanleihe für 100 Euro. In seiner Bilanz geschieht folgendes: Die Kasse von Herrn Meier nimmt um 100 Euro ab, sein Wertpapierbesitz steigt um 100 Euro. Es erfolgt also ein „Aktivtausch“ in seiner Bilanz.

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Doch ist das alles? Nein!

Der Staat wird Herrn Meier besteuern müssen, damit der Staat die Zins- und Tilgungszahlungen leisten kann, die die Staatsverschuldung nach sich zieht…  (Seite 2)


 

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2 Kommentare auf "Über Sinn und Unsinn der Ermittlung des Volksvermögens"

  1. Michael sagt:

    In ‚Zahl‘ + Währungskennzeichen ausgedrückte Bewertung einer Realität ist kein Vermögen.

    Ein Vermögen ist nicht Reichtum. Das Volksvermögen ist nicht der Volksreichtum.

    Früher als Geld noch werthaltig war (Sackerl Goldstaub) war frei verfügbares Vermögen eine Art Reichtum. Das war Finanzvermögen.

    Das Vermögen an sich ist die Fähigkeit Tauschmittel abzugreifen.

    Die Umverteilungsphantasien sind krank. Noch kranker sind Politiker die behaupten Schulden sind egal, man dürfe nicht denken wie Häuselbauer, deswegen bauen wir im großen Stil. Politiker hören furchtbar gerne auf diese Minderheit an Keynesinanern die dies behauptet und selbst dann muss man das Argument im konkreten Zusammenhang prüfen.

    Schulden sind dann egal im Einzelfall, wenn man auch langfristige Vorarbeiten finanziert die bspw… Raum für Kunst du Kultur schaffen und die Abschreibungen trägt, damit das daraus ein Business kann erwachsen, da die ‚Anlagen‘ sind abgeschrieben.

    Aus Sicht der Finanzierung eines Wirtschaftsraum wäre jener am ‚bravsten‘ der seinen Lohn wieder ausgibt. In der Praxis passiert das aber nicht freiwillig sondern wird einfach erzwungen. Die Profiteuere finanzieren sich etwas damit – ein schönes Leben den wenigsten bewusst. Was ist dann der Dank für diese Zurückhaltung? Bashing seines/ihres Berufs, Billigprodukte und den Vorwurf keine Fachkraft zu sein die benötigt würde den giftigen Dreck den derjene im Geschäft muss kaufen so designed, dass der Feinstaub im Passivhaus im Boden wird aufgesogen und bald wird derjene vom Staat gefördert eine Aufhängevorrichtung bekommen damit die Kinder beim Spiel am Boden nicht komplett vergiftet werden. Dann hat der Konsument die Wahl Feinstaub in der Luft im Haus oder eben die Kinder spielen freihängend …

    In den letzten Jahrzehnten insbesondere durch die Defintionen des Erwerbstätigen exklusiv in der Rolle des Konsumenten sind wir vom Konzept der Bewirtung der Bedürfnisse abgewichen in eine Bewirtschaftung des Kunden in der Rolle als Wirt oder Acker der gepflügt wird.

  2. Skyjumper sagt:

    „Die Antwort ist vermutlich, dass der Käufer von Staatsanleihen meint, dass nicht er, sondern dass andere – allen voran künftige Steuerzahlergenerationen – zur Begleichung der Staatsschulden herangezogen werden.“

    Recht hat er damit. Selbst wenn man nicht die zukünftigen Generationen heranzieht. Es gibt nämlich neben Herrn Maier, auch noch den Herrn Müller und die Frau Schulze. Im Gegensatz zu Herrn Maier haben die aber am Monatsende kein Geld mehr übrig gehabt um für 100,-€ eine Bundesanleihe zu kaufen. Und der Staat wird eben nicht nur Maier besteuern, sondern auch Müller und Schulze.

    Ich würde dem Staat allerdings trotzdem keine Anleihen abkaufen. Mit Räubern macht man keine Geschäfte ……… es sei denn der lockende Gewinn ist hoch genug um die Moral zu bestechen 😉

    Ein Wort noch zu @Michael:
    „Die Umverteilungsphantasien sind krank.“
    SO kann man das m.M.n. einfach nicht sagen. Das gesamte menschliche Zusammenleben beruht in nicht unerheblichen Umfang auf eben diesem Umverteilen. Die meisten Versicherungen (ja, auch die privaten) sind eine Umverteilung. Und die meisten Versicherungen werden in DE immer noch freiwillig abgeschlossen. Auch viele Familie sind ein Umverteilungssystem (Kinder, nicht lohnbeschäftigte Lebenspartner etc.).

    Ich bin dann bei Ihnen, wenn Sie meinen, das es umstritten ist welches Maß an gesellschaftlicher Umverteilung sinnvoll ist, und dass wir je nach Einstellung diese Grenze ggf. bereits überschritten haben. Aber unterhalb eines gewissen Levels an Umverteilung werden Sie wohl kaum noch jemanden finden der die Umverteilung für „krank“ hält. Umverteilung ist also nicht perse schlecht, es ist auch hier, wie so oft, die Dosis die aus Medizin ein Gift macht.

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