Über Golden Boys und dummes Geschwätz

31. Januar 2014 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

So. Jetzt muss ich mich aufregen. Zwar nicht wegen dieser Tatsache, aber die muss ich voranstellen: Die „Golden Boys“ sind zurück. Beziehungsweise ihre aus Platinen bestehenden Nachfolger. Wüste Schübe hemmungsloser Zockerei tauchen wieder auf, überall da, wo die Märkte nicht groß genug sind, um sich wehren zu können…

Tja, vielleicht wollen die großen Spieler an den Börsen noch mal so richtig zulangen, bevor das sukzessive Zudrehen der Geldhähne ihnen womöglich in Kürze auch noch ihr Gratisgeld beschneidet, das sie im Moment immer noch ungehemmt und nicht zweckgebunden bei Notenbanken ziehen können, obwohl bei den Großbanken schon wieder Kohle gescheffelt wird, dass Otto Normalanleger schwindlig wird.

Ich denke, das war irgendwie zu befürchten. Den Notenbanken sei Dank. Dabei sind es ja nicht die zahllosen Milliarden, die jeden Monat auf Knopfdruck durch die Notenbanken erschaffen werden, damit die Zinsen schön niedrig bleiben, die das Problem sind. Kleiner Einwurf: Ist in diesem Zusammenhang das Wort „Gegenfinanzierung“ nicht unheimlich ulkig, wenn Politiker darüber zanken, ob eine Milliarde mehr oder weniger für Mütter, Rentner, Infrastruktur eingeplant werden darf, während z.B. die US-Notenbank Monat um Monat zweistellige Milliardenbeträge einfach mal so „macht“? Willkommen in der Klapsmühle … aber zurück zum Punkt:

Die Einlagesätze sind bei Null, d.h. wer als Bank sein Geld bei der Notenbank parkt, kriegt nix dafür. Die Ausleihesätze sind jedoch ebenfalls – fast – bei Null. Die Banken kriegen also kurzfristig Geld nach Belieben, nicht zweckgebunden und quasi „für Umme“. Ziel soll sein, dass so die Kreditvergabe angeheizt wird. Aber die Wachstumsraten zeigen, dass das nicht der Fall ist. Dafür wird wieder fleißig gezockt, sprich das getrieben, was uns 2007-2010 die Subprimekrise eingebrockt hat. Schlau. Aber anstatt da nun die Bremse reinzuhauen, warten die Notenbanken weiterhin lächelnd auf stetes Wachstum und brave Banken.

Die wiederum scheinen sich nun wieder ihrer alten Qualitäten zu besinnen: Zocken, bis dem Privatanlegern die Augen tränen. Und das mit neuem Rüstwerk, wie es scheint. Zu Beginn unseres Jahrhunderts bediente man sich da noch der guten alten „Golden Boys“. Jüngelchen, frisch von der Uni, die die nötigen Qualitäten mitbrachten, um für Gehälter, bei denen Otto Normalanleger mal wieder die Spucke wegbleibt, zu tun, was dem Hause Geld bringt: Keine Börsenerfahrung, kein unnötiges, belastendes Wissen, keine eigene Meinung, die Gier nach dem schnellen Geld und null moralische Hemmungen. Nachteil: Da gab der eine oder andere Jungstar mal eine Null zu viel in den Computer ein und sorgte so gleich für unschöne Schieflagen. Krank wurden die auch noch ab und an, unehrlich bisweilen ebenso.


Heute hat man es da einfacher. Keine Ahnung von nix und die nötige Hemmungslosigkeit haben nämlich auch die computergesteuerten Handelsprogramme. Dafür werden sie selten krank, tun, was man ihnen sagt und verlangen am Ende nicht auch noch einen Bonus.

Dass jetzt wieder vermehrt gezockt wird, lässt sich durchaus erkennen. Man muss nur genauer hinschauen. Warum wurden denn die schwächeren Währungen der Emerging Markets in den letzten Wochen in Grund und Boden gezockt? Gab es dafür einen logischen Grund? Wohl kaum, denn diese Bewegungen schaden der Weltwirtschaft in ihrer Gesamtheit, von den Menschen in den betroffenen Regionen mal ganz abgesehen. Solche Attacken gab es schon einmal Ende der 90er Jahre. Und vergleichbares Unheil richtete die Zockerei 2008 an, als „irgendjemand“ massive Spekulationen auf Nahrungsmittel und Energie lostrat und die Preise derart durch die Decke gingen, dass sie in einigen Ländern dazu führten, dass unzählige Menschen schlicht verhungerten.

Dass die angeblich Verantwortlichen da sofort entschlossen einschreiten zeigt sich daran, dass man auch noch sechs Jahre danach darüber diskutiert, ob und wie man denn vielleicht die Spekulation auf Nahrungsmittel eindämmen oder verbieten könnte. Von dieser Seite aus wäre somit nicht damit zu rechnen, dass kurzfristig irgendwer dieser fatalen, folgenreichen Zockerei auf die kleinen Währungen Einhalt gebietet. Und wie auch. Dass z.B. die Notenbanken in Südafrika und der Türkei heftige Leitzinsanhebungen vornahmen, juckt doch die Zocker nicht. Sicher, das macht die Währungen grundsätzlich attraktiver, da höhere Zinsen die Nachfrage nach dortigen Anleihen erhöhen müsste. Aber das klappt natürlich nur, wenn die Basis der Zockerei in den Fundamentals zu suchen ist. Der eigentliche Grund ist aber: „Man“ tut es, weil man es kann. Und da jucken einen höhere Leitzinsen nicht die Bohne.

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Der Anstieg der türkischen Lira legte schon im Dezember einen Zahn zu – von nahezu allen völlig unbeachtet. Jetzt ringt der Kurs um die 20-Tage-Linie, was auf gezieltes Trading bzw. Zockerei gegen die Währung hindeutet. (der Chart zeigt, wie viele türkische Lira man für einen Euro bezahlen muss, d.h. ein steigender Kurs in diesem Chart bedeutet, dass die Lira schwächer wird)

Und nun reagieren die Anleger also „verschreckt“ (was für ein Wort) auf diese Ereignisse? Aha. Tun sie das. Sicher, diese Spekulationen haben Folgen in der Weltwirtschaft. Fallende Währungen bedingen eine Kapitalflucht aus diesen Ländern und würgen somit deren monetäres Fundament für Wachstum ab. Und genau dort sitzen die großen Wachstumsperspektiven für alle großen Untenehmen weltweit. Das Problem hat also durchaus eine globale Dimension. Da fragt man sich, warum man solche Spekulationen betreibt, solchen Schaden anrichtet. Da diese Zockerei nicht von meinem Kumpel Erwin nebenan, sondern von Hedge Funds oder Banken im Eigenhandel betrieben wird, müssten die sich doch darüber im Klaren sein müssten, dass sie sich am Ende ins eigene Fleisch schneiden, dabei auf diese Weise aber noch alle anderen mit in den Strudel ziehen. Also: warum? Ich denke: Das alles ist ihnen klar. Nur eben auch völlig egal. Was hier zählt, ist der unmittelbare Reibach. Und da schüttelt kein computergesteuertes Handelsprogramm entsetzt mit dem Kopf und kündigt.

Aber wieso – irgendwer muss das ja mal fragen – reagieren die Anleger denn angeblich erst seit gut einer Woche auf diesen Spuk? Ganz einfach: Weil er seitdem in den Schlagzeilen war. Der Verfall dieser Währungen hatte nämlich schon Anfang Dezember deutlich an Fahrt gewonnen, wie der vorstehende Chart der türkischen Lira beispielhaft zeigt. Nur war es bis dahin fast allen egal, bis die Medien allen klar machten, dass es ihnen nicht egal sein darf… (Seite 2)

 

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10 Kommentare auf "Über Golden Boys und dummes Geschwätz"

  1. Michael sagt:

    Vermutlich spielt der Anleger eine untergeordnete Rolle wie die Benutzer in einer Groß IT. Um die geht es nicht.

  2. bluestar sagt:

    Es ist mir immer ein Vergnügen den Ronald Gehrt zu lesen.
    Abartig ist die Börse vor 8 in der ARD, wo alle möglichen idiotischen Begründungen für irgendwelche Kursbewegungen herbeigelogen werden.
    Ist die richtige Ouvertüre für die folgende Nachrichtensendung, auch die muss man in die Kategorien Entertainment, oberflächliches Halbwissen, Manipulation mit Bildern und systemrelevanter Schleim einordnen.

  3. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo zusammen,

    bei der Beurteilung (oder gar Verurteilung) möglicher Auslöser sollte nicht allein eine Kursbewegung und deren Dynamik herangezogen werden. Die Gleichung „große Vola = Attacke fieser Zocker“ greift doch etwas zu kurz. Es ist nicht sonderlich überraschend, wenn Anleger die Währung eines Landes nicht mehr halten mögen, wenn das Dollar-Funding bestenfalls noch ein paar Monate ausreicht. Bemerkenswert ist es, wie lange die Dynamik auf sich warten ließ.

    Im Zusammenhang mit fallenden Währungen von Ländern mit äußert fragilen politischen und ökonomischen Verhältnissen stellt sich die Frage, auf welcher Seite des Trades eigentlich die „Zocker“ sitzen. Das gilt auch für Südafrika, von dessen prekärer ökonomischer und sozialer Hanglage offenbar vieles durch Fernsehserien à la „Traumhotel“ überdeckt wird. Keine besonders gute Basis für Investmententscheidungen.

    Bei vielen Emerging Markets Währungen und Anleihen waren und sind diese „Risikonehmer“ Pensionskassen, Versicherungen, Banken und viele Privatanleger, die sich lange Zeit sehr über die steigenden Währungskurse bei gleichzeitig hoher Carry gefreut haben. Viele Verantwortliche in den Ländern haben die Aufwertung auf Grund der Kapitalfüsse wohl als Bestätigung ihrer Politik interpretiert, die aber viele Anleger so lange nicht interessiert hat, bis der Rückwärtsgang eingelegt wurde.

    Wenn große Summen dann gleichzeitig die Ausgangstür suchen, braucht es keine fiesen Silikongehirne um für hohe Volatilität zu sorgen. Das liegt in der Natur der Sache, was nicht heißt, dass es schön ist. Viele Anleger werden dies auch bei High Yield Papieren, Small Caps und anderen inhärent eher illiquiden Anlagen noch zu spüren bekommen.

    Besonders überraschend kommen die Bewegungen nicht.
    http://www.rottmeyer.de/submerging-markets/

    Beste Grüße an die Leserschaft
    Bankhaus Rott

    • Michael sagt:

      Große Volatilität ist an sich nicht schlecht. Das war früher nicht anders.

      Bei Währungen halte ich mich mit dem Urteil zurück.

      Ein großer Eiswürfel schmilzt langsamer. Das ist teuflisch. Es ist ja nicht allein bei der Geldanlage so. Am Ende werden alle gelaufen.

      Der Frank Meyer ist an sich schon, wie im Artikel bemerkt, bemüht im Rahmen des Zumutbaren halbwegs an der Realität des Dahinterstehenden ausgerichtete Begründungen anzubieten. Was soll er sagen, ‚ist mir egal, ich hab Metall‘.

  4. wolfswurt sagt:

    Das Zocken an sich, von wem auch immer, ist nicht die Ursach der Probleme.
    Gezockt wird seit Jahrtausenden mit allerlei Dingen.

    Wenn aber die Zocker nicht die Verantwortung übernehmen müssen, sprich bei Verspekulation den Verlust persönlich tragen, bekommt das Zocken eine Qualität nie dageqwesenen Ausmaßes.
    Die Garantie der Staaten, mit Steuergeld, für die Banken führt zu einer a-moralischen Explosion.
    Ist diese ersteinmal gestartet kann sie ohne einen Knall nicht mehr rückgängig gemacht werden.

    Auf deutsch:
    Der nie haftende und Steurgeld verschwendende Politiker gibt den Bankern die Garantie für Fehlverhalten und Verantwortungslosigkeit.

    Diesen Zustand könnte man auch als das Ende von Sittlichkeit bezeichnen.

    Die Forderung aufzustellen nach Eigenverantwortung im handeln und entscheiden klingt heutzutage geradezu absurd.

  5. bluestar sagt:

    wolfswurt, ausgezeichnete Beschreibung des Grundproblems.
    Die gleiche a-moralische Explosion wäre wohl zu erwarten, wenn kein Mensch mehr bei begangenen Straftaten zur Verantwortung gezogen wird.
    Im Endstadium war übrigens in allen Systemen immer die herrschende Moral der Herrschenden asozial.
    Der modernde, faulende Baum stinkt wohl schon ganz ordentlich.

  6. VickyColle sagt:

    Danke für den zusätzlichen Kommentar von Rotti. 😉
    Er verdeutlicht das „Dilemma“ in dem so mancher steckt ganz hervorragend.

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