Über eine „vergessene“ Anlageklasse: „Alles andere ist Kredit“

28. August 2014 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Gestern erschien auf n-tv.de ein interessanter Gastbeitrag, der insbesondere den Versicherungscharakter des Goldes hervorhob: „Der Versicherungsschutz Nr. 1“. Auf lange Sicht kann man diese Aussage ohne Wenn und Aber unterschreiben. Aber auf lange Sicht…

…das wusste schon seine verblichene Lordschaft, John Maynard Keynes, sind wir eben auch alle tot. Auch Dr. Alfons Proebstl, der auf youtube.com einen eigenen Kanal unterhält, widmete sich unter dem nicht ganz so berühmten Bonmot des US-Großbankiers J.P. Morgan „Nur Gold ist Geld, alles andere ist Kredit“ in seinem gestrigen Erklärstück ebenfalls den Themen Geld und Gold.

Ebenso wie 99% der Arten, die die Erde bislang bevölkerten, seien auch mehr als 99% der Geldsysteme und Währungen inzwischen den Weg alles Irdischen gegangen. Lediglich Gold habe überdauert. Und der Dollar „is a Mistvieh“, lässt uns der Herr Doktor wissen. Das Ganze läuft natürlich unter – Achtung! Achtung! – Satire, wie eigentlich fast jeder originelle Gedanke im verkniffen polit-korrekten Deutschland des Jahres 2014. So wurde das bisher aus Monarchien kolportiert, dass lediglich die Hofnarren die Wahrheit sprechen. Nach manchem Satirebeitrag ist man aber auch hierzulande besser informiert als nach den meisten Nachrichtensendungen.

„Gold schlägt Aktien“

Allerdings prangte über dem gestrigen n-tv.de-Beitrag die Aussage „Gold schlägt Aktien“, die ziemlich irritierend ist. Denn Gold war in den letzten Jahren – im Gegensatz zu Aktien – ziemlich „out“.

Der bei n-tv.de angeführte Chart zeigt für den Zeitraum seit Mitte 2009 zwar per Saldo tatsächlich einen leichten Anstieg des Goldpreises, aber eben nur absolut. Für die vergleichende Aussage „Gold schlägt Aktien“ ist dieser Anstieg nicht relevant. Entscheidend ist die Relativbewegung. Betrachtet man diesen sogenannten Spread, beispielsweise zum US-Blue-Chips-Aktienindex S&P500, dann zeigt sich per Saldo eine deutliche Abwärtsbewegung (Abb. 1).

2014-08-27-GoldKurz

Dabei sind im amerikanischen Aktienindex die Dividenden noch nicht einmal mit eingerechnet. Für Goldfans hätte die Rechnung im fraglichen Zeitraum also sogar noch negativer ausgesehen.

Besonders enttäuschend ist, dass Gold & Co. nicht einmal von den jüngsten Krisen und dem Ausbrechen bewaffneter Konflikte in der Ukraine und dem Nahen Osten „profitieren“ konnten. Die Flucht in Sicherheit fand also nicht statt, oder wurde von gegenläufigen Bewegungen überlagert. So neu ist diese Erfahrung allerdings nicht, denn auch in der Vergangenheit konnten Edelmetalle selbst im Angesicht bedrohlicher Krisenlagen oft nicht direkt zulegen, obwohl die passenden Argumente für einen Preisanstieg praktisch frei Haus geliefert wurden. Die Preisanpassung erfolgte dann häufig erst in nachrichtenärmerer Zeit.

Aktuell ist der relative Abwärtstrend von Gold gegen Aktien weiter intakt (Abb. 1, rote Linie). Zwar konnten in der jüngeren Vergangenheit die ganz steilen Abwärtstrends mehrfach aufgefächert werden (graue Linien), mehr als eine relative Stabilisierung war per Saldo aber nicht drin. Eine solche Stabilisierungsphase war nun auch wieder zu sehen (Abb. 1, blaue Unterstützung). Die jüngsten Entspannungssignale aus der Ukraine und rund um den Gaza-Konflikt brachten Gold gegenüber Aktien aber erneut etwas unter Druck.


Das große Bild

Was bedeutet das nun? Sicher nicht, dass Gold dauerhaft „out“ wäre und schon gar nicht, dass es seine Rolle als Versicherung grundsätzlich nicht erfüllen könnte. Schließlich fand die aktuelle, noch nicht beendete Abwärtsbewegung als Reflex auf die vorangegangene, rund zehnjährige Aufwärtsbewegung statt. Und wenn wir schon über Gold sprechen, dann sind Tages-, Wochen- und Monatsbewegungen allenfalls Fußnoten in der bewegten Geschichte des gelben Metalls. Hier rechnet man eher in Jahrzehnten.

Tritt man also einen Schritt zurück, dann zeigt sich die relative Preisbewegung des Edelmetalls gegenüber Aktien in einem längerfristigen Kontext (Abb. 2).

2014-08-27-GoldLang

Sehr schön ist in diesem Zusammenhang auch die lange Bodenbildung der Jahre 1997 – 2002 zu sehen, der dann der eigentliche Aufschwung im Vergleich zu Aktien folgte. Schon lange vor Ausbruch der Finanzkrise im Jahre 2007 hatte die schleichende relative Höherbewertung des gelben Metalls begonnen. Der Startschuss für den eigentlichen Aufwärtstrend fiel dann aber ins Krisenjahr 2007. Erst 2011 fand dieser Trend dann seinen vorläufigen(?) Höhepunkt. Seitdem ist das Verhältnis Gold/S&P500 auf dem Rückzug und erreichte fast wieder das Vorkrisenniveau. Im Vergleich zum Gipfelsturm der 1970er Jahre war die 2000er Goldhausse jedoch vergleichsweise unspektakulär (Abb. 2).

Fließende Verhältnisse

Allerdings ist zu berücksichtigen, dass sich über derart lange Zeiträume auch die realen Verhältnisse verändern. Während im S&P500 jeweils die 500 erfolgreichsten US-Unternehmen enthalten sind, war Gold – abgesehen von einer Bestandsausweitung – eher statisch. Das Verhältnis Aktien zu Gold verhält sich gedanklich so wie eine rentierliche Investition zu Geld. Im Normalfall schlägt die Rendite der Investition die Nullrendite des Geldes. Insofern sollte man vorsichtig mit Aussagen sein, dass einst historisch erreichte Preisrelationen realistische Kursmarken für die Zukunft darstellen.

Viel spannender ist da schon die Frage, wann man dem Aktienmarkt zugunsten von Gold den Rücken kehren sollte? Ein wesentlicher Hinweis dürfte sich aus der oberen Abb. 1 ergeben. Sollte die aktuelle dreiecksförmige Zuspitzung zugunsten des Goldes aufgelöst, also der rote Abwärtstrend gebrochen werden, wäre das ein deutlicher Hinweise auf eine steigende relative Attraktivität des Edelmetalls.

Fazit

Gold ist von den Radaren vieler Anleger verschwunden. Das hat zum einen mit der schlechten Performance der letzten Jahre, aber auch mit der Wahrnehmung zu tun, die Geld- und Schuldenkrise sei überwunden. Letzteres ist in jeder Hinsicht unzutreffend. Gerade deshalb sollte man in Phasen relativer Ruhe immer ein Auge auf den Goldpreis und dessen relative Trendänderungen haben.

© Ralf Flierl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor


 

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