Über die Kräfte der Vernunftbegabung

12. September 2013 | Kategorie: Gäste, Kommentare

von Bill Bonner  Im Gegensatz zu der Tsetsefliege oder dem Zwergkänguru kann der Mensch zwei und zwei zusammenzählen. Jemand, der sich intensiv mit Dingen beschäftigt, die ihm verständlich sind, wird viel öfter auf vier kommen als auf eine andere und bei dieser Addition deshalb falsche Summe…

Wenn er aber seine Fähigkeit, ihm naheliegende Sachverhalte zu verstehen, auf Dinge anwendet, die ihn nichts anzugehen brauchen – so wie z. B. die Schaffung von Frieden im Nahen Osten oder Gewinnmitnahmen aus einem Wall Street Boom – dann werden die Fakten matschig und die ganze Gleichung funktioniert nicht mehr.

Es ist klar, dass Vernunft unsere größte Stärke ist. Sie ist aber auch unsere schlimmste Eitelkeit. Einfache Äußerungen wie „ich bin ein Lügner“ verwirren uns. Wenn das wahr ist, ist die Äußerung widerlegt, wenn sie nicht wahr ist, tja dann….

Selbst in der Mathematik, der rationalsten aller Wissenschaften, ist nicht alles so sauber wie man denkt. Bertrand Russells „Principia Mathematica“ versuchte die gesamte Mathematik auf eine logische Grundlage zu stellen. Kurt Godel, ein brillanter Mathematiker, zeigte 1931 den unbestreitbaren Widerspruch in Russells Werk. Jahre später erinnerte sich Russell, der von einem seltsamen Vorschlag zum nächsten geeilt war: „Ich verstand natürlich, dass Godels Arbeit von fundamentaler Bedeutung war, doch sie verwirrte mich. Ich war froh, dass ich selbst mich nicht mehr mit der Logik der Mathematik beschäftigte.“

Godel, einer der begabtesten Mathematiker weltweit, starb im Jahr 1978. Er hungerte sich zu Tode, kauerte in der Stellung eines Fötus vor sich hin und verweigerte den Krankenschwestern, seinen Raum zu betreten, weil er befürchtete, von ihnen vergiftet zu werden.

Armer Kurt. Alles was ihm geblieben war, waren die Kräfte seiner Vernunftbegabung. Die kartesische Logik, die seiner Karriere einen solchen Glanz verlieh, bedingte auch seinen Tod: Er dachte, dass man ihn vergiften wolle; dieser Gedanke war ihm Wahrheit.

Das Problem mit der alten Mutter Erde, auf der wir leben, dass das Leben unendlich vielschichtig ist. Je näher man hinschaut, desto mehr sieht man. Was von Ferne einfach scheint – sagen wir, die Erziehung eines Pubertierenden oder südafrikanische Politik – wird bei näherer Betrachtung erschreckend kompliziert. Die ganze Wahrheit, unendlich wie sie ist, ist nicht in ihrer Gänze erkennbar. Für jeden kleinen Schnipsel von ihr steckt einer armen Seele ein Revolver im Mund…und ein Winkel in der Hölle wartet auf sie.

„Niemand weiß irgendwas“ sagt man in Hollywood in Bezug auf die Komplexität des Filmgeschäfts. Es kann sein, dass ein Filmstudio 100.000.000 Dollar für einen Blockbuster ausgibt, der dann total floppt. Genauso kann es aber auch sein, dass ein junger Kerl mit 20.000 Dollar einen Sensationserfolg landet. Die alten Hasen wissen, dass selbst lebenslange Praxis und Erfahrung keine Garantie bedeutet. Sogar die Profis vertun sich, wenn es darum geht, einen Knaller vorherzusagen.

Doch fragen Sie jemanden auf der Straße, und er hat vielleicht eine Meinung zu Erfolg oder Misserfolg in diesem Gewerbe. Vielleicht hat er sich sogar Aktien einer der Traumfabriken gekauft, nachdem er gehört hat, was für Großprojekte sie für den nächsten Sommer planen. Er hat natürlich keines der Drehbücher gelesen, mit keinem Schauspieler gesprochen und auch sonst noch nie Erfahrungen in diesem Beruf gemacht – noch nicht einmal als Platzanweiser. Dennoch hat er eine Erwartungshaltung, die aus denjenigen Informationen resultiert, die er aus Zeitschriften oder dem Fernsehen erhält.

Die Leute haben zu allem eine Meinung – besonders aber zu Dingen, von denen sie keine Ahnung haben. Die Wähler von Baltimore brachten es während der 1980er kaum fertig, ihre Stadtverwaltung zum Abholen ihres Hausmülls oder zum Stopfen der Schlaglöcher ihrer Straßen zu bewegen. Dennoch hatten sie alle eine sehr entschiedene Meinung zur Restrukturierung der Regierung von Südafrika, obwohl nur eine verschwindend geringe Zahl von ihnen dem Land die größten ethnischen Gruppen zuordnen oder deren Sprachen verstehen konnte.

Je mehr die Leute aber über die Situation in Südafrika erfuhren, desto schwerer fiel es ihnen, sich eine einfach gestrickte Meinung zu bilden. Ein gut informierter Mann, den man um eine Stellungnahme zu dem Thema bat, begann mit den Worten „Ich weiß nicht…“

Dank der Kommunikation des Informationszeitalters, werden die Menschen täglich unkundiger. Das Gruppendenken schießt ins Kraut und erstickt die wenigen zarten Keimlinge wahrer Weisheit und Wahrheit. Die kollektive Verblödung wuchert.

Bald schon wird nichts anderes mehr gedeihen können: Dann wissen wir gar nichts mehr… (Seite 2)

 

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2 Kommentare auf "Über die Kräfte der Vernunftbegabung"

  1. stephan sagt:

    Die Artikel von Herrn Bonner fand ich eine zeitlang sehr philosophisch und auch etwas zu allgemein sowie etwas nebulös formuliert.

    Mittlerweile beschreibt Herr Bonner essentielle, allgemeine Wirkmechnismen mit konkretem Bezug, für jeden der ein wenig Denken mag, richtig gut, z.B. hier:

    „Dank der Kommunikation des Informationszeitalters, werden die Menschen täglich unkundiger. Das Gruppendenken schießt ins Kraut und erstickt die wenigen zarten Keimlinge wahrer Weisheit und Wahrheit. Die kollektive Verblödung wuchert.“

    Vielen Dank! Und ein jeder stelle sich die Frage: Wem nützt die (Voll-) Verblödung der breiten Masse?

    P.S: Der effektivste Denkanstoß von Herrn Bonner bisher war meiner Meinung nach dieser:

    „Ich stelle Ihnen hiermit eine einfache Frage. Fragen Sie sich: Wenn es keine Regierung gäbe – würden Ihnen dann Menschen Geld geben, damit Sie das tun, was Sie tun? Wenn die Antwort “nein” ist, dann sind Sie selber wahrscheinlich ein Zombie.“

    Aus: http://www.rottmeyer.de/eine-verhaengnisvolle-entwicklung/2/

    Diese Frage sollte sich tatsächlich jeder einmal stellen! Ich möchte gar nicht wissen, wie unser Straßenbild beschaffen wäre (mindestens 50 Prozent Zombies!), wenn die Frage von allen ehrlich beantwortet würde.

  2. Gandalf sagt:

    (@ Übersetzung: Der Mathematiker heisst Kurt Gödel)

    … Gödel hat mit der Widerlegung Russels (einem Konstruktivisten und Sozialisten) weitaus mehr geleistet, als nur (s)eine Logik ein für alle mal zu „versenken“: Gödel hat bewiesen, das die Sätze ‚jeder‘, scheinbar in sich schlüssigen Logik niemals vollständig sein können, bzw. dass dies jemals beweisbar (=berechenbar) sein wird.

    Das hat schwerwiegende Konsequenzen wenn man z.B. Berechnungen darüber anstellen will, bei denen man selbst betroffen ist. In der Oekonomie sind dies z.B. die arbeitsteiligen Beziehungen die bei den unzähligen individuellen Tauschgeschäften entstehen. Der „Mehrwert“ daraus (der Wohlstandsgewinn) lässt sich daher niemals berechnen. Genau das aber wird von konstruktivistischen Ideologen („Gottspieler“) vorgekaukelt, wenn sie behaupten, dass sie die Wirtschaft durch Interventionen bei Zins und Geldmenge gezielt steuern können.

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