Explosive Gemengelage. Über das Ende der deutschen Sonderkonjunktur

14. August 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ralf Flierl & Ralph Malisch

Deutschland profitiert vom Euro. Nie war dieser Satz richtiger als in der Zeit der Eurokrise. Während zu Beginn der Währungsunion massiv Kapital auf der Suche nach Rendite in die Euro-Peripherie abgeflossen war, kam es erst in der Krise – auf der Suche nach Sicherheit – zurück…

Das führte an den Immobilienmärkten der heimischen Ballungsräume zu einem veritablen Boom. Auch begünstigt der aus deutscher Sicht zu tief bewertete „One size fits all“-Euro massiv die Exportwirtschaft Deutschlands. Dass hier die glühendsten Anhänger des Währungsexperiments sitzen, ist schon angesichts der sprudelnden Gewinne nur allzu verständlich. Theoretisch würden massive Kapitalzuflüsse in ein Land ja zu einer Aufwertung führen. Da die Quelle der Geldströme in diesem Fall aber überwiegend nicht das Ausland, sondern das Euro-Inland selbst war, gab es überhaupt keine Erhöhung der Nachfrage nach Euros.

Ähnlich dem Blutkreislauf einer unterkühlten Person, der sich nur noch auf die Versorgung der lebenswichtigen Organe konzentriert, „zentralisierte“ die Eurozone. Die Blutarmut der Peripherie wurde durch Maßnahmen und gewähren lassen (Stichwort: TARGET-II-Salden) unter anderem seitens der EZB „behandelt“.

Wie verrückt muss man sein, um in Europa noch ein Unternehmen zu führen? Nicht nur Regulierungswahn und Steuerdruck belasten das Unternehmertum, sondern auch künstlich vergrößerte Ungewissheit. Die Märkte sind zunehmend verzerrt. Womit müssen, womit können Unternehmer noch rechnen?

Haben kleine und mittlere Unternehmen in Europa überhaupt noch eine Zukunft, zumal massive Verzerrungen und Interventionen zur Konzentration drängen? Welche Werte vermögen der Blasenökonomie standzuhalten? Dieses hochkarätige Symposion an einer der wenigen unternehmerischen Hochschulen des Landes verbindet Theorie und Praxis, um einmal ohne Denkverbote und politische Anbiederung die Bedeutung, Gefahren, Probleme und Perspektiven des Unternehmertums in einem immer schwierigeren Umfeld zu reflektieren. Möge es ein kräftiges Lebenszeichen des bedrängten Unternehmertums sein!

Verschiebebahnhof

Gleichzeitig aber und das wirkte wiederum kontraktiv, versuchte man fiskalisch eine Sanierung der Staatshaushalte dieser Länder, die allerdings als weitgehend gescheitert gelten muss. Die griechische Staatsschuld stieg beispielsweise trotz rekordtiefer Zinsen auf ein neues Hoch. Wenn man den deutschen Boom der letzten Jahre als Reflex auf die Krise und als Ergebnis der Krisenbewältigungsversuche begreift, dann ist auch klar, warum dieser Boom stets künstlich war und daher auch nicht nachhaltig sein konnte. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass er durch Darlehen und Bürgschaften in dreistelliger Milliardenhöhe teuer erkauft wurde.

Die Kosten in Form von Abschreibungen auf die Darlehen und der Inanspruchnahme aus den Bürgschaften sind ja noch nicht sichtbar geworden. Der reale Wert der Zahlungsversprechen von Bankrotteuren tendiert aber gegen Null. Zudem haben es betroffene Banken geschafft, im Rahmen der Krise einen guten Teil dieser potenziell wertlosen Forderungen an die Staaten durchzureichen. Damit ist ein weiterer Effekt verbunden: Die überfällige Bereinigung des vorangegangen Kreditbooms in Form von Schuldner- und Gläubigerausfällen wurde so erneut in die Zukunft vertagt und das Problem wurde weiter vergrößert. Das sind die überwältigenden Abwärtskräfte, die vor allem durch eine ultralockere Geldpolitik zurückgestaut werden.

Konjunkturerwartungen abgetaucht

In der Titelgeschichte des aktuellen Smart Investor 8/2014 beschäftigen wir uns eingehender mit dieser Gratwanderung zwischen den massiv gegeneinander stehenden Kräften: „Crack-up-Boom oder Crash?“ Mit dem aktuellen ZEW-Index des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung ziehen aber nun für jedermann sichtbar dunkle Wolken am deutschen Konjunkturhimmel auf. Um satte 18,5 Punkte auf nur noch 8,6 Punkte sackte der Index ab – der achte(!) Rückgang in Folge.

Auch der Index der Verbraucherpreise zeigt sich mit einem Wert von + 0,8% im Vorjahresvergleich abgekühlt – der tiefste Wert seit mehr als vier Jahren. Es ist die enorme Verflechtung der deutschen Wirtschaft, die gerade zum Bumerang wird.

War der Niedergang der Euro-Peripheriestaaten gerade noch zu verschmerzen, dann sieht das beim Haupthandelspartner Frankreich schon anders aus. Dort wurde eine ernsthafte Haushaltskonsolidierung gar nicht erst versucht. Statt dessen praktizierte die Regierung Hollande eine Mischung aus Steuerpopulismus und Vulgär-Keynesianismus. Der größte „Erfolg“ war die Vertreibung von ein paar Reichen, die das Land ein Stück näher an den Vollsozialismus herangeführt hat. Im Vergleich zu den japanischen „Abenomics“ – einer nach dem Ministerpräsidenten Shinzō Abe benannte Politik der Hyperstimulierung der Wirtschaft – sind die französischen „Hollandenomics“ allerdings noch von dieser Welt. Die jüngsten Wirtschaftszahlen des Inselstaates sind ohne Wenn und Aber verheerend. Bis auf die Preise weisen alle Kurven steil nach unten… (Seite 2)



 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , , ,

Ein Kommentar auf "Explosive Gemengelage. Über das Ende der deutschen Sonderkonjunktur"

  1. Michael sagt:

    Wer halbwegs den Fokus auf der langen Sicht hat wird sich in Aktien sowieso kaum mehr engagieren. Es kann durchaus dieser Anstieg der letzte seiner Art auf diesem Niveau sein. Es wird bestimmt versucht die Höhen zu koste es was es wolle. Ob die Anstiege noch ehrbar sind. Der Ablauf der Bewegungen ist wie in Zeitlupe. Das kann man sehen als Zeichen für erstaunlich engagiertes Dahinwursten, in dem Genere ist die Weltwirtschaft mittlerweile geübt in den verschiedensten Facetten, sein oder es setzt bereits die Ernüchterung ein.

    In ein Haus gehören Kinder, dann kommt auch ein Leben rein. Das fehlt in den Aktienmärkte. Es fehlt der Drive. Unsere Aktienmärkte sind überfüllte Altersheime. Das Wachstum in den Aktienmärkte der 80er war eine Aufholjagd im großen Stile. Da sind die Gewinne nur so explodiert. Sobald sich bei Aktien, wenn man in der alten Denke auf die Märkte schaut, die Gewinne bescheidener ausnehmen ist eine Fluchtbewegung zu erwarten. Zumal man Käufer finden muss … sollte der Preis passen.

    Es wird immer wieder Gründe geben und Kommentare gefunden Preisniveaukorrekturen auf Ereignisse zu schieben die außerhalb der ‚Verantwortung‘ der Marktteilnehmer liegt. Es treten einfach von Zeit zu Zeit Korrekturen auf. Man kann diese Einschätzung sollten Investoren tatsächlich Sorgen ob der geopolitischen Lage haben und nicht wenn überhaupt nur kommunizieren, dann wäre das eher ein Zeichen von mangelndem Sportsgeist nach 5 Jahren oder eben eine gewisse Müdigkeit. Es schläfriges Sentiment. In dem Fall sinkt die Hand nach dem Lesen vor dem Einschlafen über die Bettkannte und der Aufprall des Buches wird eher nur noch als dumpfer Plumps wahrgenommen und man ist froh, dass das Buch aus dem Bett ist und man endlich eine Ruhe hat.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.