Über Bullen, Bären und Drachen

3. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor (Homepage)

Lange Zeit, wurde das chinesische Modell als die überlegene Variante der Transformation einer Kommandowirtschaft zur Marktwirtschaft angesehen. Während Russland zunächst die Politik demokratisierte, konzentrierte man sich im Reich der Mitte zunächst auf Wirtschaft und Handel, beließ es aber bei der Herrschaft der kommunistischen Partei.

Die unterschiedliche Entwicklung während der vergangenen knapp drei Jahrzehnte spricht für das chinesische Modell. Manche Beobachter halten die chinesische Wirtschaft inzwischen sogar für freier als die des „alten Westens“, die durch immer neue und immer absurdere Vorschriften, Regularien und Quoten ideologisch gegängelt wird. Der Unternehmer als ungeliebter Erfüllungsgehilfe der Politik ist inzwischen ein klar westliches Wirtschaftsmodell. Es sei denn der Unternehmer ist zufälligerweise ein Großkonzern, dann ist auch hierzulande die Politik stets gern zu Diensten.

Allerdings sollte man sich hinsichtlich des Erfolgsmodells des chinesischen Drachens nicht täuschen. Das gigantische Wachstum der letzten Jahrzehnte hat manchen Widerspruch überdeckt und manche latente Gefährdung wurde vom Erfolg überrannt – verschwunden ist sie damit nicht. Genannt seien das Schattenbankensystem, die milliardenschweren Fehlinvestitionen und das Gefälle zwischen den boomenden Zentren und den vergessenen ländlichen Regionen. Da ist reichlich Sprengstoff vorhanden.

„All in!“

Das dürfte erklären, warum die chinesische Führung sich geradezu verzweifelt gegen die aktuelle Baisse an den heimischen Aktienmärkten stemmt. Die chinesische Führung arbeitet beim Intervenieren mit Holzhammer und großer Bugwelle. Das kann man tun. Die wirkliche Gefahr eines solchen „All in“ an den Märkten besteht aber – wie beim Poker – darin, dass es versagt. In einem solchen Fall ist die Dynamik der Bewegung einfach um ein Vielfaches stärker – im Poker wäre die Analogie, dass sich die Gegenseite nicht bluffen lässt, sondern mitgeht. Das ist der Moment, in dem die Offiziellen das Heft des Handelns verlieren und genau das kann sich zu einer äußerst schweren Krise auswachsen. In deren Gefolge dürften dann nach und nach auch jene oben erwähnten Leichen wieder an die Oberfläche treiben, die man während des Booms noch einigermaßen zuverlässig am Meeresgrund verankert wähnte.

Im Gegensatz zum Reich der untergehenden Kurse haben die USA ihre Interventionstechniken an den Märkten über die Jahre eindrucksvoll verfeinert. Neben der medialen Einflussnahme werden tatsächliche Operationen nicht an die große Glocke gehängt – Stichwort „Plunge Protection Team“ (PPT). Nicht einmal dessen Existenz ist offiziell bestätigt, dessen Operationen schon gar nicht. Das Wissen über einen solchen „Deus ex machina“ beeinflusst aber dennoch das Anlegerverhalten. Manches Mal, wenn die Kurse gegen Ende einer kritischen Sitzung auf wundersame Weise nach oben gezogen wurden, muss dies gar nicht das PPT gewesen sein. Die Angst der Shorties vor dem Eingreifen des PPT genügt bereits für einen solchen Eindeckungswettlauf vor der Schlussglocke. Bei den gemanagten Märkten im „US-Style“ bleibt der Holzhammer der massiven direkten Notenbankinvestitionen in aller Regel an der Wand hängen – freilich als gut sichtbare Mahnung an das, was möglich wäre. Von dieser effizienten Form der Planwirtschaft innerhalb der Marktwirtschaft können die Chinesen durchaus noch etwas lernen.

Beide Leitbörsen abwärts

Von der deutschen Börse darf man bis zum heutigen Tag kein wirkliches Eigenleben erwarten. Das hat sie mit der Politik gemeinsam. Während sie früher begierig die Vorgaben aus den USA aufnahm schaut sie heute bangend nach China – das gilt zumindest für die Börse, während der Blick der Politik weiter stramm in Richtung Westen gerichtet wird. Kurz: Die deutsche Börse wird sich vom Störfeuer der chinesischen Märkte nicht abkoppeln können. Das ist, wenn man so will, die Schattenseite des über die Jahre stetig gewachsenen Gewichts der chinesischen Wirtschaft. Die deutsche Wirtschaft profitiert nicht nur von deren Hunger nach deutschen Waren, sie leidet auch unter deren Einbrüchen. Daneben gibt es erste Hinweise, dass sich China im Zuge der Krise von einem Teil seines gewaltigen Bestandes an US-Staatsanleihen trennt. Die Verflechtungen sind also vielschichtig und betreffen keineswegs nur den Aktienmarkt.

ssi-Chart_01Der Shanghai Composite (vgl. Abb. 1) zeigt ein bemerkenswertes Verhalten: Vom Gipfel gab es eine erste scharfe Abwärtsbewegung, der dann eine zweite folgte. Nicht nur, dass während dieser Bewegung die chinesischen Stützungsmaßnahmen bereits in vollem Gange waren, sie war auch noch wesentlich schärfer als die vorangegangene – über gescheiterte Bluffs sprachen wir bereits. Die Heftigkeit der Bewegung lässt sich insbesondere an den beiden Kurslücken („Gaps“, gelbe Markierungen) festmachen, von denen bislang nur eine geschlossen werden konnte. Die Aufwärtsbewegung seit dem Zwischentief vor genau einer Woche ist vor dem Hintergrund der vorangegangenen Abwärtsbewegung auch nicht gerade als dynamisch zu charakterisieren. Ein einziger weiterer Abwärtstag würde sie komplett zunichtemachen. Höchste Vorsicht bleibt hier also angesagt.

Kleine Hoffnungsschimmer am Horizont

Über die Reaktionen des DAX haben wir in den Vorwochen schon ausführlich berichtet. Nachdem ein Teil der bisherigen Aufwärtskorrektur von den Tiefs vom 24.8. wieder aufgegeben werden musste, kämpft der deutsche Leitindex erneut um die Marke von 10.000 Punkten. Die Kommentatoren sind teilweise extrem negativ gestimmt – mit guten und nachvollziehbaren Argumenten. Einen kleinen Hoffnungsschimmer mag man in dieser dramatisch verschlechterten Stimmung erblicken. Allerdings ist die Gleichung „Schlechte Stimmung = Steigende Kurse“ zu einfach. Ähnliches gilt für die relativ niedrige Bewertung der Aktien im Vergleich zu den Renten. Das ist zwar eine interessante Information, aber man muss damit rechnen, dass diese von einer massiven Abwärtsdynamik durchaus noch ein Weilchen ignoriert wird. Aktuell ist nach der abgeschlossenen Top-Bildung an der US-Börse auch von dort kein Rückenwind zu erwarten. Im Gegenteil, mit den gestrigen Kursverlusten wurde die Erholungsbewegung nach dem ersten Einbruch nun erst einmal wieder beendet. Im Gegensatz zum chinesischen Markt steht dort auch noch das „zweite Bein“ nach unten aus. Eine Minimumerwartung wäre ohnehin ein Test der Tiefs um 1.867 Punkte im S&P 500 (vgl. Abb. 2).

spx-Chart_02

Dass allerdings bereits der erste Bruch eines mehrjährigen Aufwärtstrends nach Kursverlusten von nur rund 12,5% mit einem Doppelboden beendet wird, halten wir für eher unwahrscheinlich.

Alarm vom Zyklenmodell

Wir müssen uns also auf neue Tiefs in der laufenden Abwärtsbewegung einstellen. Dass es um die vorangegangene Aufwärtsbewegung mittlerweile schlecht bestellt ist, darauf weist auch das Pi-Zyklen-Modell unseres Gastautors Kersten Wöhrle hin. Die im Smart Investor 8/2015 beschriebene „Target 1 Sequenz“ ist seit Montag abgeschlossen und hat einen „27.02 DC Target Error“ generiert. Zusätzlich wurde bereits am 4. August ein „27.02 DC Core Error“ produziert. Das Modell ist damit von dem Hausse- in den Baisse-Modus übergegangen. In der kommenden Ausgabe 10/2015 werden wir noch ausführlicher über die Implikationen dieses Wechsels berichten.

Sonderaktion

Wer gerade nur „Bahnhof“ verstanden hat, dem empfehlen wir noch einmal die Lektüre der Seiten 35ff in der Druckausgabe Smart Investor 8/2015. Dort ist nicht nur das Modell detailliert beschrieben, es wurde auch auf die beiden wichtigen Daten aufmerksam gemacht. Falls Sie kein Abonnent der Print-Ausgabe sein sollten, machen wir Ihnen folgendes Angebot: Bei Abschluss eines Probeabos erhalten Sie neben den üblichen zwei Ausgaben die Ausgabe 8/2015 noch obendrauf. Vermerken Sie bei Ihrer Bestellung bitte den Hinweis „Pi-Zyklus“.

Fazit

Die Lage an den Aktienmärkten bleibt extrem angespannt. Neben dem chinesischen Markt kämpft auch die US-Leitbörse gegen massive Abwärtstendenzen. Im S&P 500 halten wir es für unwahrscheinlich, dass das bisherige Tief bereits einen tragfähigen Boden bildet. Wir befinden uns weiter im Baisse-Modus und agieren entsprechend vorsichtig.

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