Über gefallene Herrscher und verzockte Milliarden

14. September 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt

Nie waren sie so planlos wie heute, unsere Staaten- und Wirtschaftslenker. Aber wenn ich mich in den letzten Stunden richtig durch die Gerüchte, Andeutungen und Dementis gewühlt habe, wird in Kürze unter dem Strich dastehen, dass Brasilien, Russland, Indien und China (die sogenannten BRIC-Staaten) mit den USA und Europa die Rollen getauscht haben. Das heißt, dass diese Staaten mithelfen, dass unser Kartenhaus aus Schulden nicht zusammenbricht…

indem sie verstärkt US- und Euro-Anleihen kaufen und dafür Bedingungen stellen wie besseren Marktzugang und höhere Sicherheiten und Garantien für die Rückzahlung. Vor einigen Jahren waren die Rollen noch genau anders herum verteilt. Europa und die USA markierten den dicken Maxe, erklärten den armen, unerfahrenen Ländern, wie sie ihre Währungen auf- oder abzuwerten hatten und diktierten die Bedingungen für Geld, Maschinen und „Know How“.

Ei, dieser Rollentausch schmerzt gewiss so manchen großspurigen Politiker. Hoffentlich. Denn jetzt büßen sie für ihre Borniertheit, jetzt sind sie die Bittsteller. Jetzt muss man lieb sein, sonst gibt’s kein Geld. In einer Situation, in der die Emission neuer Staatsanleihen vor allem der Zinszahlung der bereits bestehenden dient, bleibt wenig Raum für große Sprüche. Während man sich vor kurzem noch aufführte wie die Herrscher der Welt, dominieren jetzt Worte wie Solidarität und Zusammenhalt die Reden. Wie peinlich. Und wie vorhersehbar. Ich hatte schon öfter, zuletzt 2010 im Zusammenhang mit dem Mini-Währungskrieg zwischen den USA und China um die Aufwertung des Yuan, unterstrichen, dass vor allem die USA immer noch nicht gemerkt hatten, dass es längst China ist, das die Bedingungen stellen kann. Jetzt scheint es langsam zu dämmern. Ich kann mich der Schadenfreude nicht erwehren, wirklich. Und das beste ist:

Närrische Rosskuren

Es wird noch viel schlimmer. Denn ich weiß zwar nicht, welch heimtückischer Virus die Köpfe der Entscheider befallen hat, aber ich kenne seine Auswirkungen: das zwanghafte wiederholen fataler Fehler. Wenn es schon zu schwer zu kapieren ist, dass rigide Sparmaßnahmen zwar die unmittelbare Schuldenaufnahme kurzzeitig lindern, dafür aber der Wirtschaft in einer Phase Geld entziehen, in welcher mehr Geld nötig wäre, um wieder zu Wachstum zurück zu gelangen und somit das Problem mittelfristig noch verschärft wird (von den bereits vorhandenen und sich zwangsläufig verschärfenden sozialen Unruhen mal abgesehen) … kann man dann nicht wenigstens einen Blick in die Geschichtsbücher werfen und erkennen, dass genau diese Denkweise in den frühen 30ern in die Depression geführt hat.

Und es möge mir keiner kommen mit „ja, aber da hatte man doch die Zinsen so erhöht“. Das ist doch nicht der Punkt! Es ist völlig wurst, auf welchem Wege der Wirtschaft Kapital entzogen wird, ob über eine Zins-Garotte oder durch die Hintertür via Sparmaßnahmen, die der Bevölkerung Geld entzieht, was letztlich auch zu schwindendem Konsum und in dessen Folge zu sinkenden Unternehmensgewinnen führt. Und die niedrigen Zinsen helfen schließlich nichts, wenn es für Unternehmen keinen Grund gibt zu investieren, die Privatiers ohnehin schon überschuldet sind und viele Banken ihre Kreditvergabe-Bedingungen verschärft haben, um ja nichts rausrücken zu müssen. Und es ist auch keine Ausrede, dass wir jetzt eine globalisierte Weltwirtschaft haben. Das bewirkt nur, dass alle miteinander umso schneller mit in den Strudel gezogen werden. Diese Behandlungsmethode ist, als würde man jemanden mit hohem Blutverlust mit einem Aderlass kurieren wollen.

Hat man sich vielleicht gedacht, dass man es jetzt mal mit weniger Geld probiert, weil mehr Geld in 2008/09 irgendwie nicht dauerhaft funktioniert hatte? „Trial and Error“ statt gesundem Menschenverstand, weil letzterer leider in den entscheidenden Positionen unterrepräsentiert ist? Versteht man eventuell nicht, dass mehr Geld durchaus funktioniert hätte, hätte man dafür Sorge getragen, dass es in die richtigen Kanäle fließt? Wer weiß. Aber wir dürfen uns in den kommenden Monaten und Jahren auf etwas gefasst machen. Europa und die USA tun aktuell genau das Falsche, begeben sich dabei nebenher in die Abhängigkeit der Länder, denen sie noch vor kurzem diktierten, wie man „Wirtschaft“ macht (wobei man sich dort deutlich schlauer anstellt als gedacht, indem man unsere Fehler vermeidet). Und diejenigen, die es besser wissen als Stark oder Weber, verlassen das sinkende Boot im Zorn, um durch gehorsame Leichtmatrosen ersetzt zu werden. Halleluja… (Seite 2)

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10 Kommentare auf "Über gefallene Herrscher und verzockte Milliarden"

  1. astockma sagt:

    Hallo liebe Leute
    ich bin heute über einen Artikel in der FAZ gestoßen und finde den Ansatz ganz vernünftig. Geht das?
    http://www.faz.net/artikel/C30638/standpunkt-eu-superstaatsgruendung-aus-angst-vor-crash-30686321.html
    Was haltet ihr davon?

  2. p.koslowski sagt:

    Klasse Artikel Herr Gehrt! Danke fürs einstellen, Frank!

  3. Fnord23 sagt:

    Lieber Herr Gehrt,
    ich lese Ihre Beiträge wirklich gern.

    Wir sollten aber nicht glauben, dass Staaten- und Wirtschaftslenker nicht wissen was sie tun.
    Ich bin mir sicher die wissen es ganz genau. Wir wissen nur nicht, was der große Plan ist und darum verstehen das die meisten Menschen nicht.

    Ich glaube auch nicht, dass sich der alte dicke Max Europa die Butter vom Brot nehmen lässt. Weder von den Chinesen, noch von den anderen.

    Und wenn sich uns Rössler hinstellt und einen Satz über Griechenland fallen lässt, dann stand das genau so in seinem Drehbuch für diesen Tag.

    Ja, daran will ich glauben.

    Mal eine Frage in die Runde:

    Wer glaubt, dass ein einzelner einsamer Händler bei der UBS 2Mrd. verschiesst, ohne dass er das „Okay“ von woher auch immer hatte?

    Ich nicht, denn wenn das so einfach wäre, dann hätten wir das doch jede Woche. Oder?

    Ich höre eben noch mal, dass sich die Bundesregierung auf eine Griechenlandpleite und damit auf eine Bankenrettung vobereitet.( Was ja schon lange in der Schublade liegt, wahrscheinlich schon seit Euroeinführung?)

    Banken kann man auch durch Entschuldung und Verstaatlichung „retten“.

    Eine Aussage am letzten WE von einem Mitglied der sächs. Staatsregierung zum Euro: „Das Thema Euro ist durch – Gegessen“

    VG aus Sachsen

    • auroria sagt:

      Full Ack.
      Die Politiker sorgen selbst für den Eindruck, dass sie „dumm“ sind oder nicht genau wussten was sie tun.
      Und es funktioniert. Die meißten Menschen sind gerne bereit das zu glauben, nehmen das als Begründung, warum viele Dinge schlecht laufen und kommen gar nicht auf die Idee, dass die Politiker ganz andere Gründe für ihre Entscheidungen hatten.

      Man muss aber aufpassen, dass man nicht alles was passiert für geplant hält. Zufälle gibt es sehr wohl. Der Bänker mit den 2 Milliarden Verlust z.b. kann sehr wohl einer sein. (is ja auch nicht der 1. Fall dieser Art)
      Die Begründung, dass es öfter passieren würde wenn es so einfach ist, trägt nicht.
      Es werden ja auch nicht alle paar Tage teure Gemälde aus Museeen geklaut, trotzdem passiert es ab und zu.

  4. Edwin Glaser sagt:

    Einen Punkt verstehe ich nicht.

    > wer gerade seine Altersvorsorge verzockt hat, wird sich nicht gerade einen
    > neuen Bentley kaufen

    Wieso gibt es immer noch Arbeiter und Ingenieure, die diese hoch gejubelten Zockerpapiere gegen Autos, gegen reale Sachwerte, gegen echte harte Arbeit eintauschen?

  5. e-t sagt:

    Es ist eigentlich begrüßenswert, das sich der Lebensstandard von BRICS und alten Industriestaaten angleicht – die Erde hat aber leider nicht genügend Ressourcen um den BRICS Staaten den gleichen Lebensstandard wie in den Industriestaaten zu ermöglichen. Daher wird unser Lebensstandard zwangsläufig sinken und der der BRICS Staaten aufschließen.

    Viel klüger sind die Leute dort aber auch nicht (hatte mit chin. Kollegen zusammen gearbeitet). Das zeigt sich ja an der Inflation der Lebensmittel in China oder die dortige Bauwut (Straßen, Häuser, Städte im Nirgendwo in denen keiner wohnt etc.).

    Wie Herr Gehrt bereits erwähnte, ist der hiesige Schulden-Markt gesättigt (übersättigt?) die BRICS Staaten haben da noch Möglichkeiten.

  6. wolfswurt sagt:

    Die Mär vom Retter BRIC kann getrost ad Akta gelegt werden.

    Ein realer Blick in die Strukturen jener Länder läßt das Gequatsche in den Medien nur noch als Eulenspiegelei erscheinen.

    Das System der Geldschöpfung aus dem Nichts ist global und ein globales „Nichts“ wird am Ende der Tage wieder real „Nichts“.

    Nichts bleibt Nichts.

    Die Staaten mit viel „Nichts“ sollen nun von Staaten mit wenig „Nichts“ gerettet werden?

    Und in den Staaten mit viel „Nichts“ ist die demographische Situation dermaßen ausgezehrt(Überalterung), so das ein erarbeiten des vielen Nichts, welches auch noch Zinsen einfordert, unmöglich wird.

    Die BRIC-Staaten sind keine aufsteigenden Kulturen sondern ebenso im Zivilisationsstatus wie die gesamte westliche Welt.

    Nur eine aufsteigende Kultur, im vorindustriellen Status, wäre in der Lage eine untergehende Zivilisation aufzufangen und zu ersetzen.

    Zivilisation ist immer das Ende eines kulturellen Aufstieges von Völkern.

  7. […] Ronald Gehrt: Über gefallene Herrscher und verzockte Milliarden […]

  8. Terra sagt:

    Nun denn. Dann gehen wir morgen kurz vor 13 Uhr alle schön long in Gold und short in den DAX.

    Vielleicht verzocken wir unsere Altersvorsorge oder kaufen uns danach einen Bentley 😉

  9. Vertrauensverlust, kleiner Goldmarkt und griechische Tragödie | Barrengold kaufen sagt:

    […] gibt mit Über gefallene Herrscher und verzockte Milliarden einen interessanten Einblick in das Volumenverhältnis von Goldmarkt und Schulden. Die […]

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