Über die Ruhe. Nach dem Sturm ist vor dem Sturm

29. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(vom Smart Investor) Die Schuldenkrise ist von den Titelseiten verschwunden. Wir meinen, zu Unrecht. Lange Zeit wurde München mit einem Augenzwinkern als die nördlichste Stadt Italiens bezeichnet. Ein Titel den die Bayernmetropole nun an Frankfurt weiterreichen muss. Seit Mario Draghi die EZB in den Ausnahmezustand versetzt hat und dort mit der „Dicken Bertha“ wild um sich schießt, herrschen in Frankfurt „Italienische Verhältnisse“…

Das allerdings hat wenig mit Dolce Vita zu tun. Wer glaubte, Amtsvorgänger Trichet habe sein Mandat schon ausgesprochen weit ausgelegt, etwa beim Ankauf von Schrottanleihen aus der „Südschiene“ bzw. Euro-Peripherie, dem zeigt Draghi, was noch so alles möglich ist. Natürlich war es wieder einmal höchste Eisenbahn, um eine Kernschmelze des Finanzsystems zu verhindern. Wer soll das eigentlich noch glauben?! Das europäische Bankunwesen darf eine weitere gelungene Erpressung und rund 1.000 Mrd. EUR für sich verbuchen. Nach der zweiten LTRO-Tranche (Long Term Refinancing Operation) in Höhe von rund 530 Mrd. EUR wurde es jedenfalls erst einmal ruhig und die Schuldenkrise verschwand für ein paar Tage von den Titelseiten des Mainstreams. Vermutlich heckt man gerade den nächsten Coup gegen die europäischen Steuerzahler aus.

Von Sündern und Sündenböcken

Diese Ruhe wird sich daher schon bald als trügerisch erweisen, denn gelöst wurde das Problem der weiter anschwellenden Staatsverschuldung nicht ansatzweise. Auch mit dem „freiwilligen“ griechischen Schuldenschnitt wurde nur ein wenig an den Symptomen herumgeschnipselt, was im Gegenzug natürlich auch zum Untergang der dazugehörigen Forderungen führte. Damit bestätigte sich eindrucksvoll, was die viel gescholtenen Finanzmärkte bereits zu Beginn der Griechenland-Krise richtig erahnt hatten und gegen das ständige Störfeuer aus Politik und EZB einzupreisen versuchten: Die bevorstehende Bankrotterklärung eines korrupten und hemmungslos überschuldeten Staates. Die eigentlichen Sünder saßen und sitzen an den Schalthebeln der politischen Macht und machten kurzerhand diejenigen Marktteilnehmer, die ihnen auf die Schliche gekommen waren, mit „Haltet den Dieb!“-Parolen zu Sündenböcken. Eine besonders hässliche Form des Populismus, mit der wir schon öfter traurige Bekanntschaft gemacht haben.

Staatliches Handeln verdrängt Freiwilligkeit

Trotz tödlicher Erkrankung des Geldsystems besteht die verabreichte „Medizin“ bislang vor allem aus hochdosierten Beruhigungspillen. Als Folge dieser kostspieligen, letztlich jedoch nutzlosen Maßnahmen, übernimmt die EZB immer mehr Positionen, die in normalen Zeiten von regulären Marktteilnehmern freiwillig übernommen worden wären. Der Preis dafür hätte sich in einem Marktprozess, wiederum freiwillig, herausbildet – wie gesagt: In normalen Zeiten. Allenfalls könnte das Eingreifen in Marktprozesse eine gewisse Rechtfertigung haben, um dort das Entstehen „irrationaler Preise“ zu verhindern. Das Problem liegt aber darin, diese „Irrationalität“ festzustellen.

Es würde voraussetzen, dass die Notenbank den rationalen, also den richtigen Preis kennt. Dieses Wissen hat sie aber nicht und kann es auch gar nicht haben. Was sie also mit ihren Interventionen durchsetzt, ist ihr politischer Wunschpreis, mit dem sie die regulären Marktteilnehmer dauerhaft aus dem Markt drängt… (Seite 2)

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3 Kommentare auf "Über die Ruhe. Nach dem Sturm ist vor dem Sturm"

  1. wolfswurt sagt:

    Zitat:
    „Freuen Sie sich auf den Smart Investor 4/2012, in dem wir uns – wie gewohnt – mit klaren Thesen weit aus dem Fenster lehnen – diesmal sogar ziemlich weit.“

    Aufpassen und nicht rausfallen…

  2. khaproperty sagt:

    Gut zusammengefaßt, Monsieur Meyer, und auch zutreffend.

    Wollte man grundsätzlich werden, was gelegentlich sinnvoll ist, müßte die Frage erörtert werden, wohin diese nicht erst, aber seit der 2008-Krise besonders auffällige Entwicklung führen wird.
    Daß ausgerechnet von USA aus die (von Keynesianern um Obama bis zu Geithner) fatale Entwicklung beschleunigt wurde, das unternehmerische Risiko aus dem Markt zu nehmen und stattdessen Staat und seine Instrumente aufzufordern, von nun an die Musik zu machen, erleichterte es – naturgemäß könnte man sagen – dem wie das Kaninchen auf die Schlange fixierten Rest der Welt, dieser widernatürlichen Entwicklung zu folgen. Was kam, ist bekannt und führt in das Dilemma, aus dem wir große Probleme haben werden, aussteigen zu können.

    Hinzu kommt der zweitgrößte Unfug weltweit, nämlich eine Währungsgemeinschaft komplett selbständiger Staaten (fast) allein aus Deutschland heraus auf Dauer finanzieren zu wollen. Dies Idiotie kann kein intelligenter Mensch fassen, ist doch bislang jede derartig konstruierte Währungsgemeinschaft weltweit gescheitert, aus gutem, nachvollziehbarem Grund.

    Zusammengenommen wird das alles nur böse enden können.
    Herrjeh.

    • Avantgarde sagt:

      Klar hättet du das GameOver 2008 bekommen können wenn die Zentralbanken nichts gemacht hätten.
      Dann bräuchtest du dich heute nicht darüber echauffieren und auf den GO warten 🙂

      Aber sei froh, daß es nicht so kam.
      Das Eingreifen war schon richtig – nur die Chance vertreichen zu lassen das Bankensystem neu zu ordnen war grottenfalsch.

      Mit Keynes hat das alles ziemlich wenig zu tun.
      Das was passiert ist eher Wirtschaftstheorie nach Marktlage zum eigenen Vorteil.
      Erst Marktradikal über Jahre und alles zusammenraffen – und wenn es schief geht dann plötzlich zum großartigen Keynisaner werden – um nun wieder nach getaner Rettung den Marktliberalen raushängen zu lassen.

      Und Deutschland finanziert die Welt – ja klar 🙂
      Mammamia 🙂

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