Über die Idee, Euro-Staatsanleihen mit Gold zu besichern

20. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Prof. Thorsten Polleit) Um die wachsende Zahl finanziell strauchelnder Staaten im Euroraum über Wasser zu halten, wird mittlerweile jede Idee, die Linderung in Aussicht stellt, in Erwägung gezogen. Dazu gehört auch die Idee, die „Versicherungskraft“ der nationalen Goldbestände nutzbar zu machen…

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hatte bereits in seinem Gutachten 2011/2012 eine Verpfändung nationaler Devisen- oder Goldreserven empfohlen, um Haftungsrisiken im Rahmen seines angedachten „Schuldentilgungsfonds“ zu begrenzen.1

Ein neuer Vorschlag – der übrigens vom World Gold Council begleitet wird – sieht vor, Anleihen strauchelnder Staaten mit dem nationalen Goldschatz zu besichern. Dadurch könnten, so das Kalkül, die Kreditzinsen der Schuldner gesenkt und ihre Haushaltslage entlastet werden.

Bei genauem Überdenken dieses Vorschlags zeigen sich jedoch eine Reihe von Problemen, die seiner Umsetzung im Wege stehen.

Anders als der Vorschlag nahelegt, ist das Gold der Zentralbanken nicht „frei verfügbar“ für Zwecke der Absicherung gegen einen Ausfall von Staatsschulden. Denn es ist als Vermögen auf der Aktivseite der Zentralbankbilanz gebucht. Damit ist das Gold gewissermaßen (Teil der) „Deckung“ für die ausstehende Euro-Geldmenge.

Würde das Zentralbankgold zu Besicherungszwecken verwendet, wäre es verpfändet, und es wäre im Falle einer Staatspleite nicht mehr als Deckung für die ausstehende Geldmenge verfügbar: Ginge ein Schuldnerstaat, dessen Staatsanleihen mit Zentralbankgold gedeckt sind, Pleite, müsste das Gold an den Kreditgeber übergeben werden.

In der Bilanz der nationalen Zentralbank würde dann das Eigenkapital geschmälert. Es könnte dabei auch das gesamte Eigenkapital verloren gehen: Man bedenke nur: Das gesamte Eigenkapital aller Zentralbanken im Euroraum (ohne die „aufgedeckten stillen Rücklagen“) beträgt nur 85,6 Mrd. Euro!

Ginge das Eigenkapital einer nationalen Zentralbank verloren, so wäre das Eurosystem insgesamt betroffen, das sich ja aus den Bilanzen aller nationalen Zentralbanken plus der Bilanz der Europäischen Zentralbank zusammensetzt.

Dass ein zahlungsunfähiges Land in der Lage sein würde, das Loch in der Bilanz seiner Zentralbank selbst zu stopfen, ist nicht zu erwarten – und so müssten Verluste von den Steuerzahlern in den übrigen Ländern aufgefangen werden.

Weiterhin ist zu beachten, dass der aktuelle Marktwert des Goldes, über den die nationalen Zentralbanken verfügen, gering ist im Vergleich zu den ausstehenden Staatsschulden. Zum aktuellen Goldpreis ließe sich daher nur ein ganzkleiner Teil der Staatsschulden durch Gold absichern. Der Goldbestand, über den das Eurosystem insgesamt verfügt, deckt derzeit nur etwa 5,5 Prozent der gesamten Staatsschuld im Euroraum!


Die aber wohl entscheidende Frage ist: Welche Regierung wird überhaupt bereit sein, bei ihrer Schuldenfinanzierung das „volkseigene Gold“ zu verpfänden? Zumal dann, wenn die Kreditaufnahme dank der Zinsmarktmanipulationen der Europäischen Zentralbank wieder relativ gut funktioniert? Zudem fordert ja auch keine Regierung (mit Ausnahme der finnischen) Sicherheiten für Kredite, die anderen Regierungen gegeben werden (künftig durch den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM)).

Der Vorschlag, die Staatsschulden mit einer Goldbesicherung zu versehen, um die Zinskosten zu senken, wird daher wohl nichts anderes bleiben als ein Gedankenexperiment.

Eine Idee, auf die die Regierenden noch kommen könnten, lautet wie folgt: Der EZB-Rat wird angehalten, die „aufgedeckten stillen Reserven“, die sich in den Zentralbankbilanzen aufgrund von Wechselkurs- und Goldpreisänderungen angesammelt haben, als Gewinn an die Regierungen auszuschütten. Doch auch das wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Im August 2012 betrugen die „aufgedeckten stillen Reserven“ nur 453 Mrd. Euro – sie entsprachen damit nur fünf Prozent der gesamten Kreditmarktschulden der Staaten im Euroraum.

Zum Schluss

Staatsverschuldung ist tückisch und destruktiv. Sie lässt sich über Jahrzehnte auftürmen, ohne dass dabei offensichtliche wirtschaftliche und politische Probleme auftreten.

Die staatliche Dauerschuldnerei stößt aber irgendwann an ihre Grenze: und zwar dann, wenn die Kreditnehmer nicht mehr bereit sind, die Dauerschuldnerei weiter zu finanzieren, weil sie davon ausgehen müssen, dass die Regierten nicht mehr in der Lage oder willens sind, die Staatsschulden zurückzuzahlen.

Dieser Zeitpunkt scheint nunmehr erreicht zu sein. Denn würde die Zentralbank nicht immer mehr Geld zu de facto Nullzins bereitstellen, wäre vermutlich die staatliche Schuldenpyramide in vielen Ländern längst zusammengestürzt.

Um die aktuelle Problematik nicht noch weiter zu verschlimmern, sind nicht noch mehr kredittechnische Kunstgriffe gefordert, sondern eine Diskussion über eine Repudiation der Staatsschulden (Schuldenerlass) ist nötig. Ansonsten ist der Weg vorgezeichnet: das Anwerfen der elektronischen Notenpresse und die Zerrüttung des Geldwertes.
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