Über das Risiko, auf sich selbst hereinzufallen

4. Februar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Wenn man zulässt, dass die von außen gezielt über die Marktteilnehmer ausgeschütteten Reize das eigene Denken und Handeln beeinflussen, steht man bereits mit einem Bein im kalten Börsianer-Grab. Wenn Emotionen anfangen, das Handeln zu bestimmen, tun sie es meist unbemerkt. Gier, Hoffnung, Furcht oder Verunsicherung übernehmen schleichend und heimlich das Kommando…

Und es ist wie bei einer Drogensucht: Man bildet sich ein, alles im Griff zu haben, verstrickt sich aber immer mehr in Selbstbetrug und scheitert am Ende kläglich an sich selbst. Und ja, ich spreche hier wirklich von der Börse.

Der Anlass, diese Thematik anzuschneiden, ist der Umstand, dass ich in den letzten zwei Wochen vermehrt Mails meiner Abonnenten erhalte, die daran zweifeln, dass meine Entscheidung, ab Ende Dezember nach und nach antizyklische Positionen aufzubauen, von Erfolg gekrönt sein wird. Damit war zu rechnen.

Sicher, ich hatte von vornherein unterstrichen, dass der Zeitpunkt und das Kursniveau, an dem das Ende der Fahnenstange erreicht würde, nicht vorhersehbar sind. Ich hatte ebenso betont, dass die Notierungen in Endphasen langer Aufwärtstrends gerne mal so richtig aus dem Ruder laufen, weil die Mehrheit der Akteure nur noch emotional gesteuert agiert und die Minderheit mit der entscheidenden Kapitalmacht dies regelmäßig ausnutzt, indem man die Börsen in die Schlagzeilen bringt, das Kursrekord-Fieber schürt und sogar schlechte Nachrichten so ummodelt, dass sie wie freudige Ereignisse klingen.

Damit wird erreicht, dass, man möge bitte bei Kostolany nachschlagen, wie immer vor der Trendwende die Bestände aus den sicheren Händen in die sogenannten „zittrigen Hände“ übergehen, sprich in den Depots der oft unerfahrenen, immer aber emotional „angefixten“ Anleger landen, die umso fester an die ewige Hausse glauben, je länger und je steiler die Kurse nach oben laufen. Man nennt das auch eine „Distributionsphase“.

Ziel ist, auf diese Weise aus riesigen Long-Beständen zumindest so weit herauszukommen, um eine Trendwende nach unten mit möglichst geringem Schaden zu überstehen bzw. die Möglichkeit zu haben, als Bank im Eigenhandel, Fonds oder Hedge Fonds selbst aktiv auf fallende Kurse zu setzen. Nach einer solch langen Aufwärtsbewegung, bei der die Schere zwischen der realen Lage der Weltwirtschaft mit ihren weiterhin ungelösten und nicht wirklich angegangenen Problemen und den Börsenkursen derart krass auseinander klafft, ist eine solche Vorgehensweise die einzige Möglichkeit, noch genug Nachfrage auf der Käuferseite zu erzeugen – indem man gezielt versucht, bei hinreichend vielen Menschen Besonnenheit und Skepsis durch Emotionen zu ersetzen.

Natürlich weiß ein jeder meiner Leser, dass meine Empfehlungen Vorschläge sind, sprich dass ich aufzeige, was ich tue bzw. tun würde, niemand das aber einfach unbesehen und blind umsetzen soll. Jedem ist klar, dass er selbst entscheidet, ob er meinen Argumenten folgt oder nicht. Dabei erkläre ich immer und ausführlich, warum ich so und nicht anders handle, also mich z.B. in diesem Fall über die Signale der eigentlich meine Dienste steuernden Handelssysteme hinweggesetzt habe. Und ob vorstehender Erklärungen ist auch klar, dass das schrittweise Aufbauen antizyklischer Positionen in noch steigende Kurse hinein aufgrund der zeitlichen Unberechenbarkeit einer solchen, sogenannten Distributions-phase zuerst in die Verlustzone führt, zumal die von vornherein geplante und bei weiter anziehenden Kursen ja auch sinnvolle Komplettierung von Positionen auf höherem Niveau dies automatisch mit sich bringt.

Warum ich überhaupt diesen Weg antizyklischer Positionen gewählt habe, habe ich schon oft dargelegt und will es daher hier nur im Eiltempo kurz umreißen. Das Problem bei Kursübertreibungen ist, dass sie nie eingrenzbar sind. Die Kurse bewegen sich dabei mit immensem Tempo, das gilt für Übertreibungen nach oben wie nach unten gleichermaßen, und meist außerhalb charttechnischer Raster. Nicht zuletzt, weil Markt- und Charttechnik Instrumente sind, die in dem Moment massiv an Relevanz einbüßen, wenn die Emotionen bei den Akteuren die Oberhand gewinnen. Denken Sie nur an die durchdrehenden Kurse bei Rohöl 2008, Silber 2011, an die Rallye von Apple 2012. Denken Sie an die Kursbewegungen am Neuen Markt oder im Nasdaq 1999/2000. Und denken Sie daran, wie diese zu Fahnenstangen (immer steiler werdende Aufwärtsbewegungen ohne Korrekturen) mutierten Rallyes allesamt endeten. Es gibt eine uralte, von allen wirklichen Trader-Legenden hervorgehobene Regel: Man sollte niemals versuchen, auf Biegen und Brechen die letzten Punkte einer Bewegung mitnehmen zu wollen, denn die erweisen sich am Ende immer als die teuersten. Meine Erfahrungen bestätigen das ohne jede Ausnahme. Denn:

Würde ich versuchen, beispielsweise bei der Yen-Baisse (bzw. der Rallye des Euro zum Yen) oder im Nikkei 225 in Calls zu investieren und damit mit dem Strom der euphorisierten Anleger mitzuschwimmen, hätte ich das Problem: Wohin mit den Stoppkursen? Charttechnische Marken eigenen sich nicht als Orientierung, weil sie aufgrund der Emotionalisierung der Aktivitäten wenig Relevanz aufweisen, zudem steigt die Volatilität derartig, dass man die Stopps sehr weit entfernt platzieren müsste. Und auch dann hätte man nirgendwo einen Ankerpunkt, an dem man sagen könnte: Wenn es unter diese Marke geht, ist die Hausse vorbei. Im Nachhinein ist das in jedem Fall und in jedem Chart leicht zu sehen. Aber wer z.B. beim Zusammenbruch der Silberpreise oder dem Rohöl-Crash dabei war erinnert sich: Man steht blind, verunsichert und ohne Orientierung da und weiß nicht, wo man nun eigentlich aussteigen und Short gehen könnte. Bis es zu spät ist.

Dabei kann man nicht erhoffen, dass es zu einer gemütlichen, sich über Wochen hinziehenden Trendwende, am besten noch mit Doppeltopp oder anderen Formationen, kommt. Immer dann, wenn die Schere zwischen Realität und Kursen extrem weit auseinander klafft, wird es gefährlich. Aber vor allem dann, wenn, wie aktuell z.B. beim Yen, die Zocker wie die Verrückten und ohne jedes Maß auf die Kurse einhämmern. Die Positionen werden dabei „pyramidisiert“, d.h. mit der Margin-Gutschrift bei einem weiteren Anstieg der Euro/Yen oder Euro/USD-Relation werden noch mehr Long-Positionen im Future gekauft, um den Reibach zu maximieren. Was aber die Verwundbarkeit durch den so nicht wachsenden Sicherheitspuffer extrem erhöht, während auf der anderen Seite immer mehr Akteure bereits im Markt investiert sind, sodass der Zeitpunkt, wo alleine normal große Verkäufe mit dem Ziel der Gewinnsicherung einen Kursrutsch und damit förmlich eine Verkaufslawine auslösen können, weil die Käuferseite „blank“ ist, immer weiter wächst… (Seite 2)

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