Tweet & (Executive) Order

2. Februar 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Das beherrschende Thema der letzten Woche waren die ersten Schritte von US-Präsident Trump im Amt. Die waren, so der Tenor der Leitmedien, eine Mischung aus Bösartigkeit und Kurzsichtigkeit. Im ganzen Land komme es zu „spontanen“ Demonstrationen…

… unter fachkundiger Anleitung jener Nichtregierungs-organisationen, die unter einem Präsidenten Trump nun weit weniger Zugang zu den Schalthebeln der Macht haben dürften, als dies bislang der Fall war. Nach der verlorenen Wahl soll es nun der „Druck der Straße“ richten. Die Aggressivität mit der Trump schon vor Amtsantritt bekämpft wurde, lässt bei seinen Gegnern jene Demokratiedefizite sichtbar werden, die sie ihm unterstellen.

Besonders sichtbar sind die Attacken von Showgrößen auf den neuen Präsidenten. Anlässlich des Frauenmarsches – über ebenso spontane wie wohl orchestrierte Proteste sprachen wir bereits – bekundete etwa die Sängerin Madonna, dass sie sich mit dem Gedanken trage, „das Weiße Haus in die Luft zu jagen“. Allerdings beeilte sich die „Queen of Pop“ zu erklären, dass sie nicht auf Gewalt, sondern auf eine „Revolution der Liebe“ setze. Wie das konkret aussehen wird, blieb allerdings zunächst offen.

Nun sind Schauspieler und Sänger zwar große Sympathieträger, was sie zu idealen Multiplikatoren für Botschaften an die breite Masse macht, als Gruppe sind sie allerdings in der Vergangenheit nicht unbedingt als große Politstrategen oder aufgrund von intellektuellen Höhenflügen in Erscheinung getreten. Die Mischung „Moralische Autorität ohne Kompetenz in der Sache“ kennt man so vor allem von Kirchenführern. Richtig ist, dass Trumps erste Tage im Amt verstörend wirkten. Alleine, dass sich ein Politiker an Wahlkampfversprechen erinnert und diese dann auch noch zügig umsetzt, ist für die meisten politischen Kommentatoren ein absolut revolutionäres Konzept.

Radikale Kehrtwende?

Konkret zeigte man sich besonders bestürzt über die Komplexe Mauerbau und Einreisestopp. Dass Deutsche beim Wort Mauerbau erst einmal zusammenzucken, ist verständlich. Wenn aber so getan wird, als würde Trump aus einer sperrangelweit geöffneten Angela-Merkel-Grenze nun handstreichartig eine Walter-Ulbricht-Mauer machen, dann ist dies sicher postfaktisch.

Tatsächlich haben bereits Trumps Vorgänger Abwehrmaßnahmen gegen die massenhafte Überwindung der US-Südgrenze durch illegale Einwanderer ergriffen. Auch (temporäre) Erschwernisse für die Einreise aus bestimmten Ländern gab es schon vor Trump. Im Jahr 2011 waren Iraker davon betroffen, im Jahr 2016 insgesamt sieben Länder, die als „Quellen des Terrorismus“ gelten – US-Präsident war zu jener Zeit bekanntlich Barack Obama. Selbst das diktatorisch anmutende Regieren über „executive orders“ hat auch dieser bereits exzessiv praktiziert.

Geteilte Meinungen

Für Smart Investor sind besonders die wirtschaftspolitischen Akzente der neuen US-Regierung von Interesse. Protektionismus ist sowohl in der Theorie als auch nach allen praktischen Erfahrungen wohlstandsmindernd. Sollte Trump auf diesem Weg voranschreiten, provoziert er Gegenmaßnahmen der betroffenen Länder. Eine äußerst negative Protektionismusspirale könnte in Gang kommen.

Zuletzt nahm Trumps Wirtschafsberater Peter Navarro Deutschland und dessen Exportüberschüsse aufs Korn. Nach seiner Analyse profitieren die deutschen Exporteure von einem unfair niedrigen Eurokurs. Dass die Gemeinschaftswährung für die deutsche Volkswirtschaft zu niedrig notiert, war unter den besseren Ökonomen allerdings ohnehin kein Geheimnis.

Während die Keynesianische Hauptstromökonomie verächtlich auf Trumps Wirtschaftspolitik blickt, allen voran Paul Krugman, gibt es durchaus auch unterstützende Stimmen. Beispielsweise erwartet Arthur B. Laffer, Architekt der Reagonomics, unter Trump „paradiesische Zustände“. Er begründet dies vor allem mit den angekündigten Steuersenkungen.

Auch Top-Ökonom Hans-Werner Sinn gab sich in seiner aktuellen Kolumne für die Wirtschaftswoche gelassen: „Donald Trump: Seine Steuerpläne sind raffiniert, nicht schockierend“ In der angekündigten Importsteuer könne man auch einen „Mechanismus des Grenzausgleichs einer neuen (realwirtschaftlichen) Cashflow-Steuer“ sehen. Eine solche Steuer könne letztlich auf einen Vorschlag des republikanischen Sprechers des Repräsentantenhauses, Paul Ryan, zurückgehen, und als Ersatz für die Körperschaftsteuer dienen. Wir halten die Einschätzungen dieser beiden Ökonomen für bedeutsamer als das Hyperventilieren der Medien.

Der „Consigliere“ von The Donald

Bereits im Vorfeld der Amtsübernahme galt er vielen als die Verkörperung von all dessen, was an Trump und dessen Politik abzulehnen ist: Steve Bannon. Und tatsächlich, nach zwölf Tagen Trump ist dessen Handschrift deutlich zu spüren. So soll vor allem der mehr oder weniger dilettantisch umgesetzte Einreisestopp auf dessen Konto gehen.

Ungeachtet der Kritik an dieser Maßnahme ernannte Trump seinen „Consigliere“ diese Woche auch noch zu einem ständigen Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates. Ein Gremium, dem ein maßgeblicher Einfluss auf die US-Außenpolitik nachgesagt wird. Bannon wird damit aller Voraussicht nach einer der mächtigsten Präsidenten-Einflüsterer sein, den es jemals gegeben hat. Womit sich die Frage fast schon aufdrängt: Wer ist dieser Bannon, wofür steht er und was treibt ihn an?

Zunächst einmal ist er die Personifikation des Anti-Establishments, auch wenn seine Vita gegenteiliges vermuten lassen würde. Der Schattenmann hinter Trump besuchte Elite-Universitäten, arbeitete für die Investment Bank Goldman Sachs, gründete seine eigene Beratungsfirma und produzierte schließlich Hollywood-Filme. Stets scheint Bannon jedoch eine Unterscheidung zwischen denen da oben und ihm selbst beibehalten zu haben, so sehr er auch offensichtlich zu einem Teil des Establishments wurde.

Billiges Geld für tote Branchen

Spätestens mit der von ihm geleiteten Website breitbart.com sieht er sich als Anwalt des zurückgelassenen Mittelklasse-Amerikaners. Gleichzeitig bezeichnete er sich selbst in einem Interview mit dem Hollywood Reporter als „wirtschaftlicher Nationalist“.

Angesichts der weltweit grassierenden Minuszinsen sei es nun an der Zeit, die Schiffswerften und Eisenhütten des Landes neu aufzubauen und damit Jobs zurückzuholen. Bannon wörtlich:

„Dies wird so spannend wie in den 30er Jahren und besser als die Reagan-Revolution werden – Konservative und Populisten in einer ökonomischen nationalistischen Bewegung vereint.“

Nun ja, da möchte man ihm viel Glück wünschen. Denn einerseits waren – so haben es zumindest wir in Erinnerung – die 30er Jahre kein Musterbeispiel für wirtschaftliche Prosperität. Zum anderen zeigt Bannon damit, wofür er in der Regierung Trump steht: Nicht für wirtschaftliche Belebung durch Steuersenkungen, sondern für staatsgelenkte Investitionen in mehr oder weniger tote Branchen.

Auch der lockeren Geldpolitik scheint Bannon alles andere als abgeneigt zu sein. Mit Trump und den Zinsen haben wir uns übrigens auch im aktuellen Smart Investor intensiv auseinandergesetzt. Im Film „Der Pate“ ist der Consiglieri Tom Hagen so etwas wie die Stabsstelle von Don Corleone. Ein Ratgeber, der zwar gehört wird, selbst jedoch keine bedeutenden Entscheidungen trifft. Man kann nur hoffen, dass dies auch die Rolle ist, die Steve Bannon trotz der Erfahrungen der ersten zwölf Tage in der Trump-Administration zufallen wird.

Lokal gewinnt

Unabhängig von Trump und Bannon scheint die Zeit der multinationalen Konzerne weltweit den Zenit überschritten zu haben. Für die Börse kann dies im Umkehrschluss nur eines bedeuten: In Zukunft werden eher Nebenwerte zu den Gewinnern zählen, die ihr Geschäftsmodell nicht auf günstigen Produktionskosten in Billiglohnländern und offenen Grenzen für physische Güter basieren.

Ein Beispiel dafür haben wir im aktuellen Smart Investor vorgestellt. AcadeMedia (WKN A2ALUM, akt. Kurs 5,63 EUR) ist der bedeutendste private Betreiber von Kinderkrippen, Kindergärten, Schulen und Erwachsenenbildung in Schweden und Norwegen.

Das Unternehmen ist damit überwiegend außerhalb der Eurozone positioniert. Was langweilig klingt, ist auf den zweiten Blick ein hochattraktives Geschäft. Bezahlt mit staatlich ausgegebenen Vouchers kann das Unternehmen relativ risikolos stabile und attraktive Margen erzielen, völlig unabhängig von möglichen Zöllen und einer US-Abschottungspolitik.

Als reiner Dienstleister erwirtschaftet AcadeMedia hohe Cashflows, die sich für weitere Zukäufe von Schulen und Kindergärten zu attraktiven Kaufpreisen verwenden lassen. Mehr Details über die Zahlen und die Zukunftsaussichten des Unternehmens lesen Sie im aktuellen Heft, als Abonnent auch in unserem Archiv unter www.smartinvestor.de/mein-konto. Auch im nächsten Heft werden wir uns ausführlich mit dem Thema Protektionismus und dessen unterschiedlichen Implikationen auf die Geschäftsmodelle von Small Caps befassen.

Zu den Märken

Gerade weil Deutschland ins Visier der Trump-Administration geraten ist, lohnt sich der Blick auf den DAX, in dem die großen deutschen Exporteure enthalten sind. Am Dienstag noch reagierten die Marktteilnehmer mit Abschlägen auf die Angriffe aus Washington. Aber bereits am Mittwoch konnte der Index wieder deutlich zulegen. Bedenkt man die Unsicherheit, die mit dem Regierungswechsel in Washington verbunden ist – und es ist kein normaler Übergang, sondern ein Paradigmenwechsel – reagieren die Märkte noch immer erstaunlich gelassen und positiv.

Während des allgemeinen Lamentos über die Maßnahmen der neuen US-Regierung, schlich sich der Markt immer weiter an sein Allzeithoch heran. Das ist umso bemerkenswerter, als eine Exportnation wie Deutschland ein natürliches und naheliegendes Opfer einer protektionistischen Politik wäre. Spätestens am Allzeithoch, von dem uns aktuell nur noch rund fünf Prozent trennen, treffen die Kurse dann aber auf massiven Widerstand (vgl. Abb., roter Balken).

Fazit

Nach knapp zwei Wochen im Amt ist der künftige Kurs der USA noch immer nicht eindeutig abzuschätzen. Die Wahrheit dürfte irgendwo zwischen den Vorstellungen europäischer Trump-Hasser und denen vorweg US-amerikanischer „Donaldisten“ liegen.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

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