Trojanische Rallye?

20. Oktober 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Trojanisches Pferd: Sieht gut aus, birgt aber Ärger. So wie es mit dieser 500-Punkte-Rallye beim DAX sein könnte. Nicht muss. Könnte! Sie wirkt, als wäre nun die große Sause Richtung „wenn-nicht-noch-mehr“ losgegangen. Aber stimmt das? Ist nun alles wieder gut und wer nicht kauft, ist doof?

Letzteres ist nicht auszuschließen. Aber nur, weil man an der Börse nie etwas ausschließen darf. Weil wiederum die Kurse durch Entscheidungen von Menschen zustande kommen. Und wer in dieser Hinsicht schon ein paar Jahrzehnte dabei ist, sollte gemerkt haben, dass einem menschlichen Hirn alles zuzutrauen ist.

Man war jahrelang bereit, jeden Blödsinn zu glauben, solange er nur gut klang. Kann also sein, dass der Schock der letzten vier Wochen nicht ausgereicht hat, um wie sonst die Denke der Masse von „alles rosa“ auf „alles schwarz“ umzupolen. Wenn dem so ist, ist es möglich, dass zwei Tage Aufholjagd langen, um wieder alles toll zu finden. Immerhin haben wir nun ein Wochenende, wo nicht die Angst gärt, sondern die Hoffnung. Oder, anders formuliert: Jetzt könnte die Angst, die große Rallye zu verpassen, überwiegen und die Angst vor dem Crash ablösen. Könnte.

Eine Frage, die sich vor allem diejenigen jetzt nicht stellen, die glauben, mit ihrer „Strategie“, Stoppkurse einfach zu ignorieren und sich aufs Beten zu verlegen oder in fallende Messer zu greifen nun fein davongekommen zu sein, ist: Was hat sich eigentlich, als DAX, Dow und Konsorten am Donnerstagnachmittag wie von der Tarantel gebissen nach oben schossen, gegenüber den Wochen vorher im Bereich der Rahmenbedigungen verändert? Soweit ich das sehen konnte: nichts.

Da kann man noch so toll finden, dass der Ölpreis abschmiert … er ist auch ein Spiegelbild der aktuellen konjunkturellen Entwicklung und eben nicht nur ein Kostenspar-Faktor. Und da kann man noch so sehr irgendwelche Urgesteine des Börsentradings aus dem Altersheim holen: Nur, weil einer seit 50 oder 60 Jahren Börsianer ist, ist sein stetiges „jetzt kaufen“-Geheul nicht gescheiter als das der jugendlichen Krawattenträger, die nur unser Bestes wollen.

Nun ist zwar klar, dass die Zwangsliquidierungen von Futures-Positionen, bei denen nach Margin Calls kein frisches Geld aufs Konto der Sicherheitsleistungen überwiesen werden konnte, viel dieser Kurseinbrüche vom Mittwoch und Donnerstag ausmachten. Aber das alleine ist ja kein Argument um zu sagen, dass nun alles „billig“ ist. Im Gegenteil: Die Vehemenz, mit der die Terminbörsen den nicht mehr abgesicherten Müll in den Markt kippten, deutet an, dass da ein paar verdammt große Adressen Mist gebaut haben. Nicht umsonst gingen auch 2008/2009 einige der angeblich doch so schlauen Hedgefonds Pleite. Dort bringt man fertig, wofür man unsereins Privatanleger für seine Dummheit verprügeln würde: Gegen den Trend agieren, die Stoppkurse einfach ignorieren und einfach immer mehr dazukaufen, um die Position optisch zu verbilligen und sich der Hoffnung hinzugeben, dass das schon alles wieder wird.

Es erinnert daran, dass unter denen, die man mit (unseren) Milliarden hantieren lässt, damals wie heute welche sind, die von ihrem Handwerk keine Ahnung haben. Und das sollte nervös machen. Sehr nervös.

Immerhin sind es auch solche „Cleverle“, die sich von den Notenbanken locken ließen, viel zu hoch gehebelte, aufgeblähte Portfolios auf Pump aufzubauen. Als Erfüllungsgehilfen des schönen Scheins. Und im Glauben, dass man schon seinen „Bailout“ bekommen wird, wenn es in die Hose geht. Kann gut sein, dass da in Kürze wieder welche angekrochen kommen. Ist das ein Grund, um jetzt wie wild einzusteigen? Müsste man mir erklären. Und was Zinsen und Konjunkturlage angeht, hat sich ja zwischen Montag und Freitag wahrlich nichts verändert.

Es wäre darüber hinaus weise, sich vor der Freude über die gelungene Wende die Charts anzusehen. Stimmt schon, der S&P 500 hat am Mittwoch einen „Hammer“ ausgebildet, der DAX am Donnerstag. Und da es danach weiter rauf ging, sind die als „gültig“ anzusehen. Aber Vorsicht, Candlestick-Signale haben laut Regelwerk nur eine Reichweite von wenigen Tagen. Sie können Basis einer Wende sein, müssen aber nicht. Und die entscheidenden charttechnischen Widerstände sind noch nicht genommen. Da müsste der DAX deutlicher über 9.000 schließen, der S&P über 1.910. Und da wird es interessant.

Denn wenn man sich den Kursverlauf des Freitags an den US-Börsen so ansieht, stellt man fest, dass noch vor der Sitzungsmitte auf einmal die Dynamik weg war … und sogar Verkaufsdruck aufkam. Und das, obwohl die 200-Tage-Linie des S&P 500 (aktuell bei 1.906 Punkten) am Tageshoch nur noch sieben Punkte entfernt lag. Warum ging es nicht weiter?

Tja. Da kommen wir zu einem ganz entscheidenden Punkt. Nämlich dem Verfalltermin an den Terminbörsen. Der ging in der Berichterstattung angesichts der allgemeinen Hektik unter. Aber es gab ihn trotzdem. Und er könnte ein ganz entscheidender Grund gewesen sein, warum die wilde Jagd am Donnerstag auf einmal in die Gegenrichtung ging….  (Seite 2)



 

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