Tritt auf die Spaßbremse

25. Februar 2009 | Kategorie: Kommentare

Die Jecken sind unterwegs, vor allem in Köln. Selbst der DAX hat die Hüllen fallen lassen. Urgs! Wie er so dastand, gegen 17.30 Uhr, rutsche mir das Wurstbrötchen aus der Hand. Unter 4.000 Punkte rutsche das schwarz weiß gestreifte Börsentierchen. Heute bestimmten die nackte Tatsachen auch das Geschehen der Rosenmontags-Züge. Die meisten finden das richtig lustig. Dabei ist es bitterer Ernst…

Am Aschermittwoch soll alles vorbei sein. Man bräuchte dringend eine eiligst einberufene Fußball-WM, egal wo und mit wem, um die Stimmung auf Zimmertemperatur zu halten, sagte ein befreundeter Broker in Frankfurt. Die Leute hätten dann bessere Laune. Sie würden Einkaufen gehen und die Wirtschaft damit ankurbeln. Ja. So könnte es laufen – so wie früher. Es ist so berechenbar wie der Weg eines betrunkenen Jecken kurz vor Sonnenaufgang.

Das mit dem Ankurbeln ist für mich immer ein Wort der Heiterkeit. Dieser Begriff soll aus der Geschichte des Automobils stammen. Da stellt sich jemand vor das Auto, dreht an dieser Kurbel, und wenn er Glück hat, springt der Motor an. Wenn er noch größeres Glück hat, hat der Fahrer vergessen, den Gang einzulegen. Unsere heutige Wirtschaft scheint ähnlich zu funktionieren. Seit zwei Jahren sucht man diese Kurbel. Zwar steckt sie für alle sichtbar am vorgesehenen Platz, doch leider ist das Gestänge verbogen, die Ösen verbeult. Durch die viele Kurbelei der letzten Jahre hat es auch noch das Getriebe gesprengt. Selbst das Anschieben bereitet große Schwierigkeiten.

Heute Nacht hat übrigens so ein Jecke mein Auto angefahren und sich aus dem Staub gemacht. Somit habe ich eine sichtbare Erinnerung an den Karneval 2009, als der DAX unter 4.000 Punkte rutschte. Die Fahrer höherwertiger Modelle plagen ganz andere Sorgen. Sie bereiten den Lackierabteilungen gerade eine unerwartete Hochkonjunktur – habe ich neulich gelesen.

Ja, es ist erheiternd. In den Straßen von Köln feiern Hunderttausende den Karneval. Auf den Wagen steht eine Art Wahrheit geschrieben. Die meisten Jecken halten es für einen Spaß. In diesem Jahr stehen die Banker als die Schuldigen der Krise am Pranger Dabei denken manche soweit, wie dicke Sauen springen können. Die Dinge müssen nur schlicht genug sein, um verstanden zu werden. Wer hat den Bankern eigentlich den den Boden bereitet, bevor die sieben Sünden wüten konnten? Ach, das ist jetzt zu kompliziert für die meisten. Schuldig in allen Anklagepunkten. Basta!

In Köln sind solche Tage Feiertage. Nichts bewegt sich, außer die Wagen auf den Straßen und die Hände der Wirte am Zapfhahn. Man rückt dicht zusammen, tauscht Küsse und Viren aus. Viele machen neue Bekanntschaften. Darunter ist manchmal die Liebe des Lebens, manchmal auch eine Art von Freundschaft, die auf Krankenscheinen ausgewiesen werden wird. Auch die Ärzte wollen leben…

Dann gibt es noch die Faschingsmuffel, wie ich einer bin. Für mich ist die Börse mein täglicher Karneval. In den letzten Monaten hat sich der Markt zu einem Schlachtfeld aus den Lagern des Hoffens und Bangens verwandelt. Dazwischen stehen die Leute, denen man gesagt hat, die Börse wäre ein Quell des ewigen Reichtums, indem man ihr Geld gibt und hofft, es wird mehr. Altersvorsorgen wurden auf dieser Basis installiert. Doch es sind nicht nur Bullen und Bären, die sich auf dem Parkett übers Ohr hauen. Selbstüberschätzung, Zweckoptimismus und Betrug fühlen sich dort auch wohl. Der Fachmann nennt es Spekulation.
Am Mittwoch ist alles vorbei. Die Fastenzeit beginnt und dauert bis zur Osternacht. Dann „kurbelt“ man für 40 Tage die Dinge langsamer, besinnt sich auf die wirklich wichtigen Sachen im Leben, kommt auf den Boden der Tatsachen zurück. Zumindest versucht man es. Ich bin mir bei der ganzen Sache nicht ganz sicher, ob diesmal die Fastenzeit zu Ostern schon vorbei sein wird…

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