Tretboot in Seenot!

11. Februar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

 (von Ronald Gehrt)

Ja, ich wiederhole mich. Ja, ich schreibe seit Wochen über dieses Thema, das nun kommt. Aber es ist genau diese Thematik, die – natürlich – ausgerechnet jetzt nirgends angesprochen wird. Sie ist das, was jetzt in meinen Augen entscheidend ist. Der Punkt, über den sich jeder Anleger unbedingt für sich selbst im Klaren sein sollte: Glauben wir eigentlich wirklich, was wir zu glauben glauben? Und es kann sein, dass es nun langsam eilt…

Denn… War das nur ein Schuss vor den Bug oder ist da irgendwo ein Leck unter der Wasserlinie entstanden, durch das die überladene Bullen-Arche unbemerkt langsam volläuft? Man darf gespannt sein, wie es diese Woche weitergehen wird. Ob die bullish orientierte Mehrheit nun doch noch genug Aktivität entwickeln kann, um die Kurse dort, wo es in den letzten Tagen, für die meisten unverhofft, auf einmal eng wurde, aus der Gefahrenzone zu ziehen? Beim Dax oder dem EuroStoxx 50, bei Euro/Yen oder beim Hang Seng? Sie müssten nun dringend neue Zeichen setzen … aber geht jemand voran? Meldet sich jemand freiwillig, in den Rumpf hinunter zu steigen und die Pumpen zu bedienen?

Es ist seltsam und ungewöhnlich genug, dass wir in den letzten Wochen eine so markante Schere zwischen den Börsen in Japan, den USA und Europa sahen. Es deutet an, dass man immer weniger investiert und umso mehr tradet – und nun offenbar auch bei den großen Adressen. Es floss dort Geld hinein, wo die Trends stark waren. Und es floss dort Kapital ab, wo sie es nicht sind. Aber das unabhängig von fundamentalen Überlegungen. Der Run auf japanische Aktien und die wilde Spekulation, worauf basierte das, wenn nicht auf blanken Hoffnungen? Es war ein emotional befeuerter Ringelreihen – steigt der Nikkei, fällt der Yen – fällt der Yen, steigt der Nikkei. Basierend auf der Erwartung, dass der Wille nach einer schwachen Währung den japanischen Export stützen und somit die Exportaktien beflügeln wird. Sicher, klingt logisch. Aber warum schlägt sich das bislang in keiner Weise in all denjenigen Konjunkturdaten Japans nieder, die nicht auf subjektiven Erwartungen, sondern auf „Zählbarem“ basieren? Ein Anstieg des Nikkei um fast 33 % binnen weniger als drei Monaten, auf einem Fundament aus reinen Hoffnungen … eine Blase aus Emotionen, die auf einmal beginnt, mit unschönem Geräusch an Luft zu verlieren, nachdem sich herausstellt, dass man in Europa über diese Entwicklungen der Währungen keineswegs erfreut ist. Was zu erwarten war. Eigentlich.

Das Problem ist: Kaum jemand hatte diesen Gedanken auf dem „inneren Zettel“. Nicht, dass es nicht auf der Hand liegen würde, immerhin bedeutet ein zu schwacher Yen gegen Euro und Greenback, dass die dortigen Unternehmen auf einmal auf eigenem Terrain unliebsame Konkurrenz durch immer billiger anbietende japanische Unternehmen bekommen. In einer Phase, in der man jedes Quäntchen Wachstum dringend braucht. Aber diesen Gedanken wollte unter denen, die immer spekulativer gegen den Yen zocken, niemand denken.

Gleiches gilt für die Hausse der US-Börsen. Ei, wen juckt es, dass das vierte Quartal 2012 wider Erwarten kein Wachstum brachte? Ist ja alles schon lange her. Dass das Kursniveau der Aktienmärkte aber das momentane Niveau eigentlich nicht einmal unter der Prämisse verdient hätte, dass dieses letzte Quartal recht ordentliches Wachstum aufgewiesen hätte … und die Perspektiven alles andere als rosig sind – es scheint niemand wahrzunehmen. Statt dessen wird gefeiert und ordentlich eingekauft, nachdem Präsident Obama das Gesetz unterzeichnet hat, das die Schuldenobergrenze der USA nun einfach bis Mitte Mai aussetzt. Denn das bedeutet, so die fast einhellig erfreute Interpretation, dass das Geld weiter ungehindert fließen wird. Alles bleibt, wie es ist – und das ist doch wunderbar. Oder nicht?

Natürlich nicht! Alleine diese erbärmlichen, peinlichen Winkelzüge der Politiker sollten in Panik versetzen. Erst verordnen sie sich Ende 2011 eine Selbstverpflichtung in Gesetzesform, um dem ausufernden Defizit endlich entgegenzutreten. Und kommen dann noch zugleich daher und wollen den Europäern erklären, wie die mit der Eurokrise umzugehen hätten. Dann, nach der Wahl, stellt man fest, dass – na so was – die Zeit wie im Fluge vergangen ist und bis zum Stichtag 1.1.2013 leider nur noch genug Zeit bleibt, um sich in lächerlichen, gegenseitigen Bezichtigungen zu ergehen. Der Kompromiss dann, zu Jahresbeginn von den Börsen gefeiert, war in Wahrheit einfach nur ein Zeugnis politischer Jämmerlichkeit. Dezente Rücknahme alter Steuererleichterungen für eine kleine Klientel der Vierverdiener … und den Rest machen wir dann später. Später, ja … etwa bis zum 19. Mai? Wer soll das denn glauben? Wie schon oft beschrieben, stehen die USA vor derselben Zwickmühle wie Europa. Sparen verringert das Wachstum. Und das wiederum kostet im Endeffekt Geld, das die Einsparungen wieder aufzehrt. Und wenn dann noch die in den USA allmächtige Wirtschaftslobby im Genick eines jeden Abgeordneten dafür sorgt, dass die im rechten Moment „richtig“ abstimmen … Gott, wer kann sich da wirklich einbilden, dass bis Mai getan wird, was getan werden müsste?

Kaum jemand, vielleicht niemand. Aber es gibt einen Weg, dennoch weiter optimistisch zu sein wie ein Bankanalyst: Man lässt das Nachdenken über diese Problematik einfach bleiben. Man denkt nicht darüber nach, dass momentan jeder in dieser Situation will, dass die eigene Währung schön schwach geht und daher die Yen-Baisse über kurz oder lang auf Widerstand trifft. Man denkt nicht darüber nach, dass die US-Politik keine Lösung für das Schuldenproblem finden kann und rigide, nötige Maßnahmen niemals getroffen werden. Man ignoriert einfach, dass Spanien und Italien weiter massive konjunkturelle Schlagseite haben und die markigen Sprüche vom letzten Sommer wie erwartet nur heiße Luft waren, dass der Einbruch der Einzelhandelsumsätze in Griechenland deutlich aufzeigt, dass man dieses Land mit der völlig närrischen „Sparpolitik“ komplett wirtschaftlich vernichtet hat. Man hört einfach nur das, was man hören will und glaubt es unbesehen. Aber … (Seite 2)

Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , ,

3 Kommentare auf "Tretboot in Seenot!"

  1. Michael sagt:

    Ein Hausse zerbricht, wenn sich nichts bewegt. Money can make us or money can break us. Alles dazwischen ist Hoffnung.

    Wenn allen das Wasser bis zum Hals steht ist das im Swimming Pool sogar unangenehm, im Meer hingegen fällt das keinem auf, da es Wellen gibt. Es gibt immer wieder die Hoffnung es ginge bergauf.

    Früher war die Weltwirtschaft ein Sammelsurium an Swimmingpools mit Überlauf und heute ist es in Meer. Aber am Meeresgrund brodeln die Vulkane und es kann sich der Meerespiegel noch heben, das ist aber schon Schein, denn wesentlich ist just jene Region zu verlassen in der der Aufsteigende Schwefeldampf das Wasser mit Luft anreichert.

  2. crunchy sagt:

    Bei mir hat´s grad geklingelt: Die A k t i e n – märkte brechen kurzfristig zusammen. So kurzfristig hat bei mir der Blitz auch noch nicht eingeschlagen. Vor Allem sind mir Standardaktien seit März 2000 ziemlich egal. Geärgert habe ich mich seitdem, dass die nicht machen, was ich von denen erwartet habe. Seit 2006/7 interessierte ich mich für Edelmetall, zunächst nur sporadisch. Aber bis ein Bulle wirklich tot ist, gibt er keine Ruhe. Schaut´ Euch mal den Kursverlauf von EuroDollar intraday an. Komisch, gell? In meiner aktiven Zeit war das ein Hinweis auf massive Auslandsverkäufe. Heute spielt man da wohl gerne mit den Valuten. Egal: Es geht los!

    Put, put, put: ein methylalkoholisertes Huhn trinkt gerne Korn.

  3. crunchy sagt:

    Ja, ich geb´s zu die flammende Rede von Roland Gehrt, spricht mir immer wieder aus der Seele. Diesmal habe ich allerdings nur seinen Beitrag gesucht, um meine Warnung loszuwerden. Dabei fiel mir auf, dass sein Beitrag kaum noch kommentiert wurde: Ein Zeichen? Ja!
    Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt, wahrscheinlich ist er auch ein paar tausend Jahre jünger, aber was er sagt, ist so alt, wie das wofür ich eingezahlt habe. Das Einzige, was ich gerne hinzufügen
    möchte, ist, dass man aus den papierenen Differenzgeschäften auch tatsächlich Kaufkraft ableiten kann, wenn man sie nicht wieder in Papier anlegt. Bezogen auf mein obiges Statement heisst das:
    Raus aus a l l e m Papier und rein in Gold und Silber! Jetzt gilt´s!

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.