Trendwenden finden im Kopf statt. Nur im Kopf.

6. Oktober 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Was ich vom Großteil der medialen Berichterstattung zum Thema Börse halte, wissen Sie. Man bemüht sich dort seit Jahrzehnten, mehrheitlich auch redlich, zu erklären, warum beispielsweise der DAX an einen bestimmten Tag fällt und an einem anderen steigt…

Das ist richtig so, das ist wichtig so. Aber immer wieder wird versucht, Kursbewegungen nennenswerter Größenordnung zwingend mit kurz vorher stattgefundenen Ereignissen oder gemeldeten Daten in einen Kausalzusammenhang zu bringen, der die meisten Anleger auf den Holzweg führt. Denn nur, wenn man die tatsächlichen Gründe für Kursbewegungen erkennt, hat man eine Chance, deren Nachhaltigkeit abzuschätzen. Und um nichts anderes kann es ja gehen. Was war, weiß jeder. Was kommt, darauf kommt es an.

Und Entscheidungen, Positionen zu verkaufen oder aufzubauen, entstehen nicht aufgrund von einzelnen Daten oder Nachrichten. Sie werden im besten Fall durch sie ausgelöst, aber das ist etwas anderes. Weder waren die wieder einmal unerfreulich ausgefallenen Einkaufsmanagerindex-Daten der Eurozone der Grund für die massiv abrutschenden Notierungen in Europa am Donnerstag, noch die US-Arbeitsmarktdaten Grund für die Rallye der US-Indizes am Freitag. Es geht hier momentan um den Kampf der Marktteilnehmer gegen eine mittelfristige Trendwende der Aktienmärkte und damit um einen Kampf zwischen Hoffnung und Angst, Gier und Verunsicherung.

Und diese Emotionen, die ja letzten Endes immer die entscheidende Basis sind, wenn sich außerhalb des strikt an den Kursen orientierten Tradings ein Finger auf die Tastatur senkt und einen Kauf oder Verkauf auslöst, entstehen und wachsen nicht in Minuten, sondern über Monate hinweg. Einzelne Nachrichten oder Daten können bestenfalls der Auslöser werden, dass sich diese Emotionen bahn brechen und einen Marktteilnehmer in Aktivität versetzen.

Dass so viele immer wieder nach unmittelbaren Gründen für eine starke Bewegung suchen und damit den falschen Mond anheulen, basiert dabei offenbar darauf, dass viele das Gefühl haben, es hier mit einer exakten Wissenschaft zu tun zu haben. Doch Börse ist letzten Endes alles andere als das.

Wer die Entscheidung trifft, einzusteigen oder auszusteigen, trifft eine Entscheidung mit ungewissem Ausgang. Und wie immer, wenn man in einer solchen Situation ist und es um ernsthafte Konsequenzen geht, muss die Basis, sich zu entscheiden, erst einmal reifen. Das ist in allen Lebensbereichen so. Denken Sie an Entscheidungen hinsichtlich einer Beziehung, des Berufs, der Lebensumstände wie Umzug, Hausbau etc. Am Ende trifft man die Entscheidung, mit der man sich glaubt, am besten zu fühlen. Und dazu sammelt der Mensch über einen längeren Zeitraum hinweg Eindrücke. Wenn es darum geht, große Summen zu bewegen, um entweder Gewinne zu erzielen oder Verluste zu vermeiden, handelt es sich dabei um Entscheidungen, die aufgrund ihrer hohen Bedeutung und ihres ungewissen Ausgangs einen vergleichbaren Prozess durchmachen.

Das ist der Grund, warum es keinen Zweck hat, aktueller Ereignisse als unmittelbare Begründung für nennenswert nach oben oder nach unten drehende Kursbilder an der Börse zu finden. Ebenso, wie die Pleite von Lehman Brothers 2008 nicht der Grund für den damaligen, heftigen Kurseinbruch war, sondern nur den Tropfen darstellte, der das Fass zum Überlaufen brachte, ist es auch heute ein Umfeld, das schon lange sukzessive bedrohlicher und in seinen Konsequenzen immer weniger absehbar wird, das den Boden bereitet, und immer mehr Marktteilnehmer nervös und sogar furchtsam werden zu lassen. Und nichts anderes als das bildet die Saat einer Trendwende.

Ob sie sich Bahn bricht, wird davon abhängen, ob die Zahl beziehungsweise die Kapitalkraft derer, die ihr Heil in der Flucht suchen, größer wird als die Summen, mit denen diejenigen, die entweder eine Trendwende verhindern müssen, um ihren finanziellen Untergang abzuwenden oder die noch an die Macht des billigen Geldes glauben, dagegen halten.

Diese langwierigen Kämpfe zwischen Bullen und Bären finden immer statt. Aber im Großteil der Zeit sind die Mehrheitsverhältnisse klar. Dann jedoch beginnen über Monate hinweg Prozesse, die ein schleichendes Umdenken nach sich ziehen. Und sie sind es, die heutzutage immer öfter Trendwenden ausmachen werden. Die zahlreichen früheren Fälle, in denen extrem überschießende Kurse in die eine oder andere Richtung fast zwangsläufig in eine Gegenbewegung und dann eben auch oft in eine Trendwende mündeten, dürften deutlich seltener werden, alleine aufgrund der zunehmenden Dominanz der Daytrader und computergesteuerten Handelsprogramme, die solche Trends stur verlängern, weil ihnen subjektive Einschätzungen wie „zu billig“ oder „zu teuer“ völlig fremd sind.

Gefährlich wird es heutzutage eher, wenn die Kurse zu lange auf der Stelle treten, weil das diejenigen, die zuvor im Zuge eines Trends jegliche Zweifel an dessen fundamentaler Unterfütterung verdrängten, unruhig werden lässt. Dann beginnt dieser – von vielen sogar unbemerkte – Prozess des Zweifels, des Umdenkens, der irgendwann durch Kursbewegungen an sich oder einen besonders auffälligen externen Auslöser in eine Entscheidung mündet.

Das ist der Grund, warum die Börse entgegen der Plattitüde nicht die Zukunft handelt sondern zu einem vorher nicht absehbaren Zeitpunkt plötzlich auf längst bekannte, von den meisten Marktteilnehmern aber zuvor ignorierte Fakten reagiert.

Das ist der Grund, warum Trendwenden nahezu immer in den letzten Jahrzehnten mit „Verspätung“, sprich weit nach dem Zeitpunkt auftraten, an denen sie eigentlich hätten stattfinden müssen, würden die Marktteilnehmer wie Maschinen reagieren und nicht wie Menschen.

In den letzten Jahren haben wir dabei auch noch eine bislang einmalige Situation, weil die große Mehrheit, die, weil sie entweder nicht auf fallende Kurse setzen kann oder will, nur steigende Aktienmärkte als positiv erachtet, imstande war, durch das „Zaubermittel“ des billigen Geldes jedwede negativen Fakten einfach vom Tisch zu wischen. Es musste viel mehr als in früheren Phasen passieren, um uns zur jetzigen Situation zu führen, nämlich an die Schwelle einer großen Trendwende nach unten.

Dass die EZB ihr Pulver verschossen hat, all ihre jahrelangen Klimmzüge aufgrund einer sträflich passiven Politik, die sich ausschließlich auf die EZB verließ, nicht dazu führten, dass das Wachstum wieder in die Eurozone zurückkehrte, ist normalerweise ein haushohes Alarmsignal. Aber da die niedrigen Zinsen immer schön dafür gesorgt haben, dass weiter Geld in die Aktienmärkte floss, machte man sich am Aktienmarkt keine Sorgen. Die tatsächliche wirtschaftliche Situation war unwichtig, solange das billige Geld als Zaubermittel funktionierte.

Die jetzige Konstellation wackliger Emerging Markets …. einer US-Notenbank, die genau in die Gegenrichtung wie die EZB agiert (was alleine schon Heulen und Zähneklappern auslösen sollte) …. die schwachen Konjunkturdaten aus Europa … US-Konjunkturdaten, die vermuten lassen, dass ein Großteil des dortigen Wachstum auf heißer Luft basiert … die in so vielen Bereichen schwindende Umsätze der Unternehmen … die Bedrohung des wackligen US-Wachstum durch den immer stärker werdenden Dollar … all das wäre längst eine Basis für deutlich tiefere Kurse am Aktienmarkt, wenn nicht so viele so fest an die Zauberwirkung niedriger Zinsen glauben würden.

Und so ist es auch nicht die Ballung all dieser kritischen Aspekte, die die unmittelbare Basis für das Risiko darstellt, dass die Aktienmärkte jetzt kippen. Der eigentliche Grund, der jetzt auf einmal zu stärkeren Verkaufsimpulsen führt, die die Indizes gefährlich nahe an entscheidende Unterstützungen drücken, ist die Tatsache, dass die Aktienmärkte seit Ende vergangenen Jahres eigentlich keinen Deut vorangekommen sind. Das ist es, was vorher überzeugte Bullen unruhig macht. Das ist es, was ihren Blick überhaupt mal auf die vorgenannten Risikofaktoren lenkt. Und das ist es, was die Stimmung umschlagen lassen und damit die Trendwende besiegeln kann.

Es ist einfach nur die Frage, ob sich die Gruppe derjenigen großen Adressen, die durch deutlicher fallende Kurse in eine Katastrophe trudeln würden, weil ihre gehebelten, auf Kredit finanzierten Bestände im Fall deutlicherer Verluste förmlich implodieren würden, noch einmal durchsetzen können, indem sie die Verkäufe durch aktives Dagegenhalten stoppen und durch steigende Kurse wie beispielsweise an der US-Börse am Freitag diejenigen, bei denen der Prozess noch nicht so weit gediehen ist, dass sie ihre Bestände verkauft oder auf die bearishe Seite gewechselt haben, davon abhalten können, „umzukippen“.

Aber wenn man sich das Kursbild beispielsweise des DAX so anschaut, muss man dennoch zweifeln, ob derartige Aktivitäten mehr bringen werden als die zeitliche Verschiebung der Wende. Denn es ist zuletzt immer öfter nötig geworden, die Kurse mit der Brechstange nach oben zu ziehen. Und je länger der Prozess auf der Stelle tretender Kurse dauert, desto größer wird die Zahl derer, die sich die Verkäufe daran erinnern, dass diejenigen mit den geringsten Blessuren davonkommen, die als erste verkaufen.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de




 

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Ein Kommentar auf "Trendwenden finden im Kopf statt. Nur im Kopf."

  1. Michael sagt:

    Den DAX holt die Europäische Realität ein. Die Formation erinnert an 2011 und auch der EURO macht Anstalten im Verhältnis zum Dollar wieder ähnliches Niveau einzunhemen. Ähnlich Ende QE2. Demzufolge steht an
    a) Ein saftige Korrektur
    b) Das Rausfahren der Übertreibung aus letzten Herbst

    Ein stabiler DOW heißt aus meiner Sicht DAX bei 8k. 7 Jahre sind vorbei. Womit will man die Bepreisung der großen Werte noch rechtfertigen? Inflationsausgleich nach mehrmaliger Reinkarnation? Wenn 2 Investoren mit 1 Mio. EUR zum Würstelstand gehen steigt deswegen nicht der Preis für die Würstel. Soviele Transaktionen könne sie nicht starten sodass sie die 1 Mio. in Würstel konsumieren. Das ist einfacher sie kaufen den Würstelstand.

    Müsste man wieder mal auf die Marktkapitalisierung schauen.

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