Trautes Heim…

2. April 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Nach gefühlten drei Dutzend aktuellen Studien zum deutschen Wohnungsmarkt wartet nun die Postbank mit einer weiteren auf. In Kooperation mit den Marktforschern der Firma F+B werden 36 Städte näher untersucht. Allzu große Überraschungen sind darin, wie kaum anders zu erwarten, nicht zu finden, wohl aber Verschiebungen in Bezug auf die Frage: Wo kaufen, wo mieten?

Der Versuch, einmal mehr Städte über die gängigen sieben Metropolen hinaus zu analysieren, ist sicher löblich, wenn auch nicht neu. Damit stellt sich gleich die nächste Frage: Zieht jemand nach Frankfurt am Main oder Erfurt, weil dort Nachholbedarf an Wohnraum besteht?

Von meinem Arbeitszimmer aus verfolge ich seit vielen Monaten, wie der zwei Kilometer weit entfernte neue Henninger Turm, ein gigantisches Wohnungsprojekt im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, nach oben geschossen ist. Dann frage ich mich immer: Möchte ich dort wirklich wohnen, obwohl das Baugebiet drumherum noch jahrelang Lärm verheißt und die Einflugschneise zum Frankfurter Flughafen recht nahe ist?

Turm-Wohnen gilt derzeit als schick, ebenso wie schon seit längerer Zeit das Wohnen am Fluss oder am See. In den 70er und 80er Jahren waren es sogenannte Stadthäuser – bis deren Bewohner mit Bedauern feststellen mussten, dass die Lärmbelästigung von unten nach oben und umgekehrt auf Dauer kaum zu ertragen war und das ständige Treppensteigen allmählich zur Last wurde. Lofts sind immer noch beliebt; dass ihr Komfort zu wünschen übrig lässt, weil der Wind durch die Ritzen pfeift, nehmen hartgesottene Fans dieser Altbauwohnungen offenbar gern in Kauf.

Wohnhäuser wie auch die meisten einzelnen Wohnungen sind Unikate, das sollte sich jeder Interessent und potenzielle Käufer hinter die Ohren schreiben. Unikate durch Lage, Ausstattung, Preis und ein paar weitere Merkmale. Ihr Wert steht erst fest, wenn Verkäufer und Käufer sich auf einen Preis geeinigt haben. Vorher können Eigentümer bestenfalls vom Wert träumen.

Ein Kauf, zumal ein emotionaler, ist schnell und oft allzu hastig unter Dach und Fach. Dagegen braucht man für einen Verkauf, zumal wenn der Preis stimmen soll, in der Regel viele Monate, manchmal sogar Jahre. Anders als Aktien oder andere Wertpapiere sind Immobilien also nur bedingt liquidierbar. Das gilt besonders für Liebhaberobjekte. Ob die jetzigen Käufer wohl daran denken?

Mir liegt ein aktuelles Angebot der Maklerfirma Engel & Völkers zum Hafenzentrum Offenbach vor. Darin strotzt es vor Begriffen, die offenkundig Emotionen wecken sollen, von „mobilitätsfreundlich“ (was auch immer das bedeuten mag) über „exklusive Ausstattung“ (bei Neubauten gängig) bis zum „Blick auf den Dachgarten und zum Wasser“ (was die Emotionen wohl erst so richtig zum Kochen bringen soll).

Natürlich fehlt auch nicht der Hinweis „unmittelbar an der Grenze zu Frankfurt“. Eingefleischte Offenbach-Fans dürften das überhaupt nicht gut finden, denn beide Städte verstehen sich traditionell als Rivalen, viel mehr noch als Köln und Düsseldorf.

Hier kommt neben den Emotionen ein weiterer preisbestimmender Faktor zum Vorschein: das Image. Daran haben viele Stadtväter zu knabbern. Zum Beispiel kann die Stadt Essen im Süden noch so schön sein, das Image wird insgesamt doch eher vom weniger attraktiven Norden geprägt.

Oder um einen konträren Fall zu nennen: Münchner Ortsteile wie Hasenbergl oder Milbertshofen mögen nicht besonders attraktiv erscheinen, am Ende hängt das Image der bayerischen Landeshautstadt nicht davon ab, sondern in erster Linie vom hohen Freizeitwert durch Alte und Neue Pinakothek, Biergärten, den FC Bayern und das schöne Umland von Grünwald bis zum Starnberger See.

Aus diesen Überlegungen folgt: Die sogenannten weichen Faktoren bestimmen den Wert von Wohnimmobilien mindestens ebenso stark wie die Mikrolage, die Ausstattung im Allgemeinen und die Qualität von Küchen oder Bädern im Besonderen.

Um einen weiteren Vergleich anzustellen, der sich aktuell aufdrängt: Hannover war einige Jahre lang im Mittelpunkt von zwar nicht immer positiven, aber spannenden Schlagzeilen, etwa zum ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und seinem Freund Carsten Maschmeyer. Dafür boten die Scorpians-Band und der Fußballclub Hannover 96 jahrelang einen positiven Ausgleich.

Doch jetzt muss der Club in die zweite Liga absteigen, und eine ganze Region versinkt in Trauer. Den Rest besorgt der VW-Skandal mit negativen Folgen auch für das Werk in Hannover – und nicht zuletzt für die Immobilienpreise.
© Manfred Gburek – Homepage

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