Müllenmeister: Transmutation bei Atommüll und Krebs

18. April 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Hans-Jörg Müllenmeister

Ein Streifzug durch den Dschungel moderner Forschung ist bisweilen vielversprechend und spannender als ein Krimi. In der Nukleartechnik gibt es – wenn Sie so wollen – in unterschiedlichen Einzeldisziplinen ehrgeizige gemeinsame Ziele: Es geht darum, schädlichen Atomabfall mit Neutronen zu bekämpfen, um damit die Halbwertzeit der radioaktiven langlebigen Spaltprodukte drastisch zu verkürzen…

In der Nuklearmedizin trachtet man danach, die „Halbwertzeit“ eines schädlichen Krebstumors gegen Null gehen zu lassen – also diesen Bösewicht seinerseits in den sicheren Tod zu schicken durch gezielte Partikel-Bestrahlung. Vorab: Die Halbwertzeit ist jene Zeit, in der die Hälfte aller Atome eines radioaktiven Elements zerfallen sind und sich damit auch die radioaktive Strahlung halbiert hat.

Aus niedrigen Metallen Edles zu schaffen, war eine Ursehnsucht der Menschheit. So suchten fieberhaft die Alchemisten seit der Spätantike nach dem Stein der Weisen, eine Substanz, mit der sich unedle Metalle in Gold verwandeln ließe. Johann Friedrich Böttger entdeckte zwar nicht das begehrte, statt dessen das Weiße Gold, genauer das Europäische Porzellan. Zum Glück, denn Friedrich I hatte zuvor auf den Quacksalber und selbst ernannten Goldmacher ein Kopfgeld ausgesetzt. Im 17ten Jahrhundert stand ja Porzellan ähnlich hoch im Kurs wie Gold. Bald schon wurde aber klar, dass ein Umwandeln eines Elements in ein anderes sinnlos, ja schier unmöglich war.

Eine Transmutation – spätlat. trasmutare für verwandeln – funktioniert nur bei exorbitant hohen Energien in kernphysikalischen Verfahren. Erst heute gelingt es in Kernreaktoren auch das edle Element Gold zu erzeugen, milligrammweise, aber es wäre extrem teuer. Das wäre doch etwas Besonders für Snobs: echtes „Reaktor-Gold“ für 100 Millionen Euro pro Gramm, frisch aus dem Atommeiler.

Nach Fukushima sehen die AKW-Betreiber und die Politiker im Berliner Quasseltempel die Kernenergie mit etwas besorgteren Augen. Ein Kernproblem ist und bleibt das Entsorgen radioaktiven Abfalls. Bedenken Sie, dass weltweit jährlich 65.000 Tonnen Kernbrennstoffe anfallen. Allein in Deutschland lagen 5.000 Tonnen hochradioaktive abgebrannte Brennelemente. Außerdem etwa 50.000 Kubikmeter schwach- bis mittelaktive Abfälle, abgesehen von den noch stillzulegenden Atomkraftwerken. Besonders langlebige radiotoxische Bestandteile müssten bis zu einer Million Jahre sicher gelagert werden.

Die Crux ist, dass es keinen Königsweg gibt zur sicheren Endlagerung in der kontinentalen Erdkruste. Eine Isolation der Radionuklide vor der Biosphäre für Zeitspannen von zehn bis zwanzig Halbwertzeiten gibt es nur für kurzlebige Radionuklide; die langlebigen kehren irgendwann mit dem Gestein- und Wasserkreislauf in die Biosphäre diffus verteilt zurück; sie „bereichern“ damit den Schadstoffanteil des Biozyklus. Ungeachtet einer möglichen Lösung, setzt man die Produktion radioaktiver Abfälle unbeirrt weiter fort. Stellen Sie sich nur vor, die Alten Ägypter hätten zur Blütezeit ihrer Kultur statt Pyramiden schon Atomeier ausgebrütet, dann wären heute für ihre „strahlenden“ Hinterlassenschaften erst gut ein Viertel der Halbwertzeit für Plutonium 239 ( HwZ gleich 24100 Jahre) vergangen, und wir wären hübsch verstrahlt. (—>weiter<—)

Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2 3

Schlagworte: , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.