Tränen der Götter

3. Oktober 2009 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

von Frank Meyer

Wer Gold besitzen möchte, geht zum Metallhändler und greift dort zu. Man kann es auch etwas umständlicher machen, indem man das gelbe Zeug selbst zu suchen –beginnt. Ein besonders dummes Unterfangen, sagen manche, sich solche Mühe zu bereiten. Doch es macht gehörigen Spaß und bringt nach dem sich verziehenden Rauch der Wahlkampf-Nebelkerzen frischen Wind in die Hirnwindungen. Auf nach Thüringen zur Suche nach echtem Gold…

 

Gold ist nicht nur ein Mythos, es ist seit Jahrtausenden echtes Geld, im Gegensatz zu dem, was wir in unseren Hosentaschen herumtragen. Seit Jahrtausenden jagt man es, mit mehr oder weniger großem Erfolg. Wie schwer es zu gewinnen ist, zeigt sich, wenn man mitten im Herbst in einem Flussbett steht und sich im Goldwaschen versucht, so wie der Autor dieser Zeilen am letzten Wochenende in Thüringen. Uff, war das kalt…

Es ist schon ein kleiner Unterschied, ob man beim Münzhändler eine Unze Gold kauft, oder selbst versucht, eine zu finden. das dauert Monate, soviel zu finden, selbst wenn man Glück hat. Die meisten wissen nicht, dass Gold quer über die Erde verteilt ist, und die Götter es auch in deutschen Gefilden verstreut haben. Rheingold ist für viele ein Begriff. Manche suchen ihr Glück gerade in der Oberpfalz. Auch das Erzgebirge ist für seinen Gold- und Silberabbau bekannt. Silber wurde in Freiberg gewinnbringend abgebaut – früher zumindest. Mit steigenden Goldpreisen machen sich jetzt mehr und mehr Abenteurer auf den Weg, diese gelben Körnchen aufzusammeln – ein mühsames Unterfangen. Stiege der Goldpreis auf mehrere tausend Euro, würden wohl Bäche und Flüsse viel intensiver durchwühlt. Die Umwelt würde „besteistert“ sein..

Nahe Katzhütte versuchte ich mein Glück. Unter fachkundiger Anleitung von Chefgoldwäscher Timo ging es an die Katze, einem kleinen Fluss, der die Tränen der Götter in kleinen Flittern bergab transportiert. Da Gold mit 19 Gramm/Kubikzentimeter verdammt schwer ist, dauert es oft Jahrhunderte, bis das Gold einige Meter vorangekommen ist. Zwischendurch verfängt es sich in Spalten und Ritzen. Und da liegt es dann, wartend, auf was auch immer.

Gold sitzt normalerweise im Gestein der Berge fest. Mit deren Verwitterung wird es nach und nach ausgespült und macht sich dann langsam auf seinen Weg. In den letzten Jahren sind viele Goldwäscher an die Schwarza und an deren kleine Nebenbäche gekommen. Die Katze ist seit längerem als goldführender Fluss bekannt.

Timo schätzt, dass man hier mindestens ein Kilogramm Gold aus dem Flussbett gewaschen worden ist. Man braucht nicht viel, um fündig zu werden: Schaufel, Sieb, Eimer, Gummistiefel aber eine Menge Geduld und Glück. Und so lässt man sein Auge schweifen, auf der Suche nach so genannten Goldfallen, meist am Rande des Baches, wo sich im Laufe der Jahrhunderte Körnchen für Körnchen abgelagert haben könnte. Vor einiger Zeit fand Goldwäscher Karl-Heinz gleich neben Timo dieses ins Auge geklemmte Nugget.

Das ist aber noch gar nichts zu dem, was ein anderer Rentner fand – das größte Nugget mit 10 Gramm Gewicht. Die Zeitungen sprudelten über und die Leute rannten wie Verrückte hinab ins Tal..

Ein solches Goldnugget zu finden gleicht einem Lottogewinn. Und vielleicht hatten die Waldgeister damals einen guten Tag. Otto Normalgoldwäscher muss erst einmal eine Stelle finden, wo Gold lagern könnte. Hat man diese entdeckt, beginnt ein sehr mühsamer Vorgang. Man befördert das Waschgut auf die Pfanne und beginnt, mit viel Wasser den Schlamm auszuschwemmen, bis mehr oder weniger Sand und Steine übrig geblieben sind. Durch das Schwenken der Pfanne setzt sich Gold wegen des hohen Gewichts am Grund der Pfanne ab. Die obere Schicht kann man mit Wasser abschwemmen. Man wäscht die Steine weg, bis nur noch wenig Material übrig geblieben ist. Keine Sorge, das Gold flüchtet nicht, es ist so faul und schwer, dass selbst ein starker Wasserschwall es nicht aus der Pfanne spült. Mit dann ganz leichten Bewegungen in der Pfanne wäscht man im Uhrzeigersinn den Rest des Sandes weg – und wenn man Glück hat, leuchten kleine goldene Körnchen im Licht auf.

Diese Flitter mit einem Gewicht von meist wenigen Milligramm nimmt man mit einem trockenen Finger auf und befördert sie in ein mitgebrachtes Schraubglas, in dem sich Wasser befindet. Dann freut man sich und macht sich auf zum nächsten Waschgang…

In der Zwischenzeit tauchen im Kopf Gedanken darüber auf, warum Gold so faszinierend war, ist und bleibt. Gold ist ultimativer Wertspeicher, ein Konto, das geleistete Arbeitskraft archiviert. Von Papiergeld lässt sich das nicht unbedingt behaupten. Papiergeld ist Kredit, dessen Leistung erst noch erbracht werden muss. Ein kleines Beispiel soll verdeutlichen, was es mit unserem heutigen Geld auf sich hat. In Europa gibt es schätzungsweise 700 Milliarden Euro in Scheinen und Münzen. Allein auf den Konten der Deutschen sollen sich 1.700 Milliarden Euro befinden. Würde jeder Europäer jetzt 2.000 Euro vom Konto abholen, kämen die Banken in arge Bedrängnis, und wohl auch die Wälder, aus denen man dann neue Scheine fertigen müsste. Unser heutiges Geld ist eine Illusion. Das meiste „Geld“ existiert sowieso nur in Form von Bits und Bytes in modernen Computern. Geldscheine und virtuelles Geld sind per staatlichem Dekret Zahlungsmittel mit dem mehr oder weniger inne wohnendem Vertrauen, jederzeit dafür Waren und Dienstleistungen erwerben zu können.

Zurück zur Katze. Nach zwei Stunden haben sich zehn Flitterchen zusammengefunden. Eine gute Ausbeute, auch wenn man davon niemals reich wird. Irgendwann schmerzt der Rücken, sind die Hände aufgeweicht, doch „Goldwaschen ist pure Entspannung“, meint Timo, der in den letzten Jahren etliche Gramm aus der Katze gespült hat. Darunter fand sich manch größeres Fundstück, das jetzt den Ehering seiner Frau ziert – gedacht für die Ewigkeit.

Es gibt ja Leute, die fragen, warum man sich die Mühe macht, sich in einen Bach zu stellen und dort wühlen. Leute tun dumme Dinge, sagen Kluge, ohne zu ahnen, dass Kluge oft viel dümmere Dinge tun. Rein finanztechnisch und unter dem Aspekt der Effektivität betrachtet, ist es pure Zeitverschwendung. Goldhändler bieten ganze Unzen mit schönsten Motiven für 730 Euro an. Ach, wäre das Leben doch nicht so emotional, ein technischer Akt voller Effektivität, meint mancher. Das ist wiederum die heitere Seite der ganzen Angelegenheit. Und die Frage zwischen klug und dumm bleibt ungeklärt.

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Ein Kommentar auf "Tränen der Götter"

  1. Anne sagt:

    Das hatte ich ja schon fast vergessen, ein schöner Beitrag 😀

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