Traditionsbrüche: Japan auf dem direkten Weg zum Crack-Up-Boom

6. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Japan gilt gemeinhin als Land des Konsenses – in Wirtschaft und Politik. Mit wenigen Ausnahmen wurde das Land seit 1955 von ein und derselben Partei regiert. Auch im Wirtschaftsleben ist normalerweise „Gesicht wahren“ die oberste Devise. Umso bemerkenswerter stellt sich die jüngste Entscheidung der Bank of Japan dar…

Mit einem Abstimmungsergebnis von fünf zu vier Stimmen votierte das Monetary Policy Committee für eine deutliche Ausweitung des Quantitative Easing Programmes (sprich: Geld drucken). Erstaunlich ist dabei mehr das Timing als die Entscheidung an sich, denn der klare Kurs in Richtung Crack-Up-Boom (CuB) war bereits seit dem Start des „Abenomics“-Programmes Anfang 2013 klar abzusehen.

Haruhiko Kuroda, Gouverneur der Bank of Japan, nutzte nun offensichtlich eine Phase sinkender Rohstoffpreise um weitere Maßnahmen der „Abenomics“ auf den Weg zu bringen. Denn zuletzt wurden in Japan immer mehr kritische Stimmen laut, die Gefahren durch sinkende Reallöhne als Konsequenz des geschwächten Yens sahen. Die Bank of Japan wird nun jährlich japanische Staatsanleihen (JGBs) für 80 Bio. JPY (rund 700 Mrd. USD!) statt bislang 50 Bio. JPY aufkaufen. Immerhin rund 15% des japanischen Bruttoinlandsproduktes.

Zum Vergleich: Am Höhepunkt des letzten Quantitative Easing-Programmes in den USA kaufte die Fed Staatsanleihen im Volumen von „nur“ 6% des Bruttoinlandsproduktes pro Jahr. Mit dieser weiteren Lockerung der Geldpolitik wird Premierminister Shinzo Abe im Dezember zur nächsten Stufe der Umsatzsteuererhöhung fast gezwungen. Durch die erhöhte Steuer kann die Regierung einen Teil der durch die Zentralbank kreierten Mittel wieder in den Staatshaushalt umleiten und diesen damit entlasten.



Linke Tasche, rechte Tasche

Einen interessanten Fakt haben viele Beobachter bislang jedoch nicht beachtet: Bereits heute steht fest, von welchem Verkäufer ein großer Teil der zu erwerbenden Staatsanleihen kommen wird: Aus den Beständen des GPIF, des staatliche Pensionsfonds Japans. Dieser besitzt Anlagen im Wert von 127,3 Bio. Yen (rund 1,1 Bio. USD), davon aktuell rund 60% in JGBs.

Diese Position soll nun auf 35% reduziert werden, rein rechnerisch ein notwendiges Verkaufsvolumen von rund 32 Bio. Yen (rund 280 Mrd. USD). Der einzige natürliche Käufer für diese Staatsanleihen ist angesichts der jüngsten Meldung die Bank of Japan.

Gleichzeitig will der Pensionsfonds seine Bestände in in- und ausländischen Aktien sowie in ausländischen Anleihen erhöhen. Die praktisch unverzinsten JGBs werden also aus dem Vermögen der Pensionäre auf die Bilanz der Zentralbank übertragen, die neu geschaffene Liquidität wandert im Umkehrschluss in den Aktienmarkt und in die ausländischen Anleihemärkte.

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Nur konsequent also, dass der Nikkei am Freitag mit einem Kursfeuerwerk reagierte (+4,8%, siehe Chart). Der heimische Aktienmarkt wird natürlich am meisten profitieren. Doch auch die Indizes in Europa und den USA sprangen am Freitag deutlich an. Schließlich ist klar, dass auch außerhalb Japans Teile des frischen Geldes ankommen werden.

Zu den Märkten

Das sogenannte Qualitative and Quantitative Easing (QQE) Japans wird also die weltweite Geldschwemme weiter anheizen, ähnlich wie die QE-Programme der Federal Reserve oder die indirekte Liquiditätskreierung der EZB. Doch im Unterschied zu den Maßnahmen der Fed reagiert der Goldmarkt auf die japanischen Nachrichten nicht ansatzweise positiv, im Gegenteil sogar.

Exakt am letzten Freitag ging das Edelmetall erneut auf Tauchstation. Für die nun jedes Jahr frisch gedruckten Yen könnte man 10% der jemals weltweit geförderten Goldmenge erwerben. Doch die Märkte gehen offensichtlich aktuell nicht davon aus, dass Teile der japanischen Liquidität in die Edelmetalle fließen könnten.

Wie wir im Editorial des aktuellen Smart Investor 11/2014 schrieben, müssen Anleger bei ihrer Analyse der Märkte derzeit stets auch die Entscheidungen von Politik und Zentralbanken berücksichtigen. Die Bewegungen der vergangenen Tage zeigen jedoch, dass selbst dies oft nicht weiter hilft. Häufig sind die Reaktionen auf solche Ereignisse durch Irrationalität geprägt.

Auch charttechnisch sieht das Edelmetall nun extrem angeschlagen aus. Das bisherige Tief bei 1.180 USD wurde nach unten durchbrochen, davor wurde diese Marke innerhalb von 1½ Jahren dreimal getestet. Der Durchbruch hat sich in den letzten Tagen bestätigt. Ein Fehlsignal kann damit praktisch ausgeschlossen werde, da es bislang keinerlei nennenswerte Gegenreaktion zu beobachten gab. Das Sentiment für Gold ist ungebrochen negativ. Vermutlich braucht es erst noch ein tieferes Niveau bevor die Marktteilnehmer die – zumindest fürs Gold – positiven Entwicklungen einpreisen.

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Die Aktienmärkte haben seit den Tiefs Mitte Oktober deutlich zugelegt. Nach wie vor halten wir dies jedoch für eine technische Erholung, zumindest in Europa. Hier ist in den letzten Tagen das positive Momentum etwas schwächer geworden. Wir gehen daher davon aus, dass der Scheitelpunkt dieser Aufwärtsbewegung nahe ist, bzw. vielleicht am Montag bei rund 9.340 Punkten im DAX bereits erreicht wurde. Die deutliche Diskrepanz zwischen der Ertragsentwicklung in den USA und in Europa können sie unter anderem auch in unserer Grafik der Woche (die morgen erscheint) nachlesen.

Fazit

In Japan werden die Geldschleusen geöffnet und die Märkte weltweit jubeln. Der Jubel könnte bald einer erneuten Resignation weichen, denn die wirtschaftlichen Daten für Europa stimmen alles andere als positiv. Den Börsen in Europa dürfte nun eine Baisse bevorstehen, daran wird zunächst auch die neuerliche Geldschwemme aus den Händen der Bank of Japan nichts ändern.

©Ralf Flierl, Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor




 

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