Too late to call: „The Donald“ zieht um

10. November 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Nachtschicht… Es ist bereits 1 Uhr in der Nacht, als die Prognosen der ersten US-Bundesstaaten veröffentlicht werden. Und es deutet sich bereits um diese Uhrzeit an: Das wird eine enge Kiste. Zu diesem Zeitpunkt sitze ich bereits seit einigen Stunden vor dem Fernseher, zusammen mit einem Freund, der wohl der größte Experte in Sachen US-Politik in meinem Bekanntenkreis ist.

Wir haben uns auf eine lange Wahlnacht eingestellt, mit Pizza vom Lieferservice und einigem Bier im Kühlschrank. Denn Wahlen in den USA sind immer auch eines: Ganz großes Entertainment. Um näher am Geschehen zu sein, schauen wir parallel zum deutschen Fernsehprogramm per Internet-Stream auf MSNBC. Dort werden nicht nur die aktuellsten Prognosen gezeigt, sondern tief gehende Analysen auf Ebene von einzelnen Countys angestellt. Und dabei wird relativ schnell klar: Es könnte eine historische Nacht werden.

Parallel zu den Experten verfolge ich mit dem iPad auf der Couch meinen ganz persönlichen Wahl-Indikator: Den aktuellen Goldpreis. Als die ersten Zahlen eintrudeln, springt dieser bereits von 1.270 USD um mehr als 10 USD an. Irgendetwas scheint also dran zu sein, Donald Trump könnte tatsächlich der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werde.

Goldener Frühindikator

Mein Freund Chrissi traut dem Gold-Indikator dagegen noch nicht, irgendwie scheint ihn das mit der Intelligenz der Masse nicht zu überzeugen. Aber der Zusammenhang ist klar: Zum einen ist es die Unsicherheit, die die Märkte nun verarbeiten müssen. Zum anderen aber eben auch ein möglicher Präsident, der über Geldpolitik anders denken könnte als sämtliche US-Administrationen seit Anfang der 70er Jahre. Im Spaß lege ich mich dann noch auf eine Wette fest: Sollte das Edelmetall über 1.330 USD steigen, zieht Donald Trump ins Weiße Haus ein. Dies wäre ein Tages-Plus von knapp 5% – vergleichbar mit dem Tag nach der Brexit-Entscheidung.

Die Nacht ist allerdings noch lang und unsere Weißbiervorräte neigen sich dem Ende zu. Doch es ist viel zu spannend, um ins Bett zu gehen. Als Steve Kornacki – quasi der Jörg Schönenborn von NBC – einen Trump-Sieg in Michigan für rechnerisch möglich hält, ist ein Präsident Trump zum Greifen nahe. Für einen altgedienten Wahlkampfstrategen der Republikaner ist damit klar: Holt Trump Michigan, ist er der Sieger – „simple as that“. Doch es wird noch einmal spannend: Der Vorsprung dort schrumpft plötzlich wieder, während andererseits aber Pennsylvania zu Trumps Gunsten zu kippen droht.

Gelebte Demokratie

Wir stellen uns nun endgültig auf eine schlaflose Nacht ein, statt Weißbier gibt es daher Kaffee! Meine Frau ist zwischenzeitlich schlafen gegangen. Sollen die zwei Spinner doch durchmachen, wenn sie unbedingt wollen, interpretiere ich ihren Blick. Gold notiert bei 1.320 USD – too close to call, wie der Amerikaner sagt. Auf dem iPad stellen wir nun mit einer speziellen App selbst Berechnungen an und verschieben diverse Wahlmännerstimmen hin und her. Gold steht endlich bei 1.330 USD und immer mehr US-Experten legen sich fest: Hillary Clinton wird diese Wahl verlieren.

Auf ARD und ZDF bleibt man sich allerdings auch zu diesem Zeitpunkt treu: Hier werden vor allem Schauspieler und vermeintliche Wahl-Amerikaner interviewt, die offensichtlich ein Problem damit haben, die Realität zu akzeptieren. Doch es kommt anders. Nach einer schlaflosen Nacht haben wir das Gefühl, bei einem historischen Ereignis dabei gewesen zu sein. Man muss kein Donald-Fan sein, um dies so zu sehen, sondern lediglich ein Fan gelebter Demokratie.

Kleinkarierte Verlierer

Natürlich kartet der Mainstream nach: Die Alten hätten Trump gewählt, was man offenbar so verstanden wissen will, dass da ein paar unbelehrbare Hinterwäldler den smarten Jungen in die Suppe einer rosaroten Zukunft gespuckt hätten. So tönte das bereits nach dem BREXIT-Votum. Man kann das allerdings auch so interpretieren, dass die Alten noch etwas mehr Hintergrund haben und den Kampagnen der Spin-Doktoren nicht ganz so leicht auf den Leim gehen wie die Jüngeren. Selbst vor offenem Rassismus schreckte man im deutschen Staatsfunk heute Morgen nicht zurück: Trump, so hieß es da beispielsweise, sei von den unterdurchschnittlich gebildeten Weißen gewählt worden. So gebildet wie bei der ARD ist man sonst bekanntlich nirgendwo.

Derart kleinkariertes Nachmaulen ist menschlich durchaus verständlich, denn der bundesdeutsche Mainstream hat sich mitsamt der Demoskopie bei der US-Wahl erneut bis auf die Knochen blamiert. Man darf sich also schon einmal ernsthaft fragen, ob wirklich das Twitter-Universum „in einer Blase“ sitzt – dort führte Trump überlegen – oder vielleicht doch der saturierte Mainstream-Journalismus und Politikbetrieb?

Allerdings muss man zur „Ehrenrettung“ von Spiegel, Bild, GEZ-Funk & Co. eingestehen, dass dort das Bemühen um eine objektive Berichterstattung von Anfang an erkennbar nicht im Vordergrund gestanden haben kann. Stattdessen wurde eine beispiellose, auch beispiellos plumpe Kampagne gegen den ungeliebten Anti-Establishment-Kandidaten gefahren. Trumps lockere Sprüche sorgten ohnehin nur bei den verkniffenen Sittenwächtern der „politischen Korrektheit“ für beifallsheischende Empörung. Man spürte die Absicht und war verstimmt. So verstimmt, dass wir bei unserem Musterdepotwert bet-at-home.com sogar privat eine kleine Wette auf den Wahlsieg Trumps platzierten (lesen Sie mehr dazu im heutigen Musterdepot).

Wendehälse 2016

Seit heute wird im Mainstream zähneknirschend zurückgerudert. Gerade in einem Haus wie Springer, in dem die Freundschaft zu den USA Teil der niedergeschriebenen Unternehmenskultur ist, wird man nicht auf Dauer gegen einen US-Präsidenten Stimmung machen. Auffällig: Berichte werden nun nicht mehr mit unvorteilhaften, ja fratzenhaften Schnappschüssen des Rüpel-Kandidaten garniert. Stattdessen sehen wir – und darauf ist der Bild-Leser schlecht vorbereitet – einen Mann, der ziemlich staatstragend daherkommt und sogar lächeln kann. Wer hätte das gedacht?!

Vermintes Terrain

Natürlich werden sich die Anti-Trump-Netzwerke und -Strukturen nach dem ersten Schock wieder sammeln. Es ist nicht so, dass dort nur Opportunisten unterwegs waren, es gibt auch reichlich Überzeugungstäter, vor allem aber massive Geschäftsinteressen, die von einem Politikwechsel auf vielfältigste Weise negativ betroffen sein werden. Zu nennen sind da beispielsweise jene NGOs – teils finanziert über äußerst dubiose Kanäle –, die sich ohne irgendeine demokratische Legitimation anmaßen, eine Art Nebenpolitik zu betreiben.

Der Außenseiter Trump begibt sich also auf hochgradig vermintes Terrain und wird hier eher noch stärkere Widerstände vorfinden als seinerzeit Ronald Reagan oder Margaret Thatcher. Beide mussten sich bereits kurz nach Amtsantritt gegen politisch motivierte Streiks beweisen. Ohnehin drängen sich Parallelen zu Reagan auf, der seinerzeit ebenfalls vom Establishment als „B-Movie“-Schauspieler verachtet wurde und heute in den USA überwiegend als einer der großen Präsidenten verehrt wird. Sein Wirtschaftsberater Arthur B. Laffer äußerte sich gegenüber Smart Investor bereits im Januar 2015 (veröffentlicht in Smart Investor 10/2015) – zu einer Zeit, als von Trump praktisch noch nichts zu sehen war:

„Ich habe das schon einmal erlebt, weil ich alt genug bin. Gerade passiert in Amerika eine Revolution. Es ist das glatte Gegenteil von Griechenland. Wir sehen die Renaissance von Reagan & Thatcher. Wir danken Gott für Obama. Ohne Obama und George W. würden wir den nächsten großartigen Präsidenten nicht haben. Es bedurfte eines Jimmy Carter, um einen Präsidenten wie Ronald Reagan zu ermöglichen. … Natürlich sind wir aktuell in einer grauenhaften Periode wegen George W. und Obama. Aber dies ist bereits das Morgengrauen. Ich weiß, dass Sie mir nicht glauben.“

Positive Aspekte

Zumindest aus deutscher Sicht gibt es einige positive Aspekte der Trump-Wahl. Der Wichtigste: Das Verhältnis zu Russland könnte sich entspannen. Die Politik der kontinuierlichen Eskalation gegenüber dem Kreml könnte unter einem Präsidenten Trump zu Ende gehen.

Zweitens dürfte das ungeliebte TTIP-Vertragswerk, das fälschlicherweise gerne als „Freihandelsabkommen“ tituliert wird – von „Spin-Doktoren“ sprachen wir bereits –, nun wohl auch offiziell beerdigt werden.

Drittens wird die künftige US-Administration ihre Hand wohl nicht mehr ganz so schützend über Kanzlerin Merkel halten. Trump machte keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die in Berlin praktizierte Grenzenlos-Politik, die auch in der deutschen Bevölkerung auf immer breitere Ablehnung stößt.

Verteidigungsministerin von der Leyen zeigte sich – unter Missachtung jeglicher demokratischer und diplomatischer Spielregeln – bereits „schwer geschockt“ von Trumps Wahlsieg. Angesichts solcher Panikattacken ist es fast schon beruhigend, dass die Befehlsgewalt im Ernstfall auf den Kanzler übergeht. Aus ihrer Perspektive mag die Aufregung durchaus berechtigt sein. Zu eindeutig hatte man sich in Berlin und Brüssel mit Clinton ins Bett gelegt. Auch EU-Parlamentspräsident Schulz war mit seiner wiederholten und anmaßenden Einmischung in inneramerikanische Verhältnisse – wie eigentlich immer – schlecht beraten. Immerhin quälte sich Außenminister Steinmeier die Formulierung heraus, dass man den Ausgang der US-Wahl selbstverständlich akzeptiere. Na, da werden die Amerikaner aber aufatmen… (Seite 2)

 

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2 Kommentare auf "Too late to call: „The Donald“ zieht um"

  1. JayJay sagt:

    “Selbst vor offenem Rassismus schreckte man im deutschen Staatsfunk heute Morgen nicht zurück: Trump, so hieß es da beispielsweise, sei von den unterdurchschnittlich gebildeten Weißen gewählt worden. So gebildet wie bei der ARD ist man sonst bekanntlich nirgendwo.“

    Das war mir auch gleich in den Sinn gekommen, das solche Aussagen im GEZ TV eigentlich strafbar sind und Rassismus aller erste Güte war.

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