Tokio, wir haben ein Problem

6. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

(von Bankhaus Rott) Wenn ein Land den Verkauf von Staatsanleihen mit verschenkten Goldmünzen versüßen muss, dann ist ist es weit gekommen. Der japanische Finanzminister Azumi griff unlängst in diese Trickkiste, um den Bürgern den „solidarischen Kauf“ der Staatspapiere näherzubringen. In einem Punkt passen das Edelmetall und die kurzlaufenden Anleihen mittlerweile ganz gut zusammen – beide zahlen keine Zinsen …

Vor lauter europäischen und angelsächsischen Tragödien gerät die desolate Lage der japanischen Finanzen in den Hintergrund. Bescheidenheit ist jedoch angesichts des schwer zu fassenden Finanzierungsbedarfs des Inselstaates nicht angeraten. Was zukünftige Schwierigkeiten betrifft, spielt das Land in der ersten Liga. Da hilft auch die Aufnahme immer kürzer laufender Kredite nichts, im Gegenteil, das Zinsänderungsrisiko hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Die verschenkten Goldmünzen wirken wie eine Anekdote, aber dem Anleihegläubiger bleibt so im Fall der Fälle zumindest etwas.

Die Anfang Dezember von Finanzminister Azumi verkündete Aktion, Anleihekäufer unter bestimmten Bedingungen mit Gold und Silbermünzen zu beschenken, wirkte kurios. Wer bestimmte Staatspapiere (reconstruction loans) im Volumen von mehr als 10 Millionen Yen erwirbt, soll  mit einer 0,55 Unzen schweren Goldmünze belohnt werden – das Angebot ist wie im Verkaufs-TV nur von begrenztem Umfang.

Da die Anleihen in den ersten drei Jahren nur eine Rendite von 0,05% p.a. einbringen, ist die Beigabe quasi eine Art Ersatzertrag. Der Haken an der Sache ist die Haltefrist. Ein Investor muss die Papiere für drei Jahre halten. Warum man 10 Millionen Yen in einen Bond, der nichts abwirft, investieren soll, den man zu allem Überfluss drei Jahre halten muss, erschließt sich dem Beobachter nicht.

Je kurioser die Umtriebe eines Finanzministers, desto größer ist in der Regel die Schieflage. Wie schief das Wirtschaftsschiff im Pazifik bereits im Wasser liegt, zeigt der regelmäßige Wassereinbruch. Solche Lecks, wie sie die jährlichen japanischen Haushaltsdefizite in Relation zum BIP darstellen, sorgen selbst bei vielen europäischen Amtskollegen Azumis nicht für neidische Blicke.

In den letzten 15 Jahren lag das mittlere jährliche Haushaltsloch bei über 6%. Erstaunlicher als das Ausmaß ist wohl nur, wie lange so etwas „gut gehen“ kann. Dank vieler inländischer Käufer war die Nachfrage allen Daten zum Trotz lange Jahre stabil, eine Situation, die sich in den vergangen Jahren geändert hat.  Auch die Bevölkerungsstruktur spielt zunehmend eine wichtige Rolle, denn Ersparnisse werden angelegt, um sie im Alter auszugeben. Bei Wertpapieren bedeutet dies, entweder Papiere zu verkaufen oder erhaltene Beträge aus Fälligkeiten nicht zu reinvestieren… (Seite 2)


 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , ,

13 Kommentare auf "Tokio, wir haben ein Problem"

  1. gilga sagt:

    Eine schöne Zusammenfassung der Lage… danke an das Bankhaus Rott!

    Auch Kyle Bass / Hayman Capital spricht ja schon seit fast 2 Jahren davon, dass die reale Situation in Japan sich nun so langsam aber sicher Bahn brechen wird. Interessant sind ja im Fall Japan auch die Altersstruktur und die Einwanderungszahlen. Da kann einfach langfristig nichts mehr kommen…

    Die Frage die für mich bleibt: Ist Japan das „japanische Modell“ die Zukunft der USA/EU (EU vielleicht weniger)? Oder wird Japan einer der Tropfen sein, der das Fass zum überlaufen bringt und die „japanische Lösung“ in diesen Regionen verhindert (wenn diese überhaupt eine Option bspw. für die USA darstellt)?

  2. FDominicus sagt:

    Man andersherum gefragt. Von wo geht im Großen und Ganzen kein Problem aus?
    1) EU nun ja, welches Land steht hier wirklich gut da?
    2) US auch dort kann man nur fragen, wo gibt es das etwas Gutes zu finden
    3) China. Wer will die Geisterstädte bevölkern?
    4) Japan ist ja hier wieder schön aufgeführt worden
    5) Südamerika was ist mit den Sozialisten in Venezuela was mit den Problemen in Argentinien und Brasilien

    Wieviele Länder sind wirklich nicht unglaublich verschuldet?

    • samy sagt:

      Hi,

      gelobt seien die wenigen Länder, deren Reichtum auf Bodenschätze basiert.
      Klar, auch sie können crashen, wenn Währungen zerfallen, aber es wird immer eine natürliche Nachfrage nach deren Rohstoffen geben. Norwegen hat Öl kaum Schulden. Die Saudis überlegen angeblich hier und dort Öl im Boden zu lassen, warum wohl? Die Preise in Dollar steigen doch eigentlich? 😉

      VG

  3. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo zusammen,

    Eine kleine Ergänzung noch. Es gibt in der Tat viele Länder, die finanziell nicht sonderlich gut dastehen, es handelt sich um den vielzitierten „ugly contest“. Allerdings gibt es wichtige Unterschiede, die Einfluss auf den zeitlichen Ablauf haben, so etwa die anstehenden Fälligkeiten und die mittleren Laufzeite der bestehenden Anleihen. Je länger diese ist, desto geringer ist der laufende Refinanzierungsdruck.

    Japan finanziert sich zusehends kurzfristiger (wie die USA auch). die mittlere Laufzeit der Bonds liegt bei 5.87 Jahren – zum Vergleich, in Großbritannien liegt der Wert bei knapp 14 Jahren. Allein in 2012 müssen die Japaner mehr als ein Viertel der bestehenden Schulden refinanzieren und gleichzeitig das neue Defizit stopfen. Müsste Japan 3% auf seine Schulden zahlen, würden die Zinsen die staatlichen Gesamteinnahmen vollständig konsumieren.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

    • FDominicus sagt:

      Stimmt natürlich. Nur auch hier oder auf den Querschüssen wurde ja geschrieben wie lange die durchschnittliche Laufdauer der Anleihen in der EU ist und das sind so um di 6.3 Jahre. Bei 20 Billionen Schulden haben wir also europaweit einen Refinanzierungsbedarf von 3.17 Billonen Jahr. Und ich denke auch Japan weißt hier den Weg. Langläufer sind kaum noch unter die Leute zu bringen also wird die Tendenz auch in EUR Land zu Kurzläufern gehen und man stelle sich vor das ganze fiele auf 3 Jahre dann betrüge der Refinanzierungsbedarf 6,67 Billionen. Ich denke mit den 3 Billionen sind wir schon jenseits der Grenze. Und damit ist es klar wir befinden uns Mitten im Tunnel und das Licht das uns entgegenkommt ist ein Zug….

  4. Avantgarde sagt:

    Hmm…

    Was nicht in dem Aritkel steht ist, daß Japan nicht von fremden Geldgebern abhängig ist sondern bei seinen EIGENEN Bürgern verschuldet ist.
    Das nimmt schon mal ne Menge Druck weg.
    Die Gefahr des Zinsanstieges sehe ist deshalb SO nicht.

    Sobald die gesparten Gelder wieder in den Kreislauf kommen könnte sich der Staat im Gegenzug entschulden.

    Die Japanische Umsatzsteuer liegt übrigens bei sagenhaften 5%.

    • Bankhaus Rott sagt:

      @Avantgarde

      Die gesparten Gelder befinden sich bereits im Kreislauf, sind sie doch größtenteils in japanischen Staatspapieren angelegt. Die angesprochene Finanzierung durch Mittel der japanischen Bürger hat in den vergangenen Jahren stabilisiert, genügt aber mittlerweile nicht mehr, da der japanische Pensionsfonds auf Grund der Altersstruktur per Saldo bereits Verkäufer von Staatspapieren geworden ist. Die Ansprüche der ersten Einzahler aus den 60er Jahren beginnen in 2012. Diese Belastung wird nun jährlich zunehmen. Zudem ist es nicht möglich aus sinkenden Einkommen ein stetiges jährliches Defizit zu finanzieren. Eine einzelne Steuerart hat keine sonderlich hohe Aussagekraft.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      P.S.: Steht aber auch im Artikel: „Dank vieler inländischer Käufer war die Nachfrage allen Daten zum Trotz lange Jahre stabil, eine Situation, die sich in den vergangen Jahren geändert hat. „

  5. wolfswurt sagt:

    Die meisten Menschen, ganz besonders die in der Finanzbranche, sind heutzutage so verwirrt, daß man ihnen jede noch so große Idiotie als vernünftig andrehen kann.

    Oder anders Ausgedrückt: der Verwirrte gibt dem noch mehr Verwirrten Ratschläge.

    Mit Papier(Geldschein) Papier(Anleihe) kaufen und Gold als Bonus obendrauf zu bekommen,
    läßt ja nun wirklich nur noch einen Schluß zu: Der Esel befindet sich auf dem Eis.

  6. crunchy sagt:

    Und da habe ich noch gehöhrt, die japanischen Goldverkäufe wären eigentlich nur eine Art Kapitalflucht: Sie führten in anderen Ländern, in denen sich die Verkäufer niedergelassen hätten zu Käufen.
    Soviel zum Thema „Idiotie“. Es sieht für mich nach der Aufgabe der letzten Reserve aus. Nur keine Angst: da gibt es genügend andere „Schlitzaugen“, die die Hand aufhalten.

  7. Nix sagt:

    Das Beispiel Japan zeigt, wie sinnlos die einfache Betrachtung des Haushaltsdefizit des Staates ist. Relevant ist die Gesamtverschuldung der öffentlichen und privaten Haushalte plus der Unternehmen, d.h. wie viel der Wertschöpfung an Kapitalgeber abgegeben werden muss.

    In zweiter Linie ist relevant, wie hoch die Auslandsverschuldung ist, bzw. wie schnell diese wächst, d.h. wie viel dieses Kapitaldienstes die Volkswirtschaft verlässt.

    Das Haushaltsdefizit ist ein Teil dieser Größen, dieses aber isoliert reduzieren zu wollen, ist für Japan genauso wie für Deutschland der falsche Ansatz zum falschen Zeitpunkt.

    Zur Situation der Japanischen Volkswirtschaft ist vor kurzem ein brillianter Artikel von Richard Koo (Chefvolkswirt von Nomura) in der RWER erschienen: http://rwer.wordpress.com/2011/12/12/rwer-issue-58-richard-koo/

  8. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo Nix,

    Ein Haushaltsdefizit ist niemals unwichtig, stellt es doch schlicht den Teil neuer Staatsschulden und damit den gewachsenen Finanzierungsbedarf da. Niemand hat sicher ein Interesse, diesen einen Datenpunkt isoliert zu betrachten. Wenn aber das jährliche Haushaltsloch gute 50% der gesamten Staatsausgaben ausmacht, wäre es befremdlich, dies zu ignorieren.

    Vor allem sollte man diesen Faktor nicht ausblenden, wenn – wie in Japan – die ehemals stabilen Möglichkeiten der Innenfinanzierung neuer Verbindlichkeiten und die Refinanzierung alter Schulden durch heimische Mittel geschrumpft ist und somit die Abhängigkeit von ausländischen Geldquellen zumimmt. Bei einer japanischen Gesamtschuldenquote von mehr als 500% (Private, Unternehmen, Staat) ist auch das Haushaltsdefizit ein wichtiger Parameter.

    Pseudo-Keynes und vergleichbare Ansätze mögen bei Politikern beliebt sein, was daran liegt, dass ihre Ziele kurzfristiger Natur sind. Funktionieren können derartige Ansätze dennoch nicht. Aber in einer Welt, in der auch Bedürfnisse mit Nachfrage verwechselt wird, kann das nicht weiter verwundern.

    Die auch im Paper von Koo erwähnten Ansätze heilen nicht, sie verzögern. Genauso wie Geld drucken keine Kaufkraft schafft, löst eine Verlagerung privater Schulden auf die öffentliche Hand kein strukturelles Problem.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.