Oh weh, wenn ich die Schulden seh…

21. Dezember 2008 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Man scheint sich an die Milliarden gewöhnt zu haben, von denen die Rede ist, wenn man Rettungsschirme, Kredithilfen und Konjunkturprogramme verkündet. Jetzt aber geht es in die nächste Runde: Billionen machen sich auf den Weg in die Welt. Im Vergleich zu 1929, als die FED in der Krise den Banken Geld entzog, macht sie heute genau das Gegenteil, sie wirft ihnen das Geld für nicht mehr nennenswerte Kosten hinterher. Effektiv liegt der aktuellen Zinssatz in den USA jetzt bei 0,11%. Da schlummert etwas…

Am Ende des Jahres 2008 steht die Welt einem Schuldenturm gegenüber, in dessen Licht der Turmbau zu Babel einem mickrigen Erdhaufen gleicht. Während der globale Aktienmarkt in diesem Jahr um 30 Bio. USD zusammengesackt ist, hat sich der Anleihemarkt weiter aufgeplustert. Das weltweite Derivatevolumen ist auf 767.000 Milliarden Dollar explodiert.

Die Gesamtverschuldung der USA hat allein im 3. Quartal um weitere 2.300 Mrd. USD zugenommen, während die Privathaushalte Schulden in Höhe von 117 Mrd. USD abgebaut haben. Gründe liegen unter anderem in der restriktiveren Kreditvergabe und den Unmengen an Zwangsvollstreckungen. Wer künftig weniger Einnahmen erwartet, gibt künftig wohl auch weniger aus. Die US-Wirtschaft ist zu 70% vom Konsumenten abhängig. Hier wohnt das Potential für einen deflationären Schock, über den auch die Zeitungen inzwischen berichten.

Inmitten der Deflationsdebatte ist Ben Bernanke mit seinen viel zitierten Hubschraubern unterwegs und beregnet die Banken. Sie haben ihre Schulden um 1,2 Bio. USD erhöht. Auch die US-Regierung hat ihre Schulden um 2,1 Bio. auf jetzt mehr als 50 Bio. USD erweitert – bereit, noch etwas draufzupacken. Bislang entspricht die Schuldenlast etwa 350% des US-BIP.

1929 betrieb die US-Regierung dagegen eine restriktive Haushaltspolitik. Die Schulden gingen in dieser Zeit von 10 Mrd. USD auf 8,7 Mrd. USD zurück. Zu Beginn der „Great Depression“ waren das 175% des BIP. Danach ging es abwärts. Zwischen 1929 und 1933 fiel die Wirtschaftsleistung um 27%, die Arbeitslosenquote stieg von 3% auf 25% und die Preise gingen um 25% zurück. Deflation inmitten eines Goldstandards. Bernanke hatte ein Studienobjekt gefunden, doch seine Erkenntnisse haben dem Test in der Realität nicht standgehalten. Er war zu langsam mit allem, gewollt oder ungewollt.

Extreme Werte erzeugen extremen Druck

Die globale Verschuldung hat nun Extremwerte erreicht. Abzubauen ist sie schon lange nicht mehr. Zu niedrige und seit über 20 Jahren stetig fallende Zinsen haben Unternehmen und Private in die Schuldenfalle tappen lassen. Rezessionen und damit einhergehende Bereinigungen von Unsinn konnten und durften de facto nicht mehr stattfinden. Die Folgen erleben wir jetzt. Ärger an den Finanzmärkten und zukünftig wohl auch Probleme gesellschaftlicher Natur. Bisher konnte man das verhindern.

Also senkten die Notenbanken die Kosten für neue Kredite weiter ab und bauten so eine Blase auf, die sich jetzt im Platzen befindet, und das aus einer Fallhöhe, die unter normalen Umständen tödlich geworden ist. Doch was ist schon noch normal? Mit dem Absenken der Zinsen auf nahezu Null versuchen die Geldhüter den Fall zu verhindern, und eine weitere Runde auf dem Schuldenkarusell zu erkaufen. Dazu müssen die Banken aber diese Kredite auch weitervergeben. Und das tun sie nicht. Geholfen wird so in erster Linie den Banken, die sich für Kleingeld bei der Notenbank Geld borgen und es trotz gesunkender Zinsen nicht an die Verbraucher durchreichen und weiterhin Zinssätze verlangen, die höher sind als vor der Zinssenkungsrunde. Die US-Verbraucher sind ohnehin meist überschuldet. In Japan wurden damals die Zinsen auch auf Null gesenkt, die Banken haben für die Herausgabe von Krediten kräftig zugelangt. Und was passierte? Nichts kam in Gang.

Da der Zins immer (zu) niedrig war, konnten die Blasen vor allem unter Greenspan prächtig gedeihen. Aktienmärkte schwangen sich empor, die Hauspreise stiegen, flankiert mit Botschaften, dass wir alle reicher und glücklicher werden. Doch es war ein Scheinwachstum, eine Täuschung, mit einem künftigen Minuszeichen als Reaktion. So wie immer. Wieso sollten der Derivate – und Anleihemarkt im Blasenstatus auf alle Ewigkeiten verharren?

Niedrige Zinsen befeuerten nicht nur die Kurse, sie brachten die Privaten dazu Dinge zu tun, die Manche heute schon bitter bereuen. Sie schuldeten auf, indem sie immer größere Häuser finanzierten, Autos auf Pump kauften, Möbel, Reisen und neuerdings auch die kleineren Dinge, natürlich bequem finanziert. Und sie wurden täglich dazu aufgefordert. Mit Schulden im Nacken hat sich die Abhängigkeit von den Einnahmen erhöht. Viele müssen nun Bedingungen akzeptieren, die sie ohne Schulden nicht hätten eingehen müssen. Moderne Sklaverei, selbst gewählt.

Unternehmen kauften andere auf, finanziert durch Kredite mit künstlich niedrig gehaltenen Zinsen. Unter Normalzuständen wären viele dieser oft sinnlosen Übernahmen gar nicht zustande gekommen. Doch der Wahnsinn hatte System. Nun hängen viele Firmen und immer mehr Private sprichwörtlich am Fliegenfänger.

Was tun die Notenbanken?

Die monetäre Basis der EZB wächst derzeit mit einer jährlichen Rate von 37% und hat sich seit 1999 verdreifacht. Das EZB-Geldvolumen hat sich innerhalb von neuen Jahren verdreifacht. Die amerikanischen Kollegen geben ein etwas höheres Tempo vor. Ein Plus von 158% lässt sich doch sehen! Seit August schoss ein Geldschwall von 1.000 Mrd. USD aus den Rohren der beiden Zentralbanken.

Wundern Sie sich, warum die Preise für das Alltägliche (Öl, Strom, Gas, Nahrungsmittel, Dienstleistungen, Kraftstoffe usw.) durch die Decke gegangen sind? Die Bösen wurden an den falschen Ecken gesucht. Die Spekulanten wurden an den Pranger gestellt. Wer hat ihnen die Werkzeuge gegeben?

Inflationierung erwünscht

„Inflate or die“ – Inflationiere oder stirb. Dieses Prinzip hat der Finanzwelt bislang das Weiterkommen gesichert, bis zu dem heutigen Punkt, wo es fraglich ist, ob dieser Weg weiter fortgesetzt werden kann und ob das Aufmunitionieren der Zentralbanken letztlich in Inflation münden wird. Das ist aus heutiger Sicht nicht sicher. Aber es ist letztlich die einzige Möglichkeit, sich der Schuldenberge zu entledigen. Doch dazu bedarf es auch, dass dieses Geld in den Kreislauf kommt und die Banken wie gefordert auch Kredite an „Wirtschaftssubjekte“ vergeben, die nicht nur Willens sind, sondern auch fähig dazu, sich schneller und höher zu verschulden. Sehen Sie jemanden? Ach ja, den Staat, also wir alle…

In der Tat, warum sollten die Preise da draußen weiter steigen, wenn durch zunehmende Zukunftssorgen das Geld nicht mehr so locker sitzt bzw. die weitere Aufschuldung fehlschlägt? Die Preise für Häuser, Autos, Einrichtungsgegenstände, Reisen und andere Dinge werden im kommenden Jahr wohl eher fallen und die Arbeitslosigkeit zunehmen. Die Kurzarbeit von heute könnte nach der Jahreswende die Arbeitslosigkeit von morgen sein. Das haben selbst die Experten wahrgenommen.

Unterm Strich gibt es aber immer mehr Geld, dem in den kommenden Monaten weniger Güter entgegen stehen werden, was zwangsläufig steigende Preise nach sich ziehen müsste. Mit der exponentiell wachsenden Geldmenge könnten aus steigenden gar explodierende Preise werden. Könnten. Das „alte Geld“ übrigens kauft Land, Wald und Gold. „Altes Geld“ ist meist schlauer als Aussagen in Hochglanzprospekten.

Bilanzsumme der US-Notenbank

Die Bilanz der FED ist zum Vorjahr um 1,4 Bio. USD auf jetzt 2.2 Bio. USD angewachsen.

Blick auf die Bilanz der komerziellen Banken

Von März bis September 2008 stagnierte die Bilanz der Banken noch, doch seit Mitte September hat die Bilanz von 11 Bio. auf aktuell 12,2 Bio USD zugelegt.

Fakt ist, dass die Notenbanken weltweit fast schon im Panikmodus agieren, indem sie die Zinsen auf fast Null senken, und die monetäre Basis exorbitant ausweiten. Die Wirkungen werden sich demnächst entfalten. Oder auch nicht. Entweder es gelingt eine Inflationierung und wir „dürfen“ uns schon 2009 auf stark steigende Preise einstellen. Oder es gelingt nicht, dann gnade uns Gott. Erleben wir Weimar 1923 oder eine viel größere Depression als 1929? Es scheint die Frage danach zu sein, ob wir uns auf Pest oder Cholera einstellen müssen.

Wie es auch kommen mag im nächsten Jahr, die Tugenden werden ein Comeback erleben, von denen Thorsten Schulte in seinem neuen Silberbrief schreibt:

Familie, Freundschaften, Verlässlichkeit und Zuverlässigkeit, Nachbarschaftshilfe, Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft werden wieder breiten Raum in unserem Leben einnehmen. Spekulation, Geldgier, Selbstbedienung in den Chefetagen und in politischen Kasten, das blinde Vertrauen in die angeblichen Selbstheilungskräfte des Marktes werden auf dem Scheiterhaufen der Geschichte landen (zumindest für eine ganze Weile). Darin können wir nichts Schlechtes erkennen. Plato und Aristoteles formulierten einmal die Kardinaltugenden: Klugheit, Mäßigung, Tapferkeit und Gerechtigkeit.

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