Die Lektionen des Mister Market

10. Dezember 2008 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Am Samstag fand in Berlin der jährliche Börsentag statt. Die meisten Anleger haben derbe Verluste und machen sich auf die Suche nach den Ursachen und den Schuldigen. Nun, diese Suche ist ein Schwert mit zwei Klingen. Einerseits haben die Experten oft nicht im Geringsten damit gerechnet, dass Kurse auch fallen können, andererseits hatte das aber die Anlegerschaft nicht auf der Agenda. Kollektive Täuschung? Und dann brodelt es im Saal….

Auf der Podiumsdiskussion kochten am Samstag die Emotionen hoch. Einerseits ist es mutig, dass Angestellte von Banken (Klaus Martini, Deutsche Bank und Michael Schubert, Landesbank Berlin) sich der Diskussion des Publikums stellten und ihre Einschätzungen gaben. Viele Banken haben ihren Mitarbeitern nämlich Maulkörbe verpasst, dass sie zum aktuellen Geschehen zu schweigen haben. Deshalb zolle ich Martini und Schubert meinen aufrichtigen Respekt. Andererseits machen es sich Anleger sehr einfach, indem sie auf jeden losgehen, der eine Krawatte trägt. Andere für die eigenen Entscheidungen verantwortlich zu machen ist zwar der einfachste Weg. Ob er aber zielführend ist?

Es gibt Fragen: Warum verdienen manche Leute so viele Millionen? Haben sie es wirklich ver-dient? Wäre die Welt besser, wenn sie diese Millionen nicht bekämen? Nutzen manche die geschaffenen Strukturen unter dem Deckmantel der Beglückung von Anteilseignern gnadenlos aus? Hier beginnt die moralisch-ethische Diskussion im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Monate.

Wieso bekommt ein Ford-Chef Millionen nur dafür, dass er überhaupt Chef dieser marode Bude geworden ist? Wieso bekommen seine Kollegen trotz Milliardenverlusten Millionen gutgeschrieben? Wieso fliegen diese Chefs mit ihrem Firmenjet durch die Gegend und betteln um das Geld der Steuerzahler?
Wieso kommen manche schadlos davon, wenn sie richtigen Schaden angerichtet haben? Mister Market ist zurück auf der Bühne – und er ist wütend. Und auch die Götter haben sich umgeschaut und finden es richtig, nun Urteile zu fällen und damit etliche Leute dorthin zu schicken, wo sie hingehören. Sie nehmen den Entscheidern oft nicht nur ihr Geld, sie nehmen ihnen vor allem ihre Macht und lachen laut dabei. Gleichzeitig schicken sie die Anleger auf den Hosenboden und erteilen ihnen harte Lektionen.

Mit dem Anlegen oder dem Zocken ist es wie in Liebesbeziehungen. Wer ist denn schuldig, wenn die Beziehung in die Binsen geht? Der andere. Schuldzuweisungen an der Börse sind einfacher, als dem/der Liebsten zu sagen, dass er/sie Mundgeruch hat, schnarcht, oder ein gnadenloser Dummkopf sei. Sollte man an den Börsen gar Garantiescheine einführen, vergleichbar mit dem Kauf eines Bodenstaubsaugers? Wenn man den ON-Knopf drückt, saugt er. Wenn nicht, bringt man ihn zurück. Viele meinen, der Berater wäre ihr Garantieschein für Gewinne an den Börsen. Oft werde ich gefragt, was man kaufen soll. Woher soll ich das wissen? Zudem habe ich keine Lust, einem anderen die Entscheidung abzunehmen und dann Mecker zu bekommen, wenn es schiefgeht.

Bankangestellte verdienen in Schnitt mehr, als eine Kassiererin beim Discounter. Kundenberater in Banken verdienen im Vergleich zu ihren oberen Chefs deutlich weniger als eine Kassiererin. Ihre Arbeit hat aber weitreichendere Konsequenzen als das Eintippen von Preise an der Supermarktkasse. Wir wissen nicht, ob das den Beratern klar war, wir wissen nur, dass sie alle Vorgaben haben. Diese nicht zu erfüllen bedeutet, dass ein anderer, der etwas skrupelloser an die Sache herangeht, dem Vorsichtigen den Stuhl wegschnappt.

Aus Gesprächen mit Kundenberatern weiß ich, dass die Krankheitsquote unter ihnen inzwischen exorbitant hoch sei. Sie bekommen derzeit allen Frust der Welt ab und werden für Verluste persönlich verantwortlich gemacht. Beleidigungen in den Beraterkabinen sind an der Tagesordnung, wie die Minuszeichen und die Krankenscheine in den Abteilungen.

Die Mentalität von Käufern und Verkäufern lässt sich auf alle Branchen übertragen. Wie sieht wohl der Tag der Abrechnung bei einer Lebensversicherung aus? Mit welchem Ergebnis endet der gerade abgeschlossene Riestervertrag in zwanzig Jahren? Bis dahin sind die meisten jedenfalls beruhigt, vertrauen nach dem Prinzip Hoffnung den Verkäufern und sich selbst.

In den kommenden Monaten wird es mehr noch Diskussionen um ethische Fragen und moralische Verantwortung gehen. Inzwischen werden Strukturen in Frage gestellt, die gerade zusammenbrechen, obwohl sie jahrzehntelang funktionierten. Manche haben ihre Hausaufgaben längst gemacht und ihre Schlüsse daraus gezogen. Und hier landen wir bei den Lehren aus den Lektionen von Mister Market. Lehre eins wäre, Dinge zu kaufen, die man versteht. Lehre zwei wäre, mit den Hausaufgaben endlich mal zu beginnen und nicht alles zu glauben, was Experten empfehlen. Und Lehre drei hieße, Eigenverantwortung zu übernehmen, indem man nicht nur weiß, was man will (kauft) sondern auch zu den eigenen Entscheidungen steht.

Wenn ich jetzt meiner Nachbarin etwas von Eigenverantwortung erzähle, dann zeigt sie mir bestimmt wieder einen Vogel und verweist auf die ihr gegebenen Versprechungen. Vielleicht hat sie ja noch einige Lektionen vor sich…

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