Das Ende vom Zweckoptimismus

15. Februar 2009 | Kategorie: Kommentare

Die armen Experten. Nur weil sie in der Öffentlichkeit stehen, nennt man sie so. Vielen gefällt das Wort. Es verleiht ihnen eine Aura von Wissen, ein Blitzlicht von Kompetenz. Viele von ihnen sitzen immer wieder gerne in Talkshows, denn es steigert den Marktwert und ist absatzfördernd – wofür auch immer. Und dann reden sie los…. Bei manchen hat man den Eindruck, sie rechnen nach der Show mit einem Bundesverdienstkreuz. Oder erwarten es…

Im MDR-Riverboat vom 13.Februar war Finanztest-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen zu Besuch. Er gilt in der Unterhaltungsbranche als der Experte der Finanzszene. Eigentlich sollten in den Shows die echten Macher sitzen. Ob Josef Ackermann gerne in Talkshows geht? Man sieht ihn und seine Kollegen dort selten. Schickt ihnen niemand eine Einladung? Ich weiß es nicht. Götter zeigen sich selten. Sie haben dafür meist Gründe. Vielleicht haben sie so viel zu tun?

Eigentlich schaue ich mir solche Sendungen ganz gerne an, denn mal ehrlich, es ist doch ein Abenteuer. Oft falle ich dabei vom Sofa. Dann schimpft der Nachbar unter mir. Manchmal beiße ich hinein. Dann schimpft meine bessere Hälfte. Wenn es einen Schlag über mir tut, befürchte ich, der Nachbar oben schaut gerade das gleiche Programm. Mit der einen Hand klammere ich mich an mein Telefon mit den eingespeicherten Notrufnummern, in der anderen Hand zuckt die Fernbedienung. Ich könnte etwas verpassen…

Nach knapp zehn Minuten der Aufklärung in Riverboat stöhnte auch Schauspiellegende Inge Keller im Hintergrund hörbar auf. „Ich versteh nur Bahnhof.“ Tenhagen warf noch ein paar weitere Ratschläge in die Runde. Ich glaube, er hat sich wohlgefühlt. Einen Satz habe ich mir noch notiert:

Das System ist relativ stabil. Eigentlich ist das Geld der deutschen Sparer relativ sicher.

Ich wusste nicht, was ich davon zu halten hatte. Auf einmal war das Bier leer. Ich musste es in einem Zug ausgetrunken haben, wohl aus Betäubungsgründen.

Bei Experten bin ich oft irritiert, wenn sie reden. Bis auf wenige Ausnahmen empfehlen sie immer Aktien, Fonds und Schlaftabletten. Heute empfehlen sie auch Tagesgelder, die in Mode gekommen sind. Manche sehen gar keine Krise. Das habe ich neulich im ZDF gelernt. Bei meinem Sender sitzen ja meist Politiker. Das ist dann nicht ganz so heiter für mich. Dann renne ich nämlich immer los, hole einen Eimer und stelle ihn unter die Lautsprecher, bevor der Baldriansaft aus ihnen zu fließen beginnt.

Ach, liebe Leser, ich weiß auch nicht, wie das ausgehen wird, aber ich ahne es. Am Ende wird wieder Gold empfohlen. Momentan warnen ja die meisten. Tenhagen scheint Gold nicht zu mögen. Sein langjähriges Argument: Es schwankt und ist spekulativ. Vielleicht beschäftigt er sich ja noch mit dem Thema, selbst auf die Gefahr hin, dass er seine Meinung zu den bislang favorisierten Produkten dann relativieren muss. Einige Beiträge zum Thema Gold sind auf der Internetseite veröffentlicht, unter anderem ein Dokument aus dem Jahr 2002.
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Ach ja, im Archiv von Finanztest steht 2005, dass Gold zu schwankungsanfällig wäre, um ein Depot stabiler zu machen. Das haben ja die Aktien erledigt. Und auch andere Expertenratschläge findet man dort:

Da das Edelmetall in US-Dollar gehandelt wird, ging ein Gutteil des Wertzuwachses durch den Dollarverfall verloren. Einziger Ausweg sind so genannte Quanto-Zertifikate, die eine währungsgesicherte Goldpreisanlage ermöglichen.

Gold gilt als Inbegriff der Sicherheit. Denn in einer globalen Krise wäre wirklich nur auf das Edelmetall Verlass. Allerdings: In der jüngsten Vergangenheit war der Wert von Gold alles andere als stabil. Interessant ist es daher vor allem für Spekulanten. Zudem ist reales Gold recht teuer. An- und Verkaufskurse klaffen meist weit auseinander. (Quelle Mai 2005)

Die Jungs und Mädels werfen immer wieder Preis und Wert etwas durcheinander. Werte schwanken nie, Preise schon. Wenn die geldlichen Dinge später etwas deutlicher zu erkennen sind, wird das dann von ganz allein klar. Vielleicht empfiehlt das Heft, dessen Etat zu 15% vom Bund bezahlt wird, dann auch den Weg zum Goldhändler. Das wäre nichts Ungewöhnliches – jedenfalls in Frankfurt nicht. Die Geldleute kaufen Gold dort schon länger, meist heimlich und anonym.

Das mit den Experten ist so ein Ding. Im Internet findet man immer mehr davon – echte Experten ohne eine Organisation oder Interessen dahinter. Sie könnten es locker mit den Experten auf den Schirmen aufnehmen, man kennt sie nur nicht. Auf ihren Seiten und Foren findet eine Bestandsaufnahme dicht an der Realität statt und auch eine Diskussion über die kommenden Bewegungen. Privatleute aus allen Branchen und Lebenslagen tragen ihr Wissen, Erfahrungen und Einschätzungen zusammen, fern ab von Einflüssen der Lobbygruppen. Internetforen bilden die Realität weit besser ab. Klicken Sie sich mal durch die Kommentare der großer Zeitungen und Sender…

Wo ist sie hin, diese gute, alte und verlässliche Zeit, als man noch von Kostolany redete und vom ewigen Wachstum der Wirtschaft? Jetzt werden die alten Argumente in die Garagen geschoben, auf Müllkippen entsorgt oder im Ideenmeer der hellen Geister verklappt. Selbst der Zweckpessimismus hat ausgedient. Er trug zwischenzeitlich teils unerträgliche Züge. Jetzt sackt er kraftlos in sich zusammen. Eigentlich ein gute Zeichen…

Manchmal gehe ich spazieren und schaue mir die Leute an, sitze ich in einem Café, esse eine Bratwurst, fahre U-Bahn und schaue mich um. Oft ist das eine viel geballtere Information, als man sie von Leuten aus dem Fach erwarten kann. Und manchmal frage ich mich, wo diese ganzen Experten zu Hause sind. In meiner Nachbarschaft mitten im Kiez jedenfalls nicht.

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