R.I.P. – Rest in Peace

22. Juni 2009 | Kategorie: Kommentare

In dieser Woche hat es Puck die Stubenfliege erwischt. Sie wurde prominent erschlagen, und zwar von US-Präsident Barack Obama höchst persönlich in einem Interview. Viel Ehre für eine Stubenfliege, deren Hinrichtung in alle Welt übertragen wurde…

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die erste Tierschutzorganisation protestierte. Der Aktionskreis ProStubenfliege soll sich Gerüchten zufolge bereits in Gründung befinden. Man hätte Puck erst nach Guantánamo bringen können, denn es hätte sich ja auch um eine Terrorfliege handeln können, vielleicht sogar mit besten Verbindungen in Schurkenstaaten. Wir werden es nicht mehr erfahren… R.I.P.

Stubenfliegen werden 14-25 Tage alt. Dann erleiden sie das Schicksal, das jetzt auch drei weiteren US-Banken zuteil wurde. 40 Banken in den USA in diesem Jahr umgekippt. Too small to bail… Ein Job beim amerikanischen Einlagensicherungsfonds FDIC scheint einer der sicheren Sorte zu sein, schließlich stehen weitere 300 US-Banken im Verdacht, in den nächsten Monaten das gleiche Schicksal wie Puck zu erleiden. Wenn es passiert, dann vorzugsweise freitags nach Börsenschluss. Doch man sollte sich keine Sorgen machen. Es ist nur Papier, das in die ewigen Jagdgründe eingeht. Es wird durch neues Papier ersetzt. R.I.P.

Die ersten Internetsperren sind aktiv.

Verwunderlich ist dabei, dass sich etliche wichtige aus dem Fernsehen bekannte Politiker an der Abstimmung über das Internetsperrengesetz gar nicht beteiligt haben. War die Kanzlerin wieder im Ausland? Kam Herr Schäuble zu spät? Wir werden es nicht erfahren. Vielleicht wollen sie sich auch später nicht nachsagen lassen, dass sie dieses Gesetz unterstützt und womöglich auch noch dafür gestimmt haben? (Liste)

Es ist richtig, dass gegen widerliche Seiten vorgegangen wird. Deshalb haben 135.000 Leute die Petition „Löschen Statt Sperren“ unterschrieben – LÖSCHEN – statt nur zu SPERREN. Wahlkampfgetöse nennt es Thomas Hoeres, Professor für Medienrecht in einem Beitrag der ZAPP-Redaktion.

Wir sind im Wahlkampf und im Wahlkampf zählt die Botschaft an die dumme Bevölkerung, wir machen das jetzt zu. … Und es geht auch nicht um effiziente Gesetzgebung. Es geht um reinen Symbolismus mit dem Blick – Wir haben bald Bundestagswahl. (Quelle)

Die Sorge der Internetgemeinde ist auch, dass sich Sperren gegen alles andere ausweiten lassen können. Als nächstes sollen Seiten geSTOPPt werden, auf denen es um Killerspiele geht, wenn es nach dem CDU-Bundestagsabgeordnete und baden-württembergische CDU-Generalsekretär Thomas Strobl geht. Er sprach sich im „Kölner Stadt-Anzeiger“ für Sperren aus. „Wir prüfen das ernsthaft“, sagte er.

Trifft es bald auch kritische Internetseiten, Blogs und Foren? Wenn es der Zeitgeist erfordert, ist mit entsprechenden Begründungen recht schnell recht viel zu machen. Wenn Puck der Status einer Terrorfliege nachgewiesen worden wäre (mit Waterboarding sicherlich möglich…) was wäre dann wohl das Nächste? Sehen Sie! Und Jürgen Fliege müsste den Namen dann ändern…

Technisch gesehen ließe sich ja auch das Telefon überwachen und nicht nur die Verbindungsdaten. Bei einem bestimmten Wort könnten Rekorder anspringen den Inhalt des Gesprächs dokumentieren. Und wenn mir Oma dann am Telefon erzählt, dass in einem Film geschossen wurde, oder der Laden um die Ecke geschlossen hatte, steht sie und auch ich sofort unter Beobachtung.

Sammelwut

Wer Daten sammelt, hat ein Interesse – berechtigt oder nicht. Was hat die Welt an den Punkt gebracht, wo das Thema Überwachung immer stärker im Alltag auftaucht. Es wird aufgerüstet. Biometrische Daten, Chips und Datenskandale bestimmen immer mehr unser Leben. Ist die Welt damit besser geworden? Wäre sie schlechter geworden, wenn es das nicht gäbe? Wir wissen es nicht, sind aber konfrontiert mit digitaler Sammelwut und der Arglosigkeit der Leute, sagen sogar Datenschützer.

Zeit der Wendehälse

Draußen im Garten haben sich in diesem Jahr die Vögel vermehrt. Auch der Wendehals bekam Nachwuchs. Weit häufiger findet man ihn inzwischen im Berufsstand der Ökonomen. Rückblickend betrachtet, haben die meisten mit Nebelkerzen um sich geworfen statt mit treffenden Analysen. Doch jetzt wird ja alles besser, sagen sie. Und der DAX hat in dieser Woche natürlich völlig überraschend den Rückwärtsgang eingelegt und damit ein Verkaufssignal ausgelöst. Das geschieht ausgerechnet in einer Zeit, wo grünen Keimlinge überall wie Unkraut aus dem Boden schießen. Und die versprochene Rallye? R.I.P. – vorerst jedenfalls.

R.I.P. hieß es am Wochenanfang noch für den Quelle-Katalog. Doch Dank zu erwartender Bürgschaften und Überbrückungskredite, mit denen Quelle bis Januar 2010 stabilisiert werden soll, begannen am Freitag um 22 Uhr die Druckmaschinen zu rotieren. Meine Nachbarin hatte Tränen in den Augen…

Gute Nachrichten

Die andere gute Nachricht kommt von Peer Steinbrück. Er verkündet eine Steuersenkung in Höhe von 9,6 Mrd. Euro, denn Beiträge zur Krankenversicherung und Pflegekassen können jetzt in der Steuererklärung als Ausgabe aufgelistet werden. Am Rande sei erwähnt, dass dies das Bundesverfassungsgericht so entschieden hat. Die Idee stammt somit nicht aus dem Hause des Finanzministeriums, aber für den Wahlkampf ist sie bestens nutzbar und dient jetzt als Beweis, wie gut es der Finanzminister mit uns allen meint.

Die FAZ meldet, dass im nächsten Jahr ein Defizit im Staatshaushalt von 100 Mrd. Euro auflaufen könnte. In den nächsten vier Jahren sollen 300 Mrd. Euro fehlen. Das mit dem ausgeglichenen Staatshaushalt war ebenfalls eine Nebelkerze. Trotz Steuereinnahmen auf Rekordniveau kannte die Ausgabewut der Bundesregierung kaum Grenzen.

Aus Arztserien und anderen Quellen weiß man, dass Intensivstationen eine recht teure Angelegenheit sind. Sie helfen Leuten, wieder auf die Beine zu kommen. Für die Ökonomie hat man inzwischen die größte Intensivstation aller Zeiten eingerichtet, auf der Zombies gebettet werden, in der Hoffnung als Gegenleistung Wählerstimmen zu erhalten. Man finanziert Banken, Opel & Co. und auch Arbeitsplätze durch Kurzarbeit – oft bis 30.09.2009. Zugleich fahrt man die Staatsquote auf jetzt über 50 Prozent hoch und wird dabei selbst zum Zombie. Was aus der Privatwirtschaft über die Klippe fährt, wird durch den Staat ersetzt. Es bleibt ein Nullsummenspiel, vielleicht sogar versehen mit grünen Sprossen an einem Baum der Scheinblüten. Es kostet nur die Solvenz des Staates – das aber medial gefeiert.

Und so füllt sich der Friedhof der Worte und Buchstaben um ein paar weitere Absätze. Erschlagen von der Realität – wie Puck die Stubenfliege. R.I.P.



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