EU-Krise und Kreuzberger Nächte

6. Januar 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt
Es ist ein Phänomen, das sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht: Wenn Meinungen und Handlungsweisen nur lange und intensiv genug propagiert werden, ziehen sie Menschen an wie Motten das Licht. Eigentlich ein Witz. Denn jeder behauptet gerne von sich, ein Individualist zu sein …

…nur, um es sich in Wahrheit im Schutz der Masse gemütlich zu machen, weil es sich da dem Anschein nach besser und sicherer leben lässt. Der Spruch mit den Millionen Fliegen, die nicht irren können, hat schon seine Berechtigung… Wenn man sich alleine überlegt, wie viele Menschen Unsummen ausgeben, um ja keine Klamotten zu tragen, die „out“ sind und deshalb massenweise tadellose Kleidungsstücke in Schränken oder Kartons vergammeln, während sie andernorts dringend gebraucht würden, sollte man eigentlich nachdenklich werden. Wobei ich davon ausgehe, dass die Masse derer, die diese Kolumne lesen, durchaus in dieser Hinsicht sensibilisiert sind – aber ebenso wie ich bei Predigten an jene, die es nicht sind (und die diese Kolumne garantiert nicht lesen) auf Granit beißen.

Aber es ist eben nicht nur der Konsum, der aufgrund dieses Phänomens floriert und es daher gezielt durch Werbung befeuert. Diese Sucht, zu tun und zu denken, was die anderen auch tun und denken – und gleichzeitig vorzugeben, ein echtes „Individuum“ zu sein – erstreckt sich auch auf Politik und Wirtschaft. Und wer das zu nutzen weiß, vermag die Massen zu steuern, ohne dass sie es merken – zu seinem eigenen Profit.

Dabei ist der Knackpunkt, gezielt und vor allem unauffällig den entscheidenden Anstoß zu geben. Es ist wie den berühmten Kreuzberger Nächten, besungen in den 70ern durch die Gebrüder Blattschuss: Erst fängt es ganz langsam an … aber dann! Da immer mehr Menschen gerade in der sogenannten „Ersten Welt“ unter kognitiver Verstopfung leiden, neigen sie immer mehr dazu, vorgefertigtes Gedankengut oder Verhaltensweisen in Form umherschwirrender Meinungen oder Modetrends ungefragt zu übernehmen, sofern sie auf den ersten Blick irgendwie passend klingen. Nicht nur der Schwung der Kreuzberger Nächte wird dadurch exponentiell, sondern auch die Verbreitung von Ausdrucksformen, Freizeittrends und auch von wirtschaftlichen und börslichen Trends und Meinungen.

Dass die FDP momentan steil abstürzt, während man ihr vor 15 Monaten noch alles zutraute – woher kommt das? Wer von denen, die momentan auf einmal nicht mehr FDP wählen würden, könnte wirklich konkret sagen, warum? Weil der Westerwelle murmelmurmel? Oder weil die auf einmal grummelgrummel? Nein. In den meisten Fällen sind viele – und dann immer schneller immer mehr – auf einmal dagegen, weil das doch „allgemein bekannt ist“, dass die FDP nix taugt. Wegen dieses Phänomens wechseln gerade in kniffligen Zeiten dauernd die Mehrheiten, weil die Leute immer die wählen, die gerade in der Opposition maulen können und nichts beweisen müssen. Denn die können verlautbaren, was die Menschen gerne hören wollen. Man möge sich an die Nonstop-Wahlen der Weimarer Republik erinnern. Als ob man da allgemein gewusst hätte, welche Partei wofür steht, welche Köpfe dort etwas reißen können und welche nicht. Wohin das führte, sollte bekannt sein. Das passierte, weil bestimmte Kreise dieses dummbärtige Verhalten der Menschen ganz gezielt für ihre Zwecke zu nutzen verstanden. Und dass die Menschen heute keinen Deut klüger sind als damals – iPhone in der Hand oder nicht – sollte ebenso klar sein.

Oder das Beispiel Börse: Warum drehen Kurse so oft ausgerechnet erst dann nach unten, nachdem sie vorher alle möglichen „bad news“ überstanden haben? Und warum meist schleichend?

Zuerst ist es eine Korrektur und alle glauben, jetzt billig einsteigen zu können. Aber nicht, bevor „die anderen“ auch kaufen. Da aber alle sich in der warmen Socke der Masse verstecken, macht keiner den Anfang … und die Kurse fallen weiter. Typisch – und normal. Wenn aber dann jemand gezielt die Verunsicherung und Überraschung der Anleger (die ja so gut wie nie ihr eigenes Handeln reflektieren und deswegen nicht merken, dass sie Büttel der Masse sind) nutzt, um Angst zu schüren, können die Argumente alt, unlogisch oder beides sein … sie werden begierig aufgesogen und umgesetzt. Wer den entsprechenden Willen und die Mittel hat, Nachrichten „zu machen“ erreicht so immer wieder fast spielend sein Ziel. Denken Sie doch nur an den Herbst 2007. Der Baum brannte lichterloh, aber die Masse der Anleger lachte nur über die Warnungen und kaufte fröhlich weiter. Doch dann, nachdem Anfang 2008 alle Krisenherde längst offen auf dem Tisch lagen, wurde man unruhig … ängstlich … und im Herbst 2008 panisch. Und das lag nicht an Laurent Kerviel oder der Lehman-Pleite. Wäre die Gesamtstimmung weiterhin auf Optimismus geschürt worden, hätten diese Ereignisse weit weniger monetären Blutzoll gefordert.

Das Schlimme dabei ist, dass die Menschen gerade in solchen Situationen dazu neigen, ihnen hingeworfene Erklärungen vorbehaltlos zu akzeptieren. Der Société Générale-Skandal und Lehman, die waren an der Baisse schuld, hieß es. Erinnern Sie sich, wie man 2010 immer wieder darauf hinwies, dass der S&P oder andere Indizes/Einzeltitel jetzt „Pre-Lehman-Level“ erreicht hätten … als ob bei Kursen, die höher liegen als vor dem Zusammenbruch der Großbank, auf einmal alles wieder gut sei? Einfach, falsch, aber wohlklingend wurde so immer mehr von den tatsächlichen Gründen für die Krise abgelenkt. Und die Menschen glaubten es und glauben es heute noch. Weil es einfach ist … und weil sie glauben wollen, dass jetzt alles wieder gut ist. ——->

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