Orientierungsschwierigkeiten

8. Dezember 2009 | Kategorie: Kommentare

von Frank Meyer

Versprechen werden heute inflationär gebraucht und deflationär umgesetzt. Nicht dass es etwas Neues wäre, doch es hat jetzt sichtbarere Folgen als früher. In der Zukunft wird man sich in finanziellen Belangen wohl selbst der Nächste sein – in einem Boot , dessen Kompassnadel jetzt schon charmant um die eigene Achse rotiert…

Es kommt Bewegung in den deutschen Sparermarkt. 1,7 Billionen Euro liegen auf den Konten der Deutschen. Ein Drittel hat nichts, ein Zehntel fast alles. Spare wenn Du kannst, dann hast Du in der Not. Nicht dass an dieser Binsenweisheit etwas auszusetzen wäre, die Frage stellt sich, ob sich Sparen überhaupt noch lohnt. Schließlich bestehen die meisten Altersvorsorgeprodukte auf Versprechungen, die für viele erst in 20 oder 30 Jahren eingelöst werden, vollgestopft mit Staatsschulden, und das in einer Kunstwährung, die wie alle heutigen Währungen auf Versprechen beruht. Fast ein Drittel will künftig weniger sparen, ergab eine Untersuchung der GfK. Abgesehen davon sind viele gar nicht mehr in der Lage, etwas Geld zur Seite zu legen. Und wer es tut, der versteckt es gerne zu Hause – zumindest gaben das 18 Prozent der Befragten in der GfK-Studie an.

Menschen sind seltsame Wesen. Ohne ihre Instinkte wären sie verloren. Instinkte sollten eigentlich vor dummen Dingen schützen. Zu vermuten wäre, dass unsere Welt in den fetten Jahren etwas instinktloser geworden sind und jetzt die Korrektur folgt. In schwierigen Zeiten ziehen die Leute den Kopf ein. Otto Normal gibt weniger Geld aus, spart oder bezahlt seine Schulden, soweit er es überhaupt kann. Ich kann nichts Schlimmes daran finden, sich vor einem Ruin zu schützen, bevor er eingetreten ist und das Boot zu wenden, wenn ein Kassensturz bedrohliche Zahlen ausspuckt oder das Bauchgefühl zur Vorsicht mahnt.

Richtungssuche

Nehmen Sie ein Paddel, ruft es. Rudern Sie! Doch wohin? Da wo Sie sind, können Sie nicht bleiben, ruft es wieder. Es sind die Götter. Sie kennen die Angelegenheit. Gar nicht so einfach, gleichzeitig nachzudenken und zu paddeln und die Richtung suchend. Im Norden friert das Wasser, im Süden verdunstet es. Die Reise geht vorbei an Skylla, Charybdis und Sirenen, die Sie mit netten Versprechungen verwirren. Heutige Leuchtbojen als Orientierungshilfe entpuppen sich wie schon ihre Vorgänger als Irrlichter, nur eben moderner, komplizierter und medialer.

Ballast

Versprechungen und Prognosen sind wie Ballast auf Booten. Sie liegen nutzlos im Weg, versperren Gänge und den Laderaum. Und sie quatschen einen den lieben langen Tag zu. Kaufen Sie! Seien Sie dabei! Ab in die Leitung! Garantie. Erfolg. Sicherheit. Was hält Bootsfahrer eigentlich davon ab, diese Sachen über Bord zu werfen? Vielleicht nur die Hoffnung, dafür später etwas eintauschen zu können, vielleicht ein Mittagessen, das wahrscheinlich schon längst weggeräumt ist, wie Renten-, Wahl- und Versorgungsversprechen. Man muss sich beeilen, bevor andere ihre Ansprüche stellen.

Früher hieß es: „Es gibt viel zu tun. Packen wir`s an“. Was gäbe es heute zu tun? Nun, wahrscheinlich deutlich weniger. Das machen jetzt andere. Die gesellschaftlichen Siebe sind grobmaschiger geworden. Es ist nicht nur mangelnder Sparwille, von dem in den Zeitungen stand, sondern auch mangelnde Sparfähigkeit. Und wer spart, für den rückt das Thema Eigenverantwortung stärker in den Mittelpunkt. Statt auch noch die Denkprozesse an Experten auszulagern, könnte sich das Rückbesinnen auf eine gewisse Einfachheit ein besser Weg sein. Viele lieb gewordenen Sachen werden sich mit auf den Weg dorthin machen, wo man anpackt, wo echte Nachfrage besteht. Die Abwrackprämien zeigen im Grunde nur, wie gesättigt der Markt bereits ist – mit Bürgern, denen man ihren Bedarf erst klarmachen muss und sie dann mit einer geborgten Brotrinde hinterm Ofen hervor lockt.

Das kluge Geld hat einen guten Riecher für den richtigen Kurs. Es setzt seine Segel in die Richtungen, wo sich Investieren noch lohnt und Werte geschaffen werden. Oder es parkt dort, wo es sich sicher fühlt. Und das sind vermutlich nicht die in Hochglanzprospekten beworbenen Häfen, von deren Umschlag die glücklichen Menschen lächeln.

Vielleicht ist das Paddeln in finanziellen Ozean ja gar nicht so schwer. Man muss sich nur an den Segeln des klugen Geldes orientieren und die Nase in den Wind halten. Doch Vorsicht… Das dumme Geld ist auch noch unterwegs – erkennbar an seinem Geschrei.

Diese Seite drucken



weitere Berichte

A u f g e l e s e n
R o n a l d G e h r t Blog
V i d e o b l o g

Print Friendly, PDF & Email

 

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.