Age of Empire

15. Oktober 2009 | Kategorie: Kommentare

von Frank Meyer

„Die Nachrichten sind in den letzten Tagen voller komischer Meldungen. Krise, Aufschwung, Zuversicht, Absturz und Belangloses vermischen sich zu einem Brei, der bleischwer und zuckersüß aus Lautsprechern und Zeitungen tropft und mit dem man Teppiche verkleben könnte. Irgendwie ist Krieg – an allen Fronten…

Vielleicht kennen Sie ja das Spiel „Age of Empire“ ist ganz einfach. Man fängt klein an, sammelt Holz, Steine, Gold und bewirtschaftet Gärten. Dafür kauft man Dinge und beginnt sein Reich auszubauen, erwirbt technischen und militärischen Fortschritt und überfällt den Nachbarn, um ihm seine Bodenschätze zu entreißen und seine Gebäude zu zerstören. Doch man muss sich beeilen, denn der Nachbar hat das Gleiche mit mir vor. Hat man genügend Waren, baut man Kirchen und bildet Priester aus. Heute nennt man diese Finanzinstitut.

Wir schreiben das Jahr 2009. Mitten im Herbst. Die Wall Street ist gestiegen, nachdem sie zuvor gefallen war. Hohepriester waren unterwegs mit salbungsreichen Namen und wichtigen Botschaften. Goldman Sachs verkündete, der US-Bankensektor wäre günstig. J.P. Morgan orakelt für europäische Banken „Milliardenbedarf“ voraus. Sal. Oppenheim wirft sich auf den Boden und in die Hände der Deutschen Bank. Die HRE hat ihr zerrissenes Gewand gegen ein Neues vom Staat getauscht und nennt sich demnächst „pbb Deutsche Pfandbriefbank“. „Wir haben die Kredite.“ 200.000 Euro hat die Verkleidung gekostet. Die Bischöfe der Bank of Amerika weissagen einen Goldpreis von 1.500 Dollar. Öl soll bereits 2011 um die 100 USD pro Barrel kosten, schreiben sie.

Ganz schön viel für einen Tag. Und gestern war heute schon morgen. Doch erstmal bin ich unter den Schreibtisch gerutscht. War es Angst oder Demut? Es waren Lachkrämpfe. Rufe ich jetzt die 110 oder 112 oder beide? Es wird nichts helfen. Die Banken sich „quasi bankrott“, sagt George Soros, der um die Sachen wohl weiß. Hinter vorgehaltener Bank hört man das auch in Frankfurt und viele „Betroffene“ hoffen aus verschiedenen Gründen, dass es noch eine Weile weitergeht mit den Krediten, dem Anlagenotstand und den „Opportunitäten“ in den Märkten – dass man durchkommt, notfalls mit staatlicher Hilfe.

Marc Faber klingt in seiner letzten Ausgabe seines Börsenbriefes sehr deprimiert. Nicht dass es die Märkte wären, es sind die Aussichten, was passieren wird, wenn die Bretter der Kanzeln nachgeben und die Ziegel aus den Wänden des Empires fallen. Diejenigen, die den Brand legten, löschen die Unterhosen ihrer Kumpels und alten Arbeitgeber, während es in der Vorstadt auch zu lodern beginnt.

Erntedankfest

Ist es nicht ein nettes Geschäft, wenn man wie Goldman Sachs in der Mitte eines Spinnennetzes sitzt und zuvor auf den Tischen schlechtes Essen drapiert hat? Man muss nur auf Fliegen warten. Kippt CIT, der größte US-Mittelstandsfinanzierer um, bekommt Goldman eine Milliarde Dollar, schreibt die FTD. Gleichzeitig hat man sich gegen diese Risiken abgesichert, was sich auch lohnen dürfte. Goldman hat gelernt. Man verkauft kranke Dinge wie diese Immobilienkredite und wettet bei AIG auf das Fieber.

Man könnte meinen, es ist Krieg – Finanzkrieg – in der Finanzkrise. In „Age of Empire“ haben die Chinesen den Vorteil. Ihre Kanonen stehen bereit. Der Aufstieg Chinas unterstreicht nur den Niedergang Amerikas, schreibt Bill Bonner heute Morgen.

Gold ist am Morgen auf 1.020 USD/oz gestiegen. Für eine Unze legt der Amerikaner heute 1.020 USD hin, wenn es der Durchschnittsbürger überhaupt noch kann. Uncle Sam muss immer länger für eine Unze Gold arbeiten. Durchschnittlich tut er das in der Industrie an 33 Stunden in der Woche für einen Durchschnittslohn von 18,67 USD. Brutto. Um eine Unze zu kaufen, braucht er dafür 8,3 Tage.

Wochenarbeitszeit (Quelle: Querschüsse)

US-Beschäftigte (Quelle: Querschüsse)

Im Jahr 2005 lag die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei 34,5 Stunden und der Lohn dafür betrug 15,86 USD/Stunde. Gold kostete im Jahr 2005 rund 450 USD/oz. Eine Unze war nach 4,1 Tagen verdient.

Wer Arbeit hat, muss in den USA inzwischen doppelt so lange arbeiten wie vor vier Jahren. Steigende Lebenshaltungskosten und weniger zu verteilende Arbeit, denn das wird in China effektiver gemacht, bringen die US-Bürger in Bedrängnis. Für Rücklagen ist dabei weniger Spielraum übrig. Hierzulande ist es ähnlich. Wer denkt bei Dumpinglöhnen an Rücklagen, und wenn, diese zu einem Teil in einer sicheren Form anzusparen? Soso… Die Bank of Amerika sieht Gold bei 1.500 USD. Das will schon was heißen. Bevor ich wieder unter dem Schreibtisch verschwinde, schnell noch die Begründung.

Grund für den Anstieg sei eine einfache Gleichung zwischen Angebot und Nachfrage. „Wenn die Weltwirtschaft bald wieder mit 5% wachsen soll, muss das Angebot an Rohstoffen gleich stark wachsen.“

Was soll man davon halten?

Vielleicht wächst ja die Wirtschaft wirklich um satte fünf Prozent, wahrscheinlich aber nicht in Amerika. 20 Prozent Arbeitslosigkeit und 35,8 Millionen von Lebensmittelkarten abhängiger Bürger mitten in einer Konsumwirtschaft? Wie soll das gehen? Man will den Analysten ja nichts nachsagen, aber hätten sie den Untergang des Dollars als Überschrift wählen sollen? Das wäre politisch nicht ganz korrekt.

Vielleicht steigt der Öl – und Goldpreis wirklich auf dieses Niveau. Oder noch viel höher? Dann aber wohl, weil es im modernen Kampf um das Empire nicht um Gebäude und Markplätze geht, sondern um den Dollar. Nicht nur China hat seine Kanonen in Stellung gebracht hat. Vielleicht wird es auch nur warten und zuschauen, wie die Amerikaner selbst ihre Kanonen gegen die eigene Währung
richten, die Lunte anbrennen und ihn hochjagen.

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