Trendsetter Ostdeutschland

8. Dezember 2009 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer

Ich bin auf Urlaubsfahrt durch meine alte Heimat. Die „blühenden Landschaften“ tragen gerade ein Herbstgewand. In wenigen Tagen wird auch im Vogtland gewählt, ohne große Erwartungen, wie man hört. In den letzten 20 Jahren hat man sich daran gewöhnen können, Versprechungen zu misstrauen. Warum soll es diesmal anders sein? Im Fernsehen kündigen Steinbrück und zu Guttenberg harte Einschnitte an, als ob das der gesunde Menschenverstand nicht ahnen würde. Und dabei haben die Messer längst schon und besonders im Osten tief geschnitten…

Ich bin gerade im Vogtland unterwegs. Hier ticken die Uhren etwas anders, etwas gemütlicher, etwas leiser. Viele Leute hatten in den letzten Jahren wenig Glück. Oft oft kam auch noch Pech dazu, schaut man auf den Arbeitsmarkt. Hier gibt es ganz andere Probleme als im fernen Frankfurt, auch wenn überall die gleichen Wahlplakate geklebt werden und sich darauf die Wünsche für die Zukunft gleichen. Gut ausgebauten Straßen, bunten Auslagen in Geschäften, eines der besten Telekommunikationsnetze der Welt und schicke Autos täuschen nicht darüber hinweg, dass die Leute mit wesentlich weniger Geld auskommen müssen als in den reicheren deutschen Regionen.

Im Vogtlandkreis wohnen 250.000 Menschen, ca. 50.000 weniger als 1990. Wird ein Mensch geboren, sterben laut Statistik zwei. 15.600 Haushalte haben ein Netto-Haushaltseinkommen von unter 900 Euro im Monat. 37.500 Haushalte liegen zwischen 900 und 1.500 Euro, 26.000 Haushalte liegen zwischen 1.500 und 2.000 Euro. Das durchschnittliche Netto-Einkommen liegt bei 977 Euro.
Erwerbstätig sind laut Statistik 111.000 Leute, weiter zählt die Statistik 117.200 „Nichterwerbspersonen“. Soweit ein paar Zahlen… (Quelle)

Das Wort „Anlagenotstand“ ist mir bislang nicht über den Weg gelaufen, eher schon „Einkommensnotstand“. Dabei sollten die Dinge so golden werden wie im Westen. Zumindest so ähnlich, wie es das Werbefernsehen früher immer ausstrahlte. Doch die Schwierigkeiten einer Verschuldungswirtschaft haben auch hier ihre Spuren hinterlassen, vor allem in Zeiten der nicht mehr vorhandenen Wirtschaftskrise. Kaum einer will noch mehr Schulden aufnehmen. Der Geldbeutel sitzt schon lange nicht mehr so locker wie es sich Politik und Wirtschaft wünschen. Manche Leute haben sogar noch ein Hirn, das sie sogar auch benutzen, und gleichzeitig ahnen, dass sie die Ausgaben zurückfahren sollten, weil ein Boom ausbleiben wird.

Kennen Sie Triptis? Nein? Macht nichts. Triptis ist ein kleines Örtchen an der A9 unterhalb von Leipzig. Ich fuhr neulich vorbei. Sanierte Häuser mit drei Etagen sind für 40.000 Euro zu haben. Etwas außerhalb der Stadt wurde gerade ein Grundstück mit einem Haus für 60.000 Euro verkauft. Ist Triptis ein guter Ort zum Investieren? Ich weiß es nicht. Die meisten in dieser Region plagen ganz andere Probleme, als die Not, sich von ihrem Geld trennen zu müssen. Wer nach der „Wende“ Geld in ostdeutsche Immobilien steckte, hat meist zu viel bezahlt. Staatliche Steuersparmodelle haben den Markt verzerrt. Auf die Nase gefallen, zogen sich viele Investoren mit dicken Verlusten wieder zurück. Der Staat hat eingegriffen und die Sache verpfuscht, ohne etwas für das Jahr 2009 gelernt zu haben. Überkapazitäten nennt es der Fachmann, und das in einer Region, aus der die Jugend wegzieht und in den üppig grünen Wäldern vielleicht bald schon die Wölfe heulen…

Das Vogtland war noch nie eine reiche Region. Was wäre, wenn nur ein Teil der im „Manager-Magazin“ errechneten 1.000 Milliarden Euro, die Berlin zu den südlichen Freunden in die EU schickte, im Vogtland angekommen wären? Ich weiß es nicht, ahne aber, dass großen Probleme, von denen in der „Freien Presse“ geschrieben steht, etwas kleiner wären und nicht so nachhaltig. Werte werden heute woanders geschaffen, weniger im Vogtland. Und so hat man auf Tourismus gesetzt, ein Geschäft, das sich nicht so einfach exportieren lässt wie die Arbeitsplätze in der Industrie. Und man hofft noch immer, die Welt käme zu Gast zu Freunden.

Weit mehr Bürger als in Bayern, Hessen oder Niedersachsen leben im Vogtland von den so genannten Sozialtransfers. Zugleich ist die Demonstrationsquote in Plauen fast bei Null geblieben. Oft lebt man gar nicht so schlecht, wenn man weiß, wie man mit Geld umgeht. Nicht mehr ausgeben, als man einnimmt, ist ein hier ein noch weit verbreiteter Umgang mit geldlichen Dingen, was die Alten den Jungen noch beigebracht haben. Die Sache mit den Krediten hat man später dazu gelernt und war recht erfolgreich damit. Geborgter Reichtum scheint ein Virus zu sein, der auch Vogtländer befällt. Abzahlen heißt die nächste Lektion.

Ich schaue ein paar Meter weiter in den neuen Ortsteil meines Dorfes. Dort wurden prächtige Häuser gebaut, während in Plauen der Leerstand unübersehbar ist. In entwohnten Straßenreihen lebt es sich eben nicht sonderlich komfortabel. Zum Sanieren oder Abreißen fehlt auch hier das Geld. Ein Häuschen spart die Miete, erzählen auch hier die Kreditverkäufer. Ob man aber den Schuldendienst auf eine Dauer von 20 Jahren gewährleisten kann? Es könnte schwierig werden…

Preiswert leben

Die Preise im Vogtland sind deutlich niedriger als in den westlichen Regionen. Wohl deshalb zog es in den letzten Jahren mehr und mehr Rentner aus westlichen Gefilden hierher an den Rand des Erzgebirges. Einen Quadratmeter Wohnfläche bekommt man locker für fünf Euro – kernsaniert. Ein Mittagessen bekommt man für meist unter zehn Euro. Das Leben kostet die Hälfte im Vergleich zu Frankfurt, vermutet der Autor dieser Zeilen. Und dennoch schließen viele Gasthöfe und Geschäfte. Der Boom der Ein-Euro-Shops ist der einzige feststellbare Boom, neben dem Aufwärtstrend in der Anzahl der Berichte über Kriminalität in der „Freien Presse“. Der Gaststättenverband gab neulich als Ursache eine viel zu niedrige „Rendite“ von knapp über drei Prozent an, die Investitionen unmöglich mache. Man kommt nur nicht auf die Idee, dass den Leuten die Arbeit und damit das Geld fehlt. Schaut man sich um, es ist überall so.

Die meisten haben sich deshalb eingerichtet und leben von dem, was da ist. Wer Arbeit hat, stellt oft schnell fest, dass es sich eigentlich gar nicht lohnt, frühmorgens aufzustehen. Viele Leute suchen Arbeit, was Lohndumping befördert. Wozu arbeiten, wenn es zudem keine gibt? In einer zauberhaften Landschaft, kann gerade jetzt im Herbst ohne Hast Pilze suchen gehen oder den Garten winterfest machen…

Zwei Millionen Menschen verdienen weniger als 5 Euro pro Stunde, heißt es heute bei n-tv. Ich schaue mich um und misstraue der Zahl. Es müssen viel mehr sein, vor allem hier im Vogtland. Nach dem Mauerfall fuhren viele mit ihrem neuen Autos über die Grenze nach Bayern, um ihr Glück zu suchen. Viele blieben dort. Doch auch da ist die Arbeit weniger geworden. Die glorreiche Globalisierung hat die Jobs weggesaugt wie ein Igelkind die Milch der Igelmutter. Etliche Vogtländer arbeiten inzwischen im benachbarten Tschechien. Die Dinge sind anders geworden. Nicht besser. Es riecht nach Umbruch. Nicht nur in die alltäglichen Belange der Bürger wird inzwischen eingebrochen, nach der Wahl wohl auch in andere sogenannte Komfortzonen, in der sich die meisten Leute gut eingerichtet haben und sich dort sicher fühlen. Noch. Die Wurst ist gegessen, jetzt wird man sich um die Zipfel streiten, sagte ein befreundeter Versicherungskaufmann.

Das Vogtland scheint schon heute ein Vorbild für andere Regionen zu sein, wo man künftig lernen muss, die Alltäglichkeiten zu bewältigen, sich weniger um Stil kümmern zu müssen, sondern vorrangig um Substanz. Die alltäglichen Dinge zu leisten, ist im Vogtland für die meisten inzwischen eine alltägliche Herausforderung geworden. Dies gelingt unter anderem auch durch einen persönlichen Zusammenhalt der Leute auf Augenhöhe und auf der Basis von Tugenden. Das „Größer-Schneller-Höher-Weiter“ spielte hier nicht die maßgeblich tragende Säule der Gesellschaft. Jetzt, wo es bald „Kleiner-Langsamer-Niedriger-Näher“ heißen könnte, haben die Vogtländer einen Vorteil, nämlich den, diese Dinge längst schon zu kennen und sie auch schon längst geübt zu haben.

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