Die große Stresstest-Show und was ihr folgen wird

31. Juli 2010 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Manfred Gburek

Zwei noch in frischer Erinnerung bleibende Ereignisse, die scheinbar miteinander verknüpft sind, weil es beide Male um Banken und Sparkassen geht, die in Wahrheit aber so weit auseinander liegen wie Erde und Mond: zum einen die Veröffentlichung unterirdischer Ergebnisse zur Qualität der Bank- und Sparkassenberatung durch die Zeitschrift Finanztest, zum anderen die Show um den Stresstest von 91 europäischen – darunter 14 deutschen – Banken, deren Großteil viele Kunden am liebsten auf den Mond schießen würden…

Im Klartext: Anlageberatung, nach Volkes Meinung komischerweise angeblich immer noch eine Aufgabe der Geldhäuser, ist diesen offenbar entglitten. Und was es mit den anderen Bankgeschäften auf sich hat, bleibt einstweilen der Spekulation überlassen. Das heißt, man muss sich ernsthaft fragen, ob Banken und Sparkassen bestimmte Dienstleistungen (in diesem Fall die Anlageberatung), für die sie ständig überall werben, überhaupt erbringen können und ob ihr Kapital den Anforderungen an ihre sonstigen Geschäfte genügt (deshalb der Stresstest). Sind beide Fragen eher zu verneinen als zu bejahen, ist nur noch ein Bruchteil der Institute überlebensfähig. Dazu passt im Übrigen, dass das Bankensterben in den USA schon längst begonnen hat.

Zum Stresstest selbst, der eine große Show ist, der ein nicht minder großer Showdown folgen dürfte: 84 von 91 europäischen und 13 von 14 deutschen Banken haben ihn bestanden, weil ihre Kernkapitalquote im sog. ergänzenden Stress-Szenario für 2011 (unter Annahme eines Anstiegs der Risikoprämien europäischer Staatsanleihen) über 6 Prozent liegt. Mehr Bankenchinesisch gefällig? Bitte: Die risikogewichteten Aktiva der am Stresstest beteiligten Banken sind gestiegen, heißt es in der Verlautbarung von Bundesbank und Finanzaufsicht BaFin, „wofür in erster Linie die pessimistischen Annahmen über Rating-Migrationen von Verbriefungspositionen sowie die szenariobedingten Anstiege der Ausfallwahrscheinlichkeiten und Verlustquoten der Bankbuchexposures verantwortlich sind.“ Da kommt beim Lesen wahrlich Stress auf.

Warum hier eine Show und kein wirklicher Test stattgefunden hat, liegt auf der Hand: Das heterogene europäische Bankensystem lässt sich nicht so einfach über einen Kamm scheren. Das geht allein schon daraus hervor, dass beispielsweise Deutsche Bank und Commerzbank ihre Bilanzen nach IFRS (International Financial Reporting Standards) erstellen, andere wie der Großteil der Landesbanken dagegen nach HGB (Handelsgesetzbuch). Warum die Kernkapitalquote (Eigenkapital in Prozent der „risikogewichteten Aktiva“, sprich des Kreditvolumens) zum Bestehen des Stresstests ausgerechnet mindestens 6 Prozent betragen soll, steht in den Sternen: Zum einen, weil neben dem Grundkapital und den Gewinnrücklagen, die auf jeden Fall zum Kernkapital gehören, je nach Land auch andere Eigenkapitalelemente hinzugerechnet werden. Und zum anderen, weil 6 Prozent bei Banken mit hohen Kundeneinlagen fast schon als überkapitalisiert gelten können, während derselbe Prozentsatz bei Banken, die an den Kapitalmärkten herumzocken, kaum ausreichend sein dürfte.

Nach der Show werden die Banken zur Tagesordnung übergehen, das heißt, wie bisher schon Kontrollen, Sonderprüfungen und Ratings über sich ergehen lassen müssen. Es ist ja nicht so, dass der von der großen Mehrheit der Institute bestandene Stresstest ihnen den Weg zu weiteren Zockereien erlaubt. Eher wird das Gegenteil eintreten, weil die Testdaten den Kontrollinstanzen (leider nicht der an ihnen interessierten Öffentlichkeit) zusätzliche Informationen vermitteln. Gestatten Sie mir in diesem Kontext ein Zitat aus meiner jüngsten Kolumne bei wiwo.de: „Wer rettet die Banken, wenn einzelne Staaten dazu nicht mehr in der Lage sind? Es gibt noch keine internationale Bankenaufsicht, die dazu in der Lage wäre.“ Zu den Konsequenzen lesen Sie am besten die ganze Kolumne.

Dass die Konsequenzen für Sie als Anleger nicht unbedingt negativ sein müssen, ergibt sich aus zwei Überlegungen:

1. Banken und Sparkassen werden in Zukunft nicht umhin kommen, Ihnen wirkliche Dienstleistungen anzubieten, statt Ihnen penetrant Fonds und Zertifikate zu verkaufen oder Sie zum Zertifikate- und CFD-Spiel zu verleiten.

2. Da größere Bankpleiten aufgrund einiger gefährlicher Geschäftsmodelle, wie Zocken nach dem Muster von Algorithmen (schematische Rechenvorgänge) oder Spielen mit der Fristentransformation (aus kurz mach lang) nicht zu vermeiden sein werden, dürfte jede dadurch ausbrechende Unruhe an den Märkten mit frischem Geld bekämpft werden. Das wird Ihren Edelmetallanlagen zugute kommen.

Übrigens ließ Fed-Chef Ben Bernanke erst vor wenigen Tagen auf seine Weise durchblicken, warum wieder die Zeit für frisches Geld angebrochen ist: Weil die US-Konjunktur sich alles andere als erfreulich entwickelt. Also immer wieder dasselbe Ritual, um die expansive Geldpolitik jenseits des Atlantiks zu rechtfertigen. Einige kenntnisreiche Zeitgenossen drüben sagen schon jetzt voraus, der Druck der Obama-Regierung auf die Europäer, die Konjunktur kräftig anzuheizen, werde in Schüben zunehmen.

Vor diesem Hintergrund müsste sich der Goldpreis – und mit ihm der Silberpreis – weiter fangen. Man kann seine letzten Bewegungen so interpretieren: Er nimmt einen langen Anlauf, bevor er den nächsten Gipfel – im Herbst – erklimmt. Das Preispotenzial nach unten ist begrenzt, nach oben weiter offen. Anleger, die sich noch engagieren wollen, nutzen am besten die kleinen Preisspitzen nach unten für (Zu)käufe aus. Und wer bereits umfangreich engagiert ist, sollte jetzt eine Anlegertugend besonders beherzigen: Geduld – und in den kommenden Monaten, wenn es aufwärts geht, bloß nicht zu früh aussteigen.

Manfred Gburek, 23. Juli 2010

—–> Homepage von Manfed Gburek<—–

Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , ,

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.