Die Weltwirtschaft und die Phantom-Erholung oder: Stetes Wort höhlt das Hirn

29. Juli 2009 | Kategorie: Kommentare

von Ronald Gehrt

Wenn man den Menschen etwas gibt, woran sie glauben können, werden sie einem folgen. Wenn es etwas ist, woran sie ohnehin glauben möchten, sind sie Marionetten in den Händen derer, die Hoffnungen in Worte kleiden. Und sie werden besondere Leistungen in der Kunst vollbringen, alles zu ignorieren, was diesen Hoffnungen im Wege steht. Radikale Strömungen, Kriege, die Kreuzzüge, die „dot.com“-Blase 1999 … es funktioniert immer und immer wieder…

Besonders effektiv lassen sich Menschen beeinflussen, die Angst haben. Um der Angst zu entkommen sind sie oft bereit, alles zu glauben, was man ihnen auftischt … solange die Sprüche nur angetan sind, Hoffnung zu schüren. Sekten bedienen sich dieser Tricks … Wunderheiler … und Politiker. So wie jetzt.

Als ich vor einigen Monaten schrieb, dass man den Eindruck bekommt, dass die Politik versuche, durch galoppierenden Optimismus zu erreichen, sich weitere Konjunkturpakete sparen zu können, indem sie die Bürger alleine durch wohlklingende Töne wieder zum konsumieren bringen will, hatte ich bereits festgestellt, dass das theoretisch klappen könnte. Damals hätte ich aber nie geglaubt, dass es wirklich so kommen würde. Deshalb hatte ich zu diesem Zeitpunkt auch nicht weiter gedacht, kein „was wäre, wenn …“ konstruiert. Jetzt wird es dafür höchste Eisenbahn.

In den Medien häufen sich die Stimmen der Politiker, vor allem aber der Analysten in Diensten von Banken, die mit festem Blick in die Kamera starren und erklären, dass die Rezession vorbei sei … oder, das sind dann die defensiven Typen, zumindest in den kommenden Monaten vorbei sein werde. Gleichzeitig wird überall auf der Welt zum Sturmlauf auf die Konsumtempel getrommelt indem man unterstreicht, dass jetzt noch alles billig sei … nächstes Jahr aber nicht mehr. Und das soll nicht nur für Nahrungsmittel gelten, aber nicht doch! Nein, es gilt für Immobilien, Autos und … klar … für Aktien. Politik und interessierte Kreise der Finanzwirtschaft vollführen einen grotesken Veitstanz um den Nukleus ihres Optimismus und ziehen dadurch immer mehr Gläubige in ihren Bann. Stetes Wort, so stellen wir mal wieder fest, höhlt das Hirn.

Dieser Nukleus, an dem die angeblich unumstößliche Tatsache eines Rezessionsendes festgemacht wird, ist das Ergebnis aus den Rettungspaketen für die Finanzwirtschaft, aus der nahezu zinslosen Refinanzierung der Banken und den Konjunkturpaketen. Nur … das ist eben nur eine Fassade.

Manche Banken holen sich nahezu zinsfreies Geld, knausern mit Kreditvergabe und stoßen sich mit diesem zinslosen Kapitalpolster offenbar dafür im Investment-Banking und im Eigenhandel gesund. Deren zudem durch die der Krise geschuldeten, vom Gesetzgeber gewährten neuen Freiheiten aufgeplusterten Bilanzen dienen den Trommlern des Glücks als Beleg um festzustellen: „Sehet, ihr einfachen Bürger, den Banken geht es wieder gut … die Finanzkrise ist vorbei.“ Amen. Nur … ein feuchter Kehricht ist vorbei.

Die „bad assets“ sind noch da. Und sie bleiben da. Sie haben keinen Markt, immer noch will sie keiner haben … aber deren Bewertung in den Bilanzen ist dergestalt, dass sie quasi „unter dem Teppich“ liegen, wo sie keiner sieht, der sie nicht sehen will. Darüber hinaus läuft es so dermaßen super für z.B. die US-Banken, dass eine nach der andere schließen muss. „Nur „ die der kleinen oder mittleren Größe, sicher. Sie sind nämlich nicht systemrelevant und damit nicht wert, gerettet zu werden. Und die „Großen“ ziehen es momentan scheinbar vor, sich weniger mit Immobilien und Krediten zu beschäftigen … sondern halten Investmentbanking und Eigenhandel für viel attraktiver … und offenbar auch für ungefährlicher. Wenn man sich mal im Stillen überlegt, dass dergleichen eigentlich ebenfalls böse Risiken birgt … dass die Kreditvergabe das Rückgrat eines jeden Aufschwungs ist … und dass es zu denken geben sollte, dass die Banken ungern Kredite vergeben, weil sie das Ausfallrisiko als zu hoch einstufen … woraus bitte sehr soll diese Wende hin zu neuem konjunkturellen Glück denn wachsen? Die Banken predigen die Wende, handeln aber, als würde es in kürze erst recht bergab gehen mit der Konjunktur. Und das ist nicht verkehrt.

Dass Bankanalysten uns also erzählen, die Rezession sei vorbei, basiert offenbar nicht auf den Einschätzungen der hauseigenen Kreditabteilung, sondern auf derjenigen des Investment-Bankings. Die müssen Geld einsammeln, damit die Bilanz stimmt. Ihr Geld.

Aber ich gebe frank und frei zu: Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Konsumenten tatsächlich so gutgläubig sind (das eigentlich dorthin gehörende Wort lasse ich mal lieber weg), dem Lockruf des Glücks zu folgen und ihren Konsum-Überdruck nun erleichtert entweichen lassen. Andererseits zeigen ja gerade die Daten zu unserem Konsumklima in Form des GFK-Index, dass die Menschen hierzulande (im Schnitt) keineswegs so beunruhigt sind wie in der letzten Rezession 2001/2002. Dieser Index war seit seinen Hochs Ende 2006 nur recht moderat zurück gekommen. Von echter Angst war da keine Spur … obwohl sie berechtigt gewesen wäre … und es auch noch ist.

Ja, dieser Spurt dorthin, wo es die allerletzten Schnäppchen gibt, wird die Konjunkturdaten der kommenden Monate deutlich aufpäppeln. Und genau so haben es sich diejenigen, die den Bürgern diesen Floh ins Ohr gesetzt haben, auch vorgestellt. Aber haben sie auch weiter gedacht? Denn davon mal abgesehen, dass das Ende einer Rezession nicht heißt, dass daraus auch ein Aufschwung entstehen muss, sollte man sich ernstlich fragen: Was kommt danach?

Was kommt nach der Abwrackprämie? Was nach den Ramschaktionen bei der Unterhaltungselektronik? Was hat es für Konsequenzen, wenn Anbieter heute ihre Lager abbauen wollen, indem sie den Kunden die Ware – ob Auto oder Plasmafernseher – mitgeben und die Bezahlung erst in einem Jahr erfolgen muss? Das Gesäusel der „alles-ist-gut“-Fraktion, im Chor mit der „billiger-wird’s-nicht“-Gruppe führt dazu, dass zahlreiche Haushalte sich Dinge leisten, die sie sich gar nicht leisten dürften. Und sie tun es im festen Glauben, dass ihre Situation im nächsten Jahr wieder tadellos und stabil sein wird. Kennen wir das nicht irgendwo her? Jedem Amerikaner sein eigen Häuschen?

Kaufe heute, zahle morgen … und wer kauft morgen? Und wenn so vieles nun an Käufen vorgezogen wird, womit päppeln die Unternehmen ihre Bilanzen nächstes Jahr auf? Und wie entsteht eine Wende am Arbeitsmarkt, wenn die vorgezogenen Käufe ausgerechnet in einer in Wahrheit keineswegs wieder stabilen Wirtschaftslage ein Loch entstehen lassen, dass dasjenige nach der Mehrwertsteuer-Erhöhung als sanfte Mulde wirken lässt? Und wie sieht es mit den momentan ohnehin schnell steigenden Kreditausfall-Raten aus, wenn in einem Jahr Menschen zur Kasse gebeten werden, die sich durch den Glauben, alles sei wieder gut, quasi den Ast unter dem Hintern abgesägt haben, indem sie sich in einer durch Hoffnung und Lobpreisungen angeschobenen Zwischenerholung der Konjunktur noch höher finanziell belastet haben?

Oder kaufen die Bürger dann auf Kredit doch noch das eine oder andere Auto mehr … der Trend geht ja zum Viertwagen, nicht wahr … oder stellen sich eine High-End-Anlage in die Besenkammer, um die Mäuse bei Laune zu halten? Meine Güte, man kann schon verrückt werden, wenn man sich anhört, was diese Menschen von einer Wende verzapfen!

Ist etwa die monströse Verschuldung der US-Bürger in den letzten Monaten abgebaut worden? In einer Rezessionsphase? Nein! Auch nicht durch die angestiegene Sparrate. Schulden, die auf Jahrzehnte angelegt sind, verschwinden nicht einfach so, weil es die Politiker gerne so hätten. Ebenso wie die „bad assets“ in den Kellern der Banken sind das Lasten, die sich die Wirtschaft selbst verschuldet über Jahre, teilweise Jahrzehnte aufgeladen hat. Und diese Zeche ist nicht in ein paar Wochen bezahlt! Und der Aufschwung wird erst recht nicht kommen, wenn die Banken lieber an der Börse investieren statt denen Kredite zu geben, die einen eventuellen Aufschwung schultern könnten.

Ich gebe zu, dass die kurzzeitige Panik der Menschen im Spätsommer 2008 nicht nur das Rettungspaket für die notleidenden Banken (ich trauere heute noch über deren hartes Los) erforderte, sondern auch diese ganzen Konjunkturpakete. Erstens war in den USA Wahlkampf, zweitens wären die Leute sonst mit Knüppeln auf die Straße gegangen. Aber der falsche Zeitpunkt für Konjunkturpakete war es dennoch. Solche Maßnahmen waren immer dann angeraten und dann auch erfolgreich, wenn sich der wirtschaftliche Abstieg abgeflacht hatte, sprich dem Elend die Puste ausging. Dann, wenn die Talsohle erreicht war, galt es, der Konjunktur einen gezielten Tritt zu geben, damit sie sich wieder von alleine auf die Beine stellen kann. Aber hier kamen sie, als die Wirtschaft noch in freiem Fall war. Gut, es ging wohl nicht anders. Aber es ist vermessen, ernstlich zu denken, damit käme man nun hin.

Ja, diese Maßnahmen wirken und bringen die Konjunkturdaten wieder etwas nach oben. Aber sie werden nur ein kurzes Aufbäumen, eine „Phantom-Erholung“ in der Wirtschaft auslösen, denn diesmal haben wir keine normale Rezession. Wir haben bereits eine unfassbare Neuverschuldung der Staaten und ein ebenso gefährliches Schuldenniveau bei den privaten Haushalten. Und die werden, wenn sie feststellen, dass man ihnen mal wieder ein X für ein U vorgemacht hat, radikalst auf die Konsumbremse treten. Und dann hat sich das mit Aufschwung.

Bei mir zu Hause habe ich unlängst keinen Maler bekommen, der binnen einer Woche für einen Tag einen Termin frei hätte. Alle Firmen, auch Gipser, Bodenleger, Dachdecker, Zimmerleute, mit denen ich momentan in Kontakt bin, haben übervolle Auftragsbücher. Nicht, weil die Wirtschaft gar nicht leidet. Sondern weil hier Städte und Gemeinden die Firmen mit Aufträgen auf Staatskosten zukippen. Jetzt! Nächstes Jahr wäre es nötig. Nicht jetzt. Ich frage mich nur, ob man dann Turnhallen, Schulen, Flüsse, Denkmäler, Rathäuser und Autobahnen dann gleich noch mal reparieren, renovieren, restaurieren lassen will?

Die Börsen feiern, was kommen wird. Nämlich eine Verbesserung des aktuellen konjunkturellen Niveaus. Aber ich höre niemanden, der darüber nachdenkt, was im Herbst und Winter folgt, wenn diese Phantom-Erholung und zudem die Bundestagswahlen vorbei sind. Von dem gezielten „Ziehen“ der großen Adressen an den Börsen abgesehen sind es momentan, teilweise über 50% über den bisherigen Tiefs der Aktienmärkte, die normalen Anleger, die nun wirklich ernstlich glauben, die schlimmste Wirtschaftskrise der letzten 80 Jahre ist vorüber und sie haben nichts, aber auch gar nichts, an Einschränkungen hinnehmen müssen. ‚Wie schön’, mögen sie denken. ‚Wie seltsam’, denken offenbar nur wenige.

Ich kann nicht abschätzen, wie sehr die Erwartung der großen Wende auf aktuellem Niveau in Rohstoffen und Aktienmarkt bereits eingepreist ist. Vor allem, da kurzfristig nicht Meinungen, sondern sehr gezielte Kaufwellen dafür sorgen, dass die Börsen genau so aussehen, wie sie auszusehen haben, wenn der Aufschwung kommt. Das lockt das nötige neue Geld an. Ein altes Spielchen. Aber … wann merken die Akteure, was nach der Phantom-Erholung kommt? Und werden sie das nicht auch, wie jetzt die vermeintliche Wende, bereits im Vorfeld einpreisen?

Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt

Homepage von Ronald Gehrt www.system22.de

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