Tickende Zeitbomben

23. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Manfred Gburek) Vor dem Fußballspiel Deutschland/Griechenland zogen einige griechische Medien gegen uns kräftig vom Leder. Insofern ist wenigstens das Ergebnis 4 : 2 zugunsten Deutschlands ein vorläufiger versöhnlicher Abschluss, und zwar für beide Seiten..

Wir sind in der Europameisterschaft weiter gekommen, aber die Griechen können sich rühmen, tapfer dagegengehalten zu haben – eine Episode, die für die Bewältigung der Eurokrise irgendwie symbolisch ist. Das heißt, die anderen Euroländer dürfen sich allerlei Frechheiten erlauben, doch am Ende zahlt Deutschland, weil es erfolgreich ist.

Zur Ergänzung des Themas Griechenland sei hier zunächst der griechische Philosoph Nikos Dimou zitiert, der seine Landsleute laut Börsen-Zeitung bereits vor vier Jahrzehnten wie folgt charakterisierte:

„Der Grieche nimmt die Realität prinzipiell nicht zur Kenntnis. Er lebt zweifach über seine Verhältnisse. Er verspricht das Dreifache von dem, was er halten kann. Er weiß viermal so viel wie das, was er tatsächlich gelernt hat. Er zeigt seine Gefühle fünfmal stärker, als er sie wirklich empfindet.“

Griechenland hat sich dem Euro bekanntermaßen erst nachträglich angeschlossen und allein schon dadurch zu dessen aktuellem Glaubwürdigkeitsproblem beigetragen. Daraus abzuleiten, wie die Staatsschuldenkrise des Euroraums und damit die Eurokrise bewältigt werden kann, ist heute schier unmöglich. Indizien dafür, dass vor allem um sie herum laviert wird, gibt es ja genug.

Dazu nur vier Beispiele allein aus den vergangenen Tagen:

1. Das G20-Treffen, bei dem so viel an wichtigen Themen vorbei geredet wurde wie lange nicht mehr,

2. die deutsche Fiskalpakt-Diskussion, die ohne Einbindung aller anderen Euroländer eine Geisterveranstaltung bleibt,

3. das Randthema Finanztransaktions- bzw. Finanzmarktsteuer, das ohne wirklichen praktischen Wert einfach nur ideologisch aufgebläht ist, und

4. der peinliche Aufschub des Rettungsfonds ESM, immerhin durch keine geringere Institution als das Bundesverfassungsgericht, woraufhin Aktien und Edelmetalle am vergangenen Donnerstag erst einmal abwärts reagierten.

Es gibt noch eine ganze Reihe von weiteren Themen, die immer wieder in den Medien auftauchen, ohne wirklich zu nutzbaren Erkenntnissen zu führen: abwechselnd mal eine angebliche Goldblase, mal eine undifferenzierte Immobilienblase, die Klimakatastrophe, ein Sonnensturm, der immer wieder prophezeite Aktiencrash, hier oder da eine Staatspleite und schließlich die Währungsreform. Das Schlimme daran ist, dass dabei einige wortgewandte Gurus mit starker Unterstützung durch die Medien ihr Süppchen kochen. Ihr Geschäftsmodell besteht in der Bekanntheit. Allerdings: Je häufiger sie im Fernsehen, im Internet und in den Printmedien auftauchen, desto weniger Zeit für tiefgreifende Recherchen bleibt ihnen übrig. Den Rest kann man sich denken: Das Geschäftsmodell Bekanntheit verwandelt sich allmählich in das Geschäftsmodell Blabla.

Jenseits der gerade erwähnten Themen gibt es indes noch andere, und die haben es wirklich in sich, weil sie viele Bereiche betreffen und tickende Zeitbomben repräsentieren. Beispiele: natürlich die Staatsschuldenkrise samt Eurokrise einschließlich Zahlmeister Deutschland im Mittelpunkt, die mit Zwangssparen, Kapitalmarktkontrollen und weiteren staatlichen Eingriffen verbundene finanzielle Repression, Steuererhöhungen, stark steigende Mieten und Strompreise, Zeitungssterben, Zuwanderung aus dem Ausland, Engpässe bei Schweizer Tresoren, weil die schon prall mit Gold gefüllt sind, Altersarmut, negative Realzinsen, fusionierende oder in der Versenkung verschwindende Fonds, Kapitulation der Versicherer, Pensionskassen und Pensionsfonds vor den niedrigen Zinsen… (Seite 2)

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