Thorsten Polleit: Zinssenken hilft nicht

2. Mai 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Thorsten Polleit – Auf seiner heutigen Sitzung hat der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) die Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 0,5 Prozentpunkte abgesenkt. In inflationsbereinigter Rechnung bleibt der Leitzins weiter deutlich negativ. Auf der Pressekonferenz lässt EZB-Präsident Mario Draghi sogar die Tür für eine weitere Zinssenkung offen…

Die EZB wird den Banken auf dem Kreditwege weiterhin Basisgeld in unbegrenzter Höhe zur Verfügung stellen, und zwar bis (mindestens) bis Mitte Juli 2014.

Die Zinssenkung dürfte wohl keine konjunkturelle Wirkung zeigen. Wir gehen weiterhin davon aus, dass das reale Bruttoinlandsprodukt im Euroraum im laufenden Jahr um mindestens 1 Prozent J/J abnehmen könnte (2012: -0,6 Prozent J/J).

Dass die Geldpolitik keine Anschubwirkung für die Wirtschaft haben wird, dürfte daran liegen, dass die Euro-Krise im Kern eine Überschuldungskrise ist.

Zulange hat die EZB mit zu niedrigen Zinsen die Kredit- und Geldmengen ausgeweitet. Der Versuch, die Krise mit noch expansiverer Geldpolitik „bekämpfen“ zu wollen, wird die Probleme nicht aus der Welt schaffen. Vielmehr werden dadurch vorhandene Fehlentwicklungen zementiert und neue geschaffen.

So sinkt bei de facto Nullzinsen der Anreiz zur Ersparnis- und Kapitalbildung. Gleichzeitig steigt der Anreiz zum Konsum. Es kommt zur „Kapitalaufzehrung“: Die laufenden Ausgaben gehen auf Kosten des künftigen Wohlstands. Zudem befördern tiefe Zinsen Spekulationsblasen auf den Finanzmärkten (ein merklicher Preisauftrieb zeigt sich bereits auf den Aktienmärkten), die die Realwirtschaft bekanntlich schwer schädigen.

Weiterhin schafft der Niedrigzins akute Probleme etwa bei Unternehmen, deren barwertige Pensionsverbindlichkeiten immer weiter anwachsen und nun an der Eigenkapitaldecke der Unternehmen zehren. Auch bei langfristigen Sparern steigen die „Versorgungslücken“ weiter an durch die Tiefzinspolitik.

Angesichts der Einschätzung, dass die Euro-Krise im Kern eine Überschuldungskrise ist, erscheint es auch fragwürdig, das Problem einer „Kreditklemme“ (ob nun für kleine, mittlere oder große Unternehmen) im Euroraum erkennen und „bekämpfen“ zu wollen.

Die rückläufigen Kreditwachstumsraten dürften das Ergebnis sowohl angebots- als auch nachfrageseitiger Entwicklungen sein. Schuldner ziehen es vor, keine neuen Kredite aufzunehmen oder Altschulden zurückzuzahlen. Gleichzeitig sind Banken nicht in der Lage oder willens, neue Kreditrisiken einzugehen angesichts knappen Eigenkapitals und wachsender Unsicherheit im Umfeld besonders tiefer Zinssätze.

Wie nicht anders zu erwarten, setzen die Geldpolitiker alles daran, die Verschuldungsmaschinerie in Gang zu halten: EZB-Präsident Draghi kündigte zudem an, einen Markt für Wertpapiere, die mit Unternehmenskrediten besichert sind, fördern zu wollen. (Das liefe auf das Neu-Schaffen von sogenannten „Asset-Backed-Security“-Märkten hinaus.) Details wurden (noch) nicht genannt. Auf diese Weise könnte die EZB nicht nur Bankbilanzen entlasten und die Kreditvergabefähigkeit und –bereitschaft der Banken verbessern. Die EZB könnte auf diesem Weg die Kreditportfolien der Banken auf „breiter Basis“ monetisieren – also sprichwörtlich in neues Geld „verwandeln“.

Den Volkswirtschaften im Euroraum bleibt nichts anderes übrig, als sich zu entschulden („De-leveraging“) – d. h. Altschulden zurückzuzahlen oder Altschulden zu restrukturieren/löschen, wenn die Kaufkraft des Euro nicht untergraben werden soll.

Eine solche Anpassung wird vermutlich ohne rezessive Wirtschaftsentwicklung nicht möglich sein. Versuche, sie aufhalten zu wollen, wie etwa durch Zinssenkungen oder andere Markteingriffe, werden die Kosten der Krise nur noch weiter in die Höhe treiben.

Gold in Euro (Minutenchart)

Die Edelmetallmärkte, insbesondere der Gold- und Silberpreis, dürften von den fortgesetzten expansiven Geldpolitiken der weltweit wichtigen Zentralbanken profitieren.

Die Zentralbanken haben sich nämlich auf einen Kurs begeben, der im Grunde keine Umkehr vorsieht: dem Ausweiten der (Basis-)Geldmengen, um Zahlungsausfälle auf breiter Front zu verhindern – und das ist der Weg in eine Inflationspolitik, die aktuell noch nicht deutlich in Erscheinung tritt, die sich früher oder später aber als solche zu erkennen geben wird.



© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH

Hinweis aus eine Veranstaltung des Ludwig von Mises Instituts „Konferenz 2013“

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