Thema Schwarmintelligenz

3. Juni 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt – Den meisten Anlegern dürfte die Frage im Kopf herumschwirren, ob und wie sich der kräftige Abverkauf der US-Börsen zum Handelsende des Freitags in der neuen Woche auswirken wird. Das ist eine sehr berechtigte Frage, denn es fiel auf, dass man in den USA in den letzten zehn Tagen regelmäßig in steigende Kurse hinein Verkäufe beobachten konnte, die darüber hinaus immer auf einem niedrigeren Niveau als zuvor einsetzten…

Das ist ganz und gar nicht bullish, deutet auf eine Distributionsphase hin, entscheidet aber für sich genommen noch gar nichts. Der Blick auf den großen Verfalltermin am 21. Juni ist dabei allerdings berechtigt. Kommt es womöglich tatsächlich zu einem Abwärtsimpuls bis zu diesem Termin, sprich geht das Zickzack der letzten Monate von einem Verfalltermin zum nächsten weiter? Das ist gut möglich, aber letzten Endes würde sich das erst dann wirklich manifestieren, wenn auch diese neue Woche mit nennenswerten Kursverlusten in den USA und Europa abgeschlossen würde. Ich möchte aber nicht über ungelegte Eier gackern, sondern diesmal über eine ganz entscheidende Basis dafür nachdenken, dass es womöglich tatsächlich zu wieder fallenden Kursen kommen könnte: Das Phänomen der Schwarmintelligenz.

Wobei dieser Begriff auf die Börse oder auf die Menschen als solche bezogen eigentlich nicht so ganz richtig ist. Denn während Schwarmintelligenz im Tierreich bedeutet, dass an und für sich geistig eher dünn besiedelte Lebewesen in einem großen Kollektiv zu überraschend intelligenten Handlungen imstande sind, weil sie ein kollektives Wissen aufbauen und nutzen, geht es beim Menschen eher anders herum: Grundsätzlich intelligente Menschen sind in der Masse zu unfassbaren Dummheiten fähig. Vielleicht sollte man dieses Phänomen „Schwarmdämlichkeit“ nennen und weniger mit Bienen, Ameisen oder Fischen vergleichen sondern besser mit Büffeln.

Nehmen wir nur aktuelle Beispiele. Da muss es nur einen verregneten Frühling geben, und es gibt wirklich Menschen, die ganz ernsthaft glauben, dass der Sommer 2013 „ausfällt“. Man kauft keine Sommerkleidung, die Fahrräder bleiben in der Garage. Clever. Oder nehmen wir den guten alten Volkszorn, der sich in der Geschichte allzu oft gegen völlig Unschuldige gerichtet hat, weil ein langsamer, oft ganz gezielt von einigen Gehirnen gesteuerter Prozess die dumpfe Masse dazu gebracht hat, auch ohne jegliche logische Argumente zu brüllen „der war’s!“ Kreuze, Scheiterhaufen und Konzentrationslager sind die Beweise für eine Jahrtausendealte Tradition kollektiver Dummheit. Und genau dieses Phänomen erleben wir auch immer wieder an den Börsen.

Schauen wir uns doch die japanische Börse an. Wer versucht, als objektiver Beobachter herauszubekommen, welche tieferen Gründe hinter einem Kursanstieg von fast 85 % in sechs Monaten beim Nikkei 225 stehen, verliert den Glauben an die geistige Gesundheit des menschlichen Kollektivs. Ein gezielt in Grund und Boden gedrückter Yen, an sich schon dämlich genug, weil er durch die Hintertür die Probleme wieder ins Land schafft, die er vordergründig beseitigen soll, und eine nicht substantiierte Hoffnung auf eine auf markigen Worten basierende, nachhaltige Erholung der japanischen Konjunktur bringen die Menschen dazu, die Kurse derartig durch die Decke zu treiben, dass man förmlich die Ohren anlegt.

Basis dieser Bewegung war letzten Endes zum einen allgemeine Ahnungslosigkeit. Da man über die Problematik als solche nicht wirklich Bescheid weiß, richtet man sich nach dem, was die anderen tun, in dem Glauben, die werden schon wissen, was sie machen. Tun das alle, kommt ein derartiger Wahnsinn zustande. Zum anderen verhindern solche extrem starken Kursbewegungen jegliche Zweifel, weil einerseits nicht die Faktenlage, sondern die Kurse das Empfinden der Marktteilnehmer bestimmen und man sich andererseits in einem solchen starken Trend auf der sicheren Seite glaubt, weil man sich in der Masse bewegt. Je größer diese Masse, desto sicherer fühlt man sich. So gesehen ist das durchaus eine Parallele zum Phänomen der Schwarmintelligenz, auf der anderen Seite aber entstehen hier keine besonderen Intelligenzleistungen, sondern man ist in der Masse zu besonderer Dummheit fähig. Und zwar, um es noch einmal zu unterstreichen, weil man glaubt, sich eigenes Nachdenken sparen zu können, weil sie anderen das ja bereits getan haben. Der alte Spruch „Fresst Sch…, Millionen Fliegen können nicht irren“ findet genau dort seinen Ursprung.

Und wenn dann nur ein paar blitzgescheite und moralisch unbelastete Kreaturen geschickt ihre Fäden ziehen, sind sie imstande, diese Massen genau das tun zu lassen, was ihren Plänen entspricht. Und gerade aufgrund der Tatsache, dass niemand weiß, wer genau wann was an der Börse tut, bleiben sie dort in der Regel unerkannt. Und nicht nur das: Die mentale Trägheit der Masse auszunutzen, indem man im richtigen Moment entscheidende Impulse setzt, ist selbstverständlich vollkommen legal…(Seite 2)

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2 Kommentare auf "Thema Schwarmintelligenz"

  1. FDominicus sagt:

    „sondern man ist in der Masse zu besonderer Dummheit fähig“

    In der Tat, eine genügend grosse Masse Mensch zusammen und die Dummheit findet allerbeste Grundlagen. Warum wohl lieben alle Diktatoren Massenaufmärsche?

  2. braindead sagt:

    Dazu passt die Antwort auf die Frage wie man die Intelligenz einer Menge ermittelt.

    (Keine Mathekenntnisse notwendig)

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