The Sky is the Limit? Alles schon mal dagewesen

16. März 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Vielleicht bin ich ein wenig seltsam, kann ja sein. Aber am wohlsten fühle ich mich als Börsianer, wenn bei der Mehrzahl der Akteure der Verstand leise Servus sagt, sich seltsame Dinge ereignen und das jeder völlig normal, ja nahezu zwingend findet. So wie momentan…

Eine tolle, weil spannende Zeit – wenn man Trader ist, die dafür nötigen Nerven besitzt und kapiert, dass an der Börse immer alles leichter aussieht als es ist, weil man in der Retrospektive eben weiß, was man im entscheidenden Moment nicht weiß: wie es weitergeht.

Womit wir beim Punkt sind: Wie geht es weiter? Am Mittwochvormittag sagte einer, der allgemein als Experte gesehen wird, unter anderem, dass beim DAX Höchststände auf einer ganz anderen Ebene anstehen, man sich von Korrekturen zunächst einmal befreien müsse (gemeint war wohl, dass sie ausbleiben, obwohl es klang, als solle man sie einfach ignorieren) und dass er nirgendwo eine Blasenbildung erkennen kann. Das ist eine ziemlich dramatisch positive Sichtweise, aber tendenziell steht er damit nicht allein. Immerhin, so der als Experte angesehene Vermögensverwalter, habe die EZB mit der Anleihe eine ganze Anlageklasse vom Markt genommen. Ja dann … the sky ist he limit.

Ich hingegen werde gerade von reichlich deja vu erschlagen. Wie wundervoll. Es ist, als würde ich mich in einem Umfeld bewegen, in dem ich schon habe üben dürfen, damals, 1999/2000. Halt, nicht rumbrüllen, bitte. Erst weiterlesen. Jaja, ich weiß, diesmal ist das doch was gaaaanz anderes. Aber da ich noch darlegen will, warum wir meiner Ansicht nach an einem vergleichbaren Punkt wie vor genau 15 Jahren stehen, lesen Sie zunächst weiter. Und dann mögen mich die, die sich gerade wie damals reich rechnen, indem sie den momentan Steigungswinkel des DAX seit Jahresbeginn bis Silvester verlängern (dann kämen wir etwa bei 20.000 heraus) zum Teufel wünschen. Danke für Ihre Geduld. Sehr verbunden.

Wir gerne vergessen: Jede Kursveränderung entsteht durch Menschenhand

Vorab möchte ich ein paar Aspekte hervorheben, die zwar eigentlich jedem bekannt sind, die man aber immer und immer wieder vergisst, ignoriert oder nur auf sich selbst bezieht: Alles an der Börse entsteht durch menschliche Entscheidungen und jeder, auch der größte und kapitalkräftigste Entscheider eines großen Fonds, ist nur ein Mensch. Kurz: Nichts geschieht automatisch. Nichts ist zwingend. Und die Entscheidung, ob man einsteigen, aussteigen oder eine Position halten will, ist immer subjektiv.

Eine objektive „Wahrheit“ gibt es also nicht. Ein Index ist nicht „billig“ oder „teuer“, weil es dafür eine zwingende Messgröße gäbe, an der sich die Akteure orientieren. Sie kaufen oder verkaufen nicht, weil die Rahmenbedingungen es ihnen wirklich vorschreiben würden. Im Endeffekt sind diese Entscheidungen davon abhängig, ob man daran glaubt, dass (im Fall eines Aufwärtstrends) noch mehr nach oben drin ist – oder es im Gegenteil zu gefährlich wird. Und da letztlich jeder tief im Inneren weiß, dass man das nie sicher wissen kann, ist die wichtigste Orientierung für alle der Kurs selbst, oder, anders ausgedrückt das, was die anderen tun.

Und genau das führt dazu, dass Trends teilweise grotesken Blüten treiben. Sie werden angefeuert einerseits durch einen subjektiven Glauben an das, was entscheidend ist und das, was möglich bzw. wahrscheinlich ist. Und zugleich dadurch bestimmt, dass jeder beim Nachbarn „spickt“, d.h. schaut, was die anderen tun und deren Tun oder Lassen als Grundlage dafür hernimmt, was er selbst tut. Je komplizierter die Gemengelage, desto mehr ist das der Fall. Denn dann denkt man gerne: Was die Kurse tun, tut die Mehrheit. Und die muss ja wohl wissen, was Sache ist, nicht wahr? Das spart zudem das „selber denken“. Was bedeutet:

Eine eindeutige Veränderung der Gemengelage ist in keiner Weise zwingend der Auslöser für Verkäufe oder gar eine Trendwende. Denn wenn keiner den ersten Schritt tut oder die, die es tun, wegen der nicht an die Realität, sondern an die eigenen Erwartungen und Hoffnungen (und damit an den eigenen Depotbestand) gekoppelten Handlungen der Mehrheit bestraft werden, indem die an blühende Landschaften glaubende Mehrheit jeden Rücksetzer sofort aufkauft, kann eine Hausse auch weitergehen, wenn sich außerhalb der Börsentore (bzw. außerhalb der subjektiven Wahrnehmun) dunkle Wolken auftürmen. Und mehr noch, sie kann sich bis zum Exzess steigern, wenn man wegen der eigenen Scheuklappen (und denen der anderen) davon überzeugt ist, dass diese Hausse unverwundbar ist bzw. nur das, worauf man sich selbst als „entscheidend“ fokussiert, wichtig ist und der Rest keine Rolle spielt. So wie heute. So wie von 15 Jahren.



2000 und 2008 war dann doch nicht alles anders. Und heute?

Überlegen wir mal – was sind denn die angeblich zwingenden Gründe dafür, dass diese DAX-Rallye, die nunmehr bereits 20 Prozent seit Jahresbeginn ausmacht, weitergehen wird? Das ist schnell zusammengefasst. Es gibt keine Zinsen mehr. Also „muss“ man in Aktien investieren. Also muss man zugleich wie wild konsumieren. Zugleich fällt der Euro, weil die Zinsen so niedrig sind. Was der Exportwirtschaft hilft. Was die Inflation zurückbringt. Was das Wachstum anfeuert und so für steigende Gewinne der Unternehmen sorgt und das Kursniveau der Aktien somit nachträglich rechtfertigen wird.

Das ist die offiziell überall herumgereichte Wahrheit. Sie ist genauso zwingend wahr, wie man 1999/2000 „wusste“, dass Aktien der „Old Economy“ Firlefanz sind … die neuen Technologien derart wachsen würde, dass jedes dahergelaufene Startup-Unternehmen zur Börsenrakete wird … die alten Bewertungsmodelle nicht mehr zählen und somit vor allem Technologieaktien alternativlos und auf egal welchem Niveau billig sind. Wer sich nicht erinnern sollte: Alles, aber absolut alles, was man damals „wusste“, erwies sich als falsch. Doch vorher wurde jeder, der vor einer Blase warnte, wütend niedergebrüllt. Wobei man vor allem deswegen so aggressiv gegen jede „Feind-Meinung“ vorging, weil man tief im Innern Angst hatte, dass man, indem man auf Kredit Schrott zu Wahnsinnspreisen gekauft hatte, einen katastrophalen Fehler begangen haben könnte. Da hilft es, nur das als real zuzulassen, das einem nach dem Munde redet. Für die Psyche … und solange, bis das Ersparte weg ist. Hauptargument damals: Diesmal ist das doch etwas ganz anderes.

So gesehen fühle ich mich momentan wohl wie in alten Filzpantoffeln, denn genau das Argument höre ich heute auch überall. ‚Vergessen Sie 2000 oder 2008, das war etwas ganz anderes‘. Wirklich? Werden sich die aktuellen Argumente diesmal als dauerhaft wahr und somit diese Hausse erstmals in der Geschichte der Börse als ewig erweisen? Schauen wir uns an, wie „wahr“ die Argumente diesmal sind. Dass sie nicht zwingend sind und sein können, haben wir ja schon abgehakt. Jeder hat das Recht, frei zu entscheiden, ob er Aktien kauft oder nicht. Zumindest noch. Aber wie überzeugend sind sie eigentlich?

Keine Rendite bei Anleihen? Das ist ein alter Hut!

Niemand wird mehr Anleihen kaufen, weil die EZB die Zinsen in negatives Terrain drückt. Also muss der Anleger in den Aktienmarkt. Wieso nicht in Immobilien, Antiquitäten, Edelmetalle … aber lassen wir das. Anderes Thema. Aber worum geht es einem einigermaßen intelligenten Anleger denn? Um den Zinscoupon? Oder womöglich doch um den echten, den Realzins? Denn wenn ich mein Geld erhalten und wenn möglich mehren will, dann kommt es auf letzteren an, also auf die Anleiherendite minus die Inflation. Und dann schauen wir uns mal diesen Chart an:

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Hier sehen wir den Realzins in Deutschland seit 1999 und stellen fest: Da die Preissteigerung in den vergangenen Jahren noch höher lag, die Renditen der Anleihen aber schon seit 2010 gedrückt werden, war der Realzins längere Zeit schon deutlich niedriger als jetzt, sogar negativ. Auch da hätten die Anleger sich von den Anleihen abwenden müssen und haben es nur begrenzt getan. Der DAX stieg zwar, die Renditen fielen aber weiter – ohne direkte Käufe der EZB. Weil Anleihen weiter nachgefragt wurden. Denn da gab es ja wegen des Abstiegs der Renditen auch Kursgewinne zu erzielen. Das Argument, das heute ins Feld geführt wird, existiert eigentlich also schon seit Jahren. Den Beginn der Staatsanleihe-Käufe der EZB als Startsignal für die größte aller Haussen zu proagieren, nachdem diese Hausse bereits volle sechs Jahre läuft … man kann darüber diskutieren.

Die Sache mit dem Euro

Ein anderes Argument ist, dass der Euro fallen muss, weil die Zinsen niedriger werden. Das heißt, Eurozone-Bonds werden weniger attraktiv für ausländische Investoren. Und da die, um diese Anleihen zu kaufen, Euros bräuchten, sinkt die Nachfrage nach dem Euro parallel zur Nachfrage nach Anleihen und drückt den Kurs. Aha. Aber …

… über 95 Prozent aller Transaktionen am Devisenmarkt haben mit echter „Währungs-Beschaffung“ nichts zu tun. Es ist reine, extrem kurzfristige Zockerei. Solange man den Eindruck hat, dass die EZB die Abwertung gutheißt, macht man grundsätzlich weiter damit. Aber das bedingt, dass die USA sich die Aufwertung des Dollars, die sie immer mehr in die Bredouille bringt, auch weiterhin gefallen lassen. Das muss man erstmal abwarten. Und die vorstehende Argumentationskette ist auch insofern seltsam, weil die Ausländer sich dann ja auch vom Euro-Aktienmarkt abwenden müssten. Wie kann der dann aber so extrem steigen? Nur durch Umschichtungen innerhalb der Eurozone von Anleihen in Aktien, obwohl die Anleihen weiter Kursgewinne bringen, hier ein Euro ein Euro bleibt und das Rendite-Manko schon seit 2011 existiert? Das hieße, die Käufe innerhalb der Eurozone müssten sich gerade derartig massieren, dass das Wegbrechen der ausländischen Nachfrage überkompensiert wird. Und das, obwohl die Mittelzuflüsse in Fonds nicht extrem steigen und deren Barbestände wie üblich niedrig sind. Ha. Und nochmal ha.

Entweder die Ausländer kaufen weiter Euro-Aktien. Und dann müsste der Euro nicht so fallen. Oder sie tun es nicht, dann dürfte der DAX nicht so steigen. Immer vorausgesetzt, hier würde nicht einfach gezockt und auf Erwartungen spekuliert, die so nicht eintreffen müssen.

Jetzt kommt das Wachstum. Oder so.

Erwartungen wie zum Beispiel diese Sache mit dem Wachstum. Es ist schon richtig, dass der Abstieg des Euro den Eurozone-Export markant unterstützt. Aber da dadurch die Importe teurer werden, was man grundsätzlich einfach ausblendet, weil Europa Netto-Exporteur ist, muss das eben nicht klappen. Erstens, weil das voraussetzt, dass die Nachfrage im Ausland hoch bleibt. Aber gerade in den wichtigen Schwellenländern lässt das Wachstum nach. In den USA mal sowieso. Zweitens, weil die Binnennachfrage innerhalb der Eurozone der weitaus größere Teil des Kuchens ist. Da ändert der Euro-Wechselkurs gar nichts. Und da zu unterstellen, dass die Ausweitung der EZB-Klimmzüge auf Staatsanleihen etwas ändert, ist ein verblüffender Gedanke. Denn, kurz im Schnelldurchlauf, da schon öfter beschrieben… (Seite 2)



 

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3 Kommentare auf "The Sky is the Limit? Alles schon mal dagewesen"

  1. Michael sagt:

    So lange die Märkte mit Liquidität versorgt werden steigen die einfach. Die Korrektur wird diesmal eher maßgeblich. Der Anstieg im DAXK selbst ist ganz ehrbar. Der erinnert so an den letzten Anstieg von Gold oder DAXK in 2000. Das war ein kurzfristiger Hype vermutlich ausgelöst durch Geld das abgezogen worden ist aus dem Neuen Markt und von anderswo. Vermutlich läuft im Hintergrund so etwas wie ‚QE‘ weiter. Es war ja schon damals das Gerücht zugange, dass sich das wahre QE erheblich höher ausnimmt.

    Man hat schon gesehen, dass der gute DAX so bei 10k sobald andere Optionen sich auftun relativ hurtig nachgibt. Bei 12k ist das Rückschlagspotential nicht mehr schwach. Die Attraktivität Gewinne zu realisieren steigt. Die Frage ist dann eher, wenn die Indizes zurückkommen wie lange ein Wiederaufrappeln dauert. Es kann durchaus das letzte Mal sein, dass Aktien nach einer Korrektur zurückkämen. Die Welt ist bald gemacht.

    Wenn die U.S. Daten stimmten wäre der Rest von der Welt im A.

  2. Skyjumper sagt:

    Man sollte sicherlich nicht sagen „diesmal ist alles anders“, wenn man dabei eine mittelfristige oder gar langfristige Perspektive betrachten will. In der Hinsicht bin ich mir ziemlich sicher das am Ende das Sprichwort „wer hoch steigt fällt tief“ die Oberhand behalten wird.

    Gleichwohl ist technisch gesehen natürlich diesmal alles anders. Bei der Dotcom-Blase war es letztlich eine Blase die sich aus sich selbst heraus mit ihren eigenen Gewinnen befeuert hat bis sie schlußendlich implodierte.

    Dies passiert auch jetzt wieder. Denn jeder der im DAX investiert ist, wird derzeit auf dem Papier täglich immer reicher und kann ein immer größeres Rad drehen. Gleichzeitig sehen wir diesmal jedoch einen neuen Spieler auf dem Feld. Die EZB. Unser dieser neue Spieler bringt echtes neues Spielgeld mit. Rund 1,1 Bill. € will die EZB in den Markt schmeissen. Das entspricht in etwa der kompletten Marktkapitalisierung des DAX. Unterstellt man hilfsweise, dass davon der deutsche EZB-Anteil in den DAX fliesst, reicht allein dies bereits für Kurssteigerung von 27 %.
    Und ergänzend kommt hinzu dass der von Herrn Gehrt angeführte „Experte“ gar nicht so verkehrt argumentiert. Natürlich kann man sich die Grafik hinsichtlich der Realverzinsung (inwieweit die off. Inflation der tatsächlichen entspricht lassen wir mal aussen vor) als Gegenargument mal durch den Kopf gehen lassen. Aber wen interessiert denn die Realverzinsung? Klar, ein Privatanleger ist daran interessiert. Aber Privatanleger sind an der (deutschen) Börse eher die Ausnahme. Da tummeln sich vornehmlich institutionelle Anleger. Und einer Versicherung z.B. ist mit einer Realverzinsung kaum gedient. Die muss wenigstens (als absolutes Minimum) den gemittelten Garantiezins ihrer Versicherungsverträge erwirtschaften, sonst kommt es mittelfristig zum Dunkeltuten. Auch Fonds die nominal negative Erträge rausarbeiten werden bei ihren Anlegern mit dem Argument einer real positiven Performance nicht besonders weit kommen. Die brauchen mehr. Insofern hat die EZB tatsächlich für einen bedeutenden Teil der Marktteilnehmer eine gesamte Anlageklasse (nämlich die Anleihen) aus den Markt genommen. Und bei der Anleihenklasse sprechen wir über ein vielfaches der 1,1 Bill. welche die EZB direkt in die Finanzmärkte pumpt.

    Es kann also tatsächlich noch eine ganze Zeitlang so weitergehen dass den Aktienmärkten umgeleitete Geldströme zufliessen und sie in die Höhe treiben. Aber genauso sicher ist auch, dass man irgendwann das fehlende Fundament nicht länger ignorieren kann. Dann stürzen die Kurse entweder zusammen, oder das Brot kostet beim Bäcker dann eben von einem Tag auf den anderen erst 20,-, dann 100,- und dann 1.000,- € das Stück.

    So richtig Freude kommt weder bei der einen, noch der anderen Vorstellung auf.

  3. FDominicus sagt:

    „Es gibt keine Zinsen mehr. Also „muss“ man in Aktien investieren.“
    Ist wahrscheinlich kein Fehler

    “ Also muss man zugleich wie wild konsumieren. “
    Warum das denn. Das eine folgt doch nicht logisch aus dem anderen. Oder fällt Aktienkauf inzwischen unter „Konsum“?

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