The next Level. Mal wieder.

8. Dezember 2009 | Kategorie: Kommentare, Zeitlos

der Vorstand vom Bankhaus Rott

Die so genannten Level 3 Assets geistern seit einiger Zeit immer wieder in den Diskussionen über die Qualität der Bankbilanzen herum. Da sie ein Muster der Intransparenz darstellen, und sich alle vermeintlichen Entscheidungsträger ja neuerdings der Transparenz verpflichtet fühlen, wollen wir heute einmal schauen, wie es denn in dieser gar nicht so kleinen Nische der Bankbücher aussschaut.

Im Grunde sind Level 3 Assets Papiere, für die kein Markt und folglich keine beobachtbaren Preise existieren. Das gilt etwa für große Teile des Billionen Dollar schweren Segmentes verbriefter Kreditforderungen. Für eine Schätzung des Preises – ehrlicherweise kann in diesem Zusammenhang von „Bewertung“ keine Rede sein – greift man daher auf Annahmen des Managements des jeweiligen Halters der Papiere zurück. Das können Sie sich, wenn Sie mit Bilanzen nicht so viel am Hut haben, ungefähr so vorstellen. Sie werden im Rahmen einer Verkehrskontrolle angehalten und sollen sich einem Alkoholtest unterziehen. Leider gibt es kein Messgerät. Erstaunlicherweise wird jetzt keine offizielle Stelle, wie etwa der Beamte zu Rate gezogen, vielmehr dürfen sie selbst ran und schätzen nun ihre Fahrtauglichkeit ein. „Ikannofaaahrn“, wäre in diesem Falle wohl eine typische Einschätzung. Mit dieser Level 3 Fahrtauglichkeit könnten sie Sie sich dann wieder auf den Weg machen.

Zunächst einmal die detaillierte Formulierung, wie sich die Herleitung der Bewertung dieser Assets darstellt. Wer die Muße hat, kann ein bisschen in den Veröffentlichungen des FASB, des Financial Accounting Standards Board, blättern (http://www.fasb.org, zur so genannten Fair Value Bewertung: Statement No. 157).

So ist das also. Der Input für die Bewertung der Level 3 Assets besteht aus Annahmen darüber, welche Annahmen Marktteilnehmer für das Pricing und die Risikoeinschätzug verwenden würden. Ein interessanter Gedankengang, vor allem wenn man bedenkt, dass diese Bewertungsrichtlinie für ein Segment gilt, in dem es keine Marktteilnehmer gibt. Deshalb gibt es ja auch keine beobachtbaren Marktpreise. Im Grunde weiß man nicht mehr, über welche Beliebigkeiten man sich mehr aufregen soll, die der Ratingagenturen (siehe CMBS Rating Farce von S&P) oder die der Bilanzgymnasten.

Die Bedeutung dieser laxen, im englischen nicht zu unrecht auch mark-to-myth Bewertung bezeichneten Herangehensweise, dringt so richtig ins Bewusstsein vor, wenn man sich die Dimension der Level 3 Assets in den Bankbilanzen vor Augen hält. Auf Grund des nahen Wochenendes wollen wir uns den Schmerz ersparen, den die Einbeziehung der Versicherer verursachen würde.

Nimmt man die bedeutendsten 350 Finanzinstitute, die der entsprechenden Bilanzierungsregulierung unterliegen, so ergibt sich eine Gesamtsumme aller Assets von etwas über €23,3 Billonen Euro. Zur besseren Einordnung, das ist fast zehnmal das Bruttoinlandsprodukt der BRD. Das gesamte Eigenkapital der Institute liegt bei €1,16 Billionen. Erschreckend kommt nun die Summe der Level 3 Assets auf den Bilanzen der Institute daher, sie liegt bei €847 Mrd. Damit türmen sich in den Büchern der Banken Papiere einer fragwürdigen Bewertungskategorie, die in der Summe 73% des gesamten Eigenkapitals der Banken ausmachen.

Um einen Überblick zu bekommen, wer sich diese Kategorie besonders zu Nutze macht, hier ein Ausschnitt mit einigen an der Bilanz gemessen größeren Vertretern der Branche.

Jeder mag sich hier selbst ein Bild machen, ob öffentliches Auftreten und Qualität der Bilanz gewisser Institute so recht zusammenpassen. Beruhigend sind die Relationen jedenfalls nicht (markiert sind alle Werte, bei denen das Verhältnis von Level 3 zu Eigenkapital über 75% liegt).

Die Möglichkeit eines Ausweises als Level 3 bedeutet natürlich nicht, dass es allein diese Papiere sind, die mit zu hohen Werten in den Büchern lauern können. Es gibt natürlich zudem massive Bestände an Assets, die auf Grund ihrer Charakterisierung nicht zum Marktwert bilanziert werden müssen. Des Weiteren gibt es hilfreiche Umwege, wie etwa das Einfrieren von Bewertungen, wenn man halbwegs plausibel darlegen kann, dass man es mit einer Marktverwerfung zu tun hat (Beispiel Gebrüder Lehman).

Ist es nicht herrlich? Lauthals wird nach mehr Transparenz gerufen, an allerlei Produkten wird herumgekrittelt – teils zu recht, teils vollkommen ahnungslos – und gleichzeitig bleiben das Maß aller Intransparenz die Bilanzen derjenigen Branche, die man freimütig zu mehr Kreditvergabe, mehr Transparenz, gleichzeitig zu höherem Hebel (siehe neue EK Vorschläge) und zum Enthebeln der Bilanz auffordert. Irrsinn im Quadrat. Wenn jemand Transparenz will, sollte er bei den Bankbilanzen anfangen. Wenn er dort allerdings nicht viel mehr als Löcher findet, aus denen heiße Luft strömt, sollte er sich nicht allzusehr wundern.

Es bleibt dabei. Der unehrliche und intransparente Weg wird derzeit verfolgt. Die Vermeidung von Abschreibungen durch Verschleierung von Verlusten, die auf diese Weise nicht verschwinden sondern einfach in die nächsten Jahre verschoben werden, steht offensichtlich im Mittelpunkt. Gleichzeitig führt jede Lockerung der Eigenkapitalrichtlinien nicht zu einem geringeren sondern zu einem erhöhten Risiko und ist keine Basis für eine Stabilisierung des Systems. Nach dem alten politischen Muster wird bis zuletzt an gescheiterten Projekten wie Basel II und der unseligen Risikogewichtung nach Maßgabe von Ratings (lächerlich) und bankinternen Risikomodellen (…den Bock zum Gärtner machen) festgehalten.

Der ehrliche Weg zur Konsolidierung, wenn diese überhaupt angestrebt wird, führt nur über massive Eigenkapitalinjektionen in die Banken, entweder privat oder staatlich, letzteres nur über Beteiligung des Staates und nicht im Geschenkkarton. Der nötige Bedarf an Eigenkapital dürfte allerdings derart hoch sein, dass der Anteil des Staates wohl näher an 100% als an 25% liegen dürfte. Ob die Führung dieser Institute in die öffentliche Hand soll, ist eine andere Frage. Der Hinweis auf die desolate Lage zahlreicher öffentlicher Häuser, der gerne aus dem privaten Sektor angeführt wird, ist auch nur ein Teil der Wahrheit. Mit Ruhm bekleckert hat sich, jedenfalls unter den größeren Instituten in diesem Sektor, wohl niemand, weder öffentlich, noch privat. So hätte man die in der Vergangenheit abgelieferten Leistungen sicherlich auch für geringere Gehälter bekommen können.

Ob eine Konsolidierung überhaupt gelingen kann oder nicht, das wird sich zeigen. Der Zeithorizont jedoch, um den es geht, sollte nicht unterschätzt werden. Eine vollkommen aus dem Ruder gelaufene Kreditentwicklung, die sich über Dekaden aufgebaut hat, ist nicht in zwei oder drei Jahren zu beheben.

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