The Brain-Button

7. November 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Da können die Neurologen erzählen was sie wollen, diese Handelstage haben doch bewiesen, dass man das menschliche Gehirn auf Kommando komplett ausschalten und wieder einschalten kann. Irgendwo gibt es da offensichtlich einen Knopf, der auch noch ferngesteuert funktioniert. Und manch ein Fuchs an den Börsen scheint ihn gefunden zu haben…

Ich hatte in meinem täglichen Observer am Dienstagabend noch darüber nachgedacht, ob diese plötzliche Rallye unmittelbar vor der Wahl ein gezielter Versuch großer Adressen gewesen sein könnte, die Bären „plattzumachen“ und gutgläubige bullishe Anleger in die Märkte zu locken. Bis zur Mittagszeit gab es darauf keine Antwort, denn die Kurse hielten sich wacker oben. Und dann klappte der Aktienmarkt den Schirm zu …

Schon in der Nacht bewegten sich die US-Index-Futures außerordentlich seltsam. Zum Handelsende am Dienstag bröckelten die Gewinne zwar etwas ab, aber kaum wurde klar, dass Obama der Sieg kaum noch zu nehmen sei, rauschten diese Futures im asiatischen Handel nach unten und eliminierten den kompletten Gewinn des Vortages. Als die Wahl aber dann tatsächlich entschieden war, zogen die Kurse einfach wieder an. Wie kann das einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Wahl gehabt haben? Davon abgesehen, dass man schon einige Tage vorher darauf bauen konnte, dass der Amtsinhaber das Rennen machen würde, muss man doch rational betrachtet wirklich davon ausgehen, dass sich an der Wirtschafts- ebenso wie an der Notenbankpolitik nichts entscheidendes wird ändern können, weil man dort ohnehin keine Wahl hat. Daher gewann ich den Eindruck, dass dieses seltsame Auf und Ab, von dem nicht nur die Aktienmärkte, sondern vor allem auch Gold und Rohöl erfasst wurden, eine Kombination aus gezielten Aktivitäten großer Adressen und dem vor großen Ereignissen nicht abzustellenden Gezocke der Spielernaturen war. Aber:

Die leise Ahnung, dass da manch ein Bulle fröhlich in die Falle tappen könnte, erwies sich dann ja erst zur Mittagszeit als berechtigt. Warum? Merkte man erst da, dass die Demokraten zwar den Senat und die Präsidentschaft erobern konnten, nicht aber das Repräsentantenhaus … was das Regieren nicht gerade zu einem Kinderspiel machen wird? Eine kollektive Zeitverzögerung in der Wahrnehmung der Realität ist zwar entgegen der dummen Sprüche der Bullen (die Börse handelt die Zukunft, haha) an den Börsen völlig normal … aber das kann es diesmal kaum gewesen sein. Es gab zwei andere Nachrichten, die man als Argument für die plötzlich abrutschenden Aktienmärkte vorschob:

Zum einen sagte EZB-Präsident Draghi, dass die Eurokrise nun offensichtlich auch Deutschland erfasst habe. Da kann man schon mal erschrecken … wenn man zuvor zwei Jahre lang mit einer Käseglocke auf dem Kopf herumgelaufen ist. Diejenigen Marktteilnehmer, die diese Frischhalte-Methode für ihr Gehirn jedoch ablehnen, könnten in den vergangenen Monaten gemerkt haben, dass Indikationen wie Auftragseingänge der Industrie oder der ifo-Index genau das unübersehbar seit längerer Zeit anzeigen.

Und die zweite Nachricht schlägt in dieselbe Kerbe. Gerüchte würden umgehen, dass nun die Herabstufung der Bonität der USA durch eine oder mehrere Rating-Agenturen unmittelbar bevorsteht. Ach was? Natürlich hätten diese Agenturen ein Downgrade nicht wenige Wochen oder Monate vor der Wahl vorgenommen, sondern auf danach verschoben. Und dass es eine ganze Menge guter Gründe gibt, den USA das „AAA“ wegzunehmen, ist ebenfalls seit anno Pichelstein mentales Gemeingut. Es sei denn, die Sache mit der Käseglocke wäre auch in den USA verbreitet gewesen und/oder die Marktteilnehmer schalten schlicht in ergreifender Regelmäßigkeit das Gehirn aus, wenn es um negative Aspekte geht. Ist das so? (—> Seite 2)

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