The Biggest Short: Neuauflage der Subprime-Blase in einer völlig anderen Dimension?

4. Februar 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Eine Fehlentwicklung zu bemerken ist eine Kunst. Das Handwerk fängt an der Börse jedoch erst dann an, wenn man solch eine Idee auch umsetzten will. Denn das klassische Problem eines Bären ist die Zeit, die möglicherweise gegen ihn läuft, wenn er auf sinkende Kurse wettet.

Wunderbar zu sehen ist dies im kürzlich angelaufenen Film „The Big Short“. Die dort gezeigten Protagonisten erkannten bereits 2006 die Exzesse am US-Immobilienmarkt. Sie wetteten gegen die sogenannten Subprime-Papiere und konnten am Ende sagenhafte Gewinne einstreichen.

Was der Film jedoch auch zeigt: Investoren, die so etwas schaffen wollen, brauchen einen langen Atem. Beispielsweise ließ sich der Hedgefonds Manager Michael Burry, der im Film grandios von Christian Bale gespielt wird, spezielle Ausfallversicherungen (Credit Default Swaps) von den Banken kreieren. Als er mit dieser Idee bei den Investment-Banken anklopft, stößt er zunächst auf blankes Unverständnis. Denn wer sollte gegen sicher geglaubte Anleihen wetten wollen?

Er bleibt hartnäckig, die Banken wittern das Geschäft mit einem einzelnen verwirrten Dummkopf. Was sie vermutlich nicht wissen: Burry hatte bereits in akribischer Recherche die hinter den Anleihen stehenden Hypothekenfinanzierungen analysiert und deren dramatisch angestiegene Ausfallraten bemerkt. Doch obwohl seine Berechnungen völlig korrekt sind, brechen die Kurse der dahinter stehenden Anleihen nicht ein. Statt satte Gewinne zu realisieren, muss Burry laufende „Versicherungsprämien“ für seine Credit Default Swaps bezahlen.

Der Wert seines Fonds beginnt nach und nach zu sinken. Schließlich verlieren seine Anleger die Geduld und beginnen ihr Geld abzuziehen. Noch halten die Banken die Kurse der Schrott-Anleihen künstlich oben, allein schon, um noch selbst aus vergleichbaren Positionen auszusteigen. Erst im Frühjahr 2008 brechen die Kurse tatsächlich ein, am Ende schließlich fallen einstige Wall Street Größen wie Bear Stearns und schließlich Lehman Brothers in sich zusammen. Burry hat auf lange Sicht doch noch Recht behalten, die Gelder seiner Anleger haben sich vervielfacht. Doch der Erfolg war mit viel Geduld und noch mehr Schweiß erkauft (unsere Filmbesprechung zu „The Big Short“ mit Christian Bale, Steve Carell, Ryan Gosling und Brad Pitt finden Sie hier.

No-Brainer oder No-Go?

Fast ein Jahrzehnt später können Anleger eine ähnliche Fehlentwicklung ausmachen – und dies erneut am Bondmarkt. Statt eines „Big Shorts“ auf ein relativ überschaubares Anleihesegment lockt diesmal der „Biggest Short“ auf eine völlig überbewertete Anlageklasse: Europäische Staatsanleihen.

Mit Minuszinsen auf breiter Front müssen Anleger hier mittlerweile Geld mitbringen, wenn sie es z.B. der Bundesrepublik Deutschland leihen wollen. Deren Anleihen mit Laufzeiten von bis zu sechs Jahren rentieren mittlerweile negativ, Kurzläufer mit sechs Monaten sogar mit bis zu -0,4%.

Auch der Bund-Future, ein Termin-Kontrakt auf eine fiktive zehnjährige Bundesanleihe, notiert mit rund 164 Punkten bereits nahe an der Schwelle zur Minusrendite (wird mithilfe einer komplexen Formel berechnet).

BundFuture92

Ein Geschäft, das Anleger wohl einzig und allein in der Hoffnung auf Draghi und die EZB eingehen. Denn nur wenn eine negativ verzinste Anleihe später noch negativer rentiert, kann sich solch ein Kauf tatsächlich lohnen. Denn gleichzeitig drohen Deutschland im Fall einer wirtschaftlichen Schwächephase Steuereinnahmen wegzubrechen, von den notwendigen Kosten für die Bewältigung der Flüchtlingskrise ganz zu schweigen.

Um in der Sprache der Bond-Profis zu bleiben: Die Bonität der Bundesrepublik dürfte ihren Zenit erreicht, wenn nicht sogar überschritten haben. Gegen deutsche Minuszinsen zu wetten scheint also eine risikolose Strategie zu sein.

Anders als die handelnden Personen in „The Big Short“ braucht es für diesen „Biggest Short“ noch dazu keine komplizierten Finanz-Konstrukte, um gegen den Verfall der Bondmärkte zu setzen. Mit dem Bund-Future ließe sich dies in einem der liquidesten Terminkontrakte der Welt verhältnismäßig einfach realisieren. Im Gegensatz zu 2008 haben Anleger jedoch mit der Zentralbank einen mächtigen Gegner – und diese interveniert direkt in dem Markt, den Anleger leerverkaufen könnten.

Während die Federal Reserve 2008 erst dann intervenierte, als der Subprime-Markt bereits in die Knie gegangen war, brachte die EZB die Staatsanleihen erst in die luftigen Höhen, in denen sie heute notieren. Und sie besitzt mehr als tiefe – theoretisch sogar unendlich tiefe – Taschen. Anleger sollten also an Michael Burry und seine schlaflosen Nächte denken, die ihm seine an sich richtige Idee 2006 einbrachte. Gleiches könnte Investoren drohen, die sich heute schon mit richtigen Argumenten gegen die gigantische Blase an den Anleihemärkten stellen.

Zu den Märkten

Dass der DAX in den Baisse-Modus umgeschaltet hat, ist immer offensichtlicher. Die jüngste Gegenbewegung trug den deutschen Leitindex nicht einmal mehr in den Bereich von 10.500 Punkten, wo es eine massive Widerstandszone gibt. Stattdessen ging dem DAX bereits unter 10.000 Punkten erneut die Luft aus.

Der Index markierte damit erneut ein niedrigeres Zwischenhoch, was tendenziell einen intakten Abwärtstrend bestätigt. Charttechnisch sieht es ebenfalls nach einer Umkehrformation aus.

Gleichzeitig zeigte jedoch in den letzten Wochen das lange verschmähte Gold neue Stärke. Das neue Jahr beginnt, was die Entwicklung von Aktien und Gold betrifft also mit umgekehrten Vorzeichen. Auch langfristig betrachtet sieht es hier nach einer relativen Bodenbildung aus, wie unsere Grafik der Woche vom letzten Donnerstag zeigt.

Die mehrjährige relative Underperformance des gelben Metalls scheint demnach ein Ende zu finden, auch wenn dies im Umkehrschluss noch nicht automatisch steigende Goldpreise bedeutet. In Zusammenarbeit mit einem namhaften Zertifikate Emittenten versuchen wir diese Relativbewegung übrigens in Kürze investierbar zu machen. Mehr dazu werden Sie im nächsten Smart Investor lesen, der Ende Februar erscheint.

Fazit

Die Blase in den europäischen Staatsanleihen geht in eine neue Runde. Massive Minuszinsen lassen diese Entwicklung fast schon surreal erscheinen. Und dennoch lehren Geschichten wie im Film „Big Short“ vor allem Demut im Umgang mit Marktbewegungen. Denn nur weil etwas richtig ist, muss es noch nicht sofort richtig sein…

© Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

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