Teure Opfer

18. Januar 2009 | Kategorie: Kommentare

Das Jahr wird teuer, sagte mir ein Freund beim Abendessen. Es wird nicht nur viel Geld an den Börse kosten, sondern auch viele Nerven. Manch einen kostet es seine wirtschaftliche Existenz, viele der Otto Normalverbraucher wohl ihren Job. Die Nachrichten von einer absaufenden Wirtschaft haben inzwischen auch unseren Arbeitsminister Olaf Scholz erreicht. Er ist dabei, eine 180-Grad-Wendung hinzulegen. Dabei geht er sehr sehr langsam vor, wie ein dicker Tanker mit einem defekten Antrieb. Seine Einlassungen vom Wochenende erinnern eher an Beschwörungsformeln aus einem Zauberministerium, und nicht an Gedanken eines Mannes, der seine Materie verstehen müsste. Doch auch seine Lernkurve steigt.

Apropos Nerven. Die Psychologen an den wichtigen Finanzplätzen haben alle Hände voll zu tun. Sie müssen die in alle Richtungen feuernden Synapsen beruhigen. Im Gegensatz zu den Autobauern herrscht hier Hochkonjunktur, und das nicht erst seit ein paar Wochen. Auf den Karriereleitern ist es eng geworden. Dass es da im Kampf um die Sprossen zu Kollateralschäden kommt, verwundert nicht. Und dass in diesen härter werdenden Zeiten immer mehr von dieser Leiter fallen, wundert ebenso wenig. „Und dann sitzen sie bei mir mit ihren teuren Taschen vom coolsten Designer unterm Arm und blicken mich aus leblosen Augen an“ – berichtet mir ein guter Freund, ein Psychologe.

Die Zeit des Herdentriebs, angeheizt durch Versprechungen auf Wohlstand, Macht und Reichtum scheint eine Auszeit zu nehmen. Statt rotierender Gedanken, auf den Leitern etwas höher zu fallen, sind viele bestrebt, sich an die Sprossen fester zu krallen. Vor dem Einschlafen werden deshalb gedanklich die Messer geschliffen, um die dem „Mitbewerber“ am nächsten Morgen in die verletzlichsten Stellen zu versenken.

Vielleicht laufen ja im nächsten Frühling weniger der dynamischen Menschen durch die Stadtparks – schon morgens um 5 Uhr. Vielleicht können viele „Entscheider“ oder die, die sich dafür halten, einfach auch nur ausschlafen? Ist das nicht schön? Wer bislang erfolgreich sein wollte, musste nicht nur klug sein und eine großartige Vita vorweisen, er musste auch hübsch sein. Kein Wunder, dass die Doktoren ihrer Kundschaft im Zentrum von Frankfurt gerne ihre Dienste anboten. In den Zeitschriften las ich neulich beim Zahnarzt von Statistiken, in denen große und hübsch gebaute Menschen mit vollem Haar mehr Karriere machen, als die Kleineren mit Geheimratsecken. Oh, mögen sich die Zeiten ändern, sagte kürzlich meine Oma, die mit ihren 83 Jahren von vielen dieser dynamischen Leute im Stadtpark beim Spazieren überholt wurde.

Vielleicht normalisiert sich ja auch wieder unsere Sprache. Verbal geschickt unterwegs, von einem Team Meeting, zur nächsten Konferenz eilend, den Blackberry in der einen Hand, in der anderen ein Aufputschmittel, fragte ich mich, ob Menschen auch immer nur einatmen können, ohne zu platzen. Zielstrebig hebt man sich in Frankfurt gekonnt mit Anglizismen ab, mit Fremdworten und zynischer Geschliffenheit, als ob im Zoo zu einer großen Tombola geladen worden wäre. Doch so steht es ja in den Karriereheften. Eine nette Lektüre, ein Art „Titanic“ für Otto Normalverbraucher und vor allem Grund zur Erheiterung auf dem Weg durch den Alltag. Steht dort etwa bald als neuer Trend das Wort „Entschleunigung“?

Mit 180 Sachen unterwegs, gingen viele der coolen, gut bezahlen Manager ans Werk, sahen sich als Akrobaten der Finanzmärkte und begannen Subprime zu kaufen, verkalkulieren sich mit ihren Formeln, gingen Wetten ein und forderten die Götter heraus, die ihnen nun die Lektionen erteilen, die sie offenbar nötig haben. Ja, liebe Leser. Wohin ich schaue, es fließt Blut. Das Schlachtfeld ist woanders, mitten unter uns. Nicht dass es sichtbar wäre, aber es ist spürbar. Dank der Airbags geht die Sterberate im Straßenverkehr deutlich zurück. Doch wo gibt es Airbags für Karrieremenschen?

Zum Glück kam es nicht mehr dazu, dass es schick gegolten hätte, mit 35 seine erste Pleite und den ersten Burnout in der Vita stehen zu haben. Entschleunigung… Statt größer, schneller und dynamisch wird es kleiner, langsamer und normaler heißen. Warum sollte man der zukünftigen normaleren Normalität nicht auch etwas Gutes abgewinnen können? Und die Psychologen? Naja. Die wären dann wohl weniger nötig als heute.

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