Technologie – Verdrängt, verplant, verpennt.

2. Juni 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die letzten Jahrzehnte waren reich an technischen Veränderungen, die zur Abschaffung ganzer Branchen geführt haben. Ganze Industriezweige hat es erwischt, man denke an den Kleinbildfilm und analoge Kameras oder die Musikindustrie vor der mp3-Welle. Jetzt ist die Autobranche dran.

Was viele untergegangene Unternehmen und Sektoren eint ist die mangelnde Vorstellungskraft hinsichtlich des eigenen Untergangs. Zugegebenermaßen ist es kein Spaß, sich den Abstieg in die Bedeutungslosigkeit vorzustellen, aber es kann durchaus Freude bereiten, sich an neue Zeiten rechtzeitig anzupassen. Das ist aus Gründen der Bequemlichkeit nicht ganz so einfach, denn zur üblichen Trägheit und mangelnden Fantasie gesellt sich ein enormes Beharrungsvermögen gerade größerer Unternehmen. Jeder, der ein bisschen Unternehmergeist hat und sich ein paar Jahre als Angestellter eines Großkonzerns verdingt hat, wird das leidvoll erfahren haben. Dazu sagte Frank Thelen in einem Interview mit Wired:

(Wired, Frank Thelen) Wir haben heute noch Unternehmensführer, die in erster Linie Chefs sind. Die sitzen auf Vorstandsetagen mit fünf Sekretärinnen, die die Wirklichkeit draußen halten. Status wird höher bewertet als das Machen und Tun. (…)

Die sitzen da halt, sind auf ihren Posten unter anderem gelandet, weil sie die richtigen Anzüge getragen haben, morgens immer pünktlich waren und irgendwann mal irgendein Optimierungsprojekt toll hinbekommen haben.

Die Realität wird draußen gehalten, das ist ein wunderbar zutreffender Satz, der uns auch aus der Finanzbranche bestens bekannt ist. Einschränkend zu den obigen Zeilen mag man anmerken, dass es viele auch ohne erfolgreich abgeschlossenes Projekt geschafft haben. Vielfach ist es wichtiger, nicht mit einem gescheiterten Projekt in Verbindung gebracht zu werden, was den großen Verschiebebahnhof der Verantwortlichkeiten erklärt, den es in jedem größeren Unternehmen gibt. Eine trostlose Einstellung mit ebenso trostlosen Zukunftsperspektiven.

Es ist schwer gegen die formellen und vor allem informellen Prozesse innerhalb eines großen Unternehmens anzuschwimmen. Dazu gesellen sich des Öfteren Damen und Herren, die ihre vermeintlich besten Jahre mit dem Weg durch die Führungsebenen verbracht haben und sich dann im fortgeschrittenen Alter manchmal nur noch wünschen, es möge doch bitte jetzt ein paar Jahre so bleiben wie bisher. Immer schön ein paar neue Modelle auf den Markt werfen, die Ingenieure zum mechatronischen Finetuning anhalten und dazu noch den von außen verstellbaren Innenspiegel und die ansprechbare Kofferaumklappe verbauen.

So entspannt wird es wohl nicht weitergehen, aber auch selbstfahrende Wagen mit Elektomotor brauchen schließlich einen Kofferraum. Zündkerzen, Pleuelstangen, Nockenwellen, Getriebe, Zahnriemen, Zylinkderkopfdichtungen, Einspritzpumpen, Lamdasonden, Katalysatoren, Benzinleitungen, Abgasrohre, Ölpumpen und vieles andere mehr brauchen sie allerdings nicht. Während zurecht auf die vielen ungeklärten Fragen hinsichtlich der Sinnhaftigkeit des Elektroantriebs generell sowie der für diesen Antrieb benötigten Rohstoffe im Speziellen hingewiesen wird sollte man nicht vergessen, dass die Rohstoffe, die für den Verbrennungsmotor benötigt werden, dann eben nicht mehr auf der Einkaufsliste stünden. Auch die Komponenten eines modernen Verbrennungsmotors und alles was daran hängt kommen nicht vom Biohof.

Wie hart und schnell Veränderungen über Märkte kommen können verdeutlichen die folgenden Zahlen die Entwicklung des Musikmarktes weg von der Schallplatte und CD über die Datei hin zum Streaming.

(Billboard) reports that streaming revenue from services like Spotify, YouTube, Apple Music and Pandora is leading the way with revenue of $3.93 billion, up 68.5% from 2015. That figure tops the total of downloads, CDs and vinyl sales combined, which together brought in $3.51 million.

To say that’s a huge shift would be an understatement: the industry that once railed against streaming services now counts on them as their primary revenue stream. That revenue shakes down to artists, too, who are finally seeing significant income from streams even though the per-stream payouts remain low, at an average of $0.0072.

Das sind deutliche Zahlen und noch deutlichere Implikationen. Man benötigt keine Pressen für Schallplatten, keine CD-Fabrikation, keine Booklets und keinerlei Verpackung. Da lacht der blaue Engel. Bemerkenswert ist auch die steigende Geschwindigkeit der Veränderung in den letzten Jahren. Man sollte also nicht auf allzuviel Zeit hoffen, wenn man sich gegen technischen Fortschritt sperren möchte.

Von weiteren hundert Jahren, in denen der Verbrennungsmotor noch den Standard darstellt, geht auch in Deutschland wohl niemand mehr aus. Aber mit 20 Jahren plant doch so mancher immer noch. Das mag daran liegen, dass die meisten so genannnten Entscheider bis dahin in Rente sind und dann in ZEIT und FAZ über die dann aktuellen Probleme schwadronieren können, deren Verursacher sie ob ihrer heutigen Schläfrigkeit natürlich selber sind. Immerhin beginnen die Ingenieure und (vielleicht auch, aber unwahrscheinlich) die Manager der großen Zulieferer und Autohersteller so langsam ihre Gedanken zu machen, wie es denn um die Nachfrage nach so manchen Teil stehen wird, wenn sich das Elektroauto durchsetzen sollte. Mit der doppelten obenliegende Nockenwelle kann man auf der Gebrauchtwagenbörse dann jedenfalls nicht mehr protzen.

„Mach Dir keine Sorgen, mein Freund. Der Verbrennungsmotor wird noch lange unentbehrlich bleiben. Wer etwas anderes behauptet, der glaubt auch an digitale Fotoapparate oder Mobiltelefone, die in die Hosentasche passen.

Während sich so manches Stück Infrastruktur in der Zeit rückwärts zu entwickeln scheint, ist die technologische Dynamik in vielen Bereichen so schnell wie nie zuvor. Das sollte man nicht unterschätzen, auch wenn der Mensch mit nichtlinearen Abläufen so seine Probleme hat. Wer nicht aufpasst, der merkt bald wie schnell aus  „behind the wheel“ ein weniger schönes „behind the curve“ wird. Überlassen wir das letzte Wort heute daher Frank Thelen:

(Wired, Frank Thelen): Wir kriegen wir das große Denken in die Köpfe unserer Ingenieure rein? Nicht so sehr in die der Betriebswirte, von denen haben wir eh schon zu viele. Nein, wenn dann werden unsere Ingenieure dieses Land in die Zukunft führen.

Wir drücken den geschätzten Ingenieuren die Daumen, Zeit wird es.

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