Orwell rotiert! Freiheit gegen Sicherheit tauschen

12. Juni 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer

Was gibt’s Neues? Das Sommerloch ist mit Wasser gefüllt, so braun, schmutzig und dreckig wie Flut in Ostdeutschland und mindestens auch so widerlicher wie das US-Generalüberwachungsprogramm PRISM zum Schutz des Imperiums vor seinen eigenen Bürgern und den Rest der Welt. Orwell kommt auf die Bestseller-Listen zurück…

Na schaue an! Orwells Buch „1984“ ist plötzlich wieder auf dem Weg zum Bestseller bei Amazon. Es sprang in der Rangliste von Platz 1.576 auf auf 355. Grund dafür sind die völlig überraschenden Erkenntnisse über die noch überraschendere Datensammelwut der US-Regierung. „1984“ taucht heute auf dem 18. Platz unter der Liste der Aufsteiger auf. 

aufsteiger„Diejenigen, die bereit sind grundlegende Freiheiten aufzugeben, um ein wenig kurzfristige Sicherheit zu erlangen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.“ (Benjamin Franklin)

Imperien hatten immer schon die Angewohnheit, sich mit entsprechenden Größe sich nicht nur gegenüber der restlichen Welt zu schützen, sondern auch vor den eigenen Bürgern. Früher waren die Regierungen noch gläsern, heute sind es die Bürger. Schreiben Sie das niemals auf Facebook! Sie werden es bereuen. Die Angst muss groß sein angesichts des gigantischen PRISM-Überwachungs-Projekts, was auf eine dunkle Zukunft hindeutet. Auch hier reimt sich die Geschichte. Aller Optimismus ist fehl am Platze. Doch US-Bürger stören sich laut einer repräsentative Umfrage der „Washington Post“ sogar weniger am Big Brother als noch vor zehn Jahren.

Der „USA Patriot Act“ vom 25.Oktober 2001, sechs Wochen nachdem Flugzeuge ins das World Trade Center gesteuert worden waren, räumte der US-Regierung weitreichende Befugnisse. Dieses Gesetz ebnete auch den Weg, Freiheit gegen Sicherheit auszutauschen.

Der „Staat“, so zumindest mein sicherlich politisch unkorrektes Bild, hat eigentlich die Pflicht, seine Bürger zu schützen, Verbrecher zu fangen und zu bestrafen. Hier geht es aber nicht nur um den Schutz der Bürger, sondern vor allem um Gefahrenabwehr für die Regierung. Das jetzt bekannt gewordene Ausmaß der Datensammelei lässt vermuten, die US-Regierung sieht allen US-Bürgern potentielle Verbrecher. Damit nicht genug. Laut „Guardian“ gehört unter anderem Deutschland zu den Ländern, aus denen die meisten Daten gesammelt werden, was sicherlich an unserer Gastfreundschaft liegen mag. 

Landen eigentlich diese Zeilen gleich nach Veröffentlichung auch im PRISM-Datenzentrum? Sicherlich! Schöne Grüße dorthin! 

Ich warte auf den Tag, an dem mich mein Computer beim Tippen von Mails und Kolumnen vor mir selbst warnt: „Na Frank? War das gerade angemessen? Oder politisch korrekt? Bist Du Dir sicher, das an einen Freund zu senden oder zu veröffentlichen? Möchtest Du darüber nicht noch einmal nachdenken? Hast Du Dir nicht ein glückliches Leben gewünscht? Du weisst doch, das Wort Freiheit darf seit Jahresbeginn aus Sicherheitsgründen nicht mehr benutzt werden…! Wir werden viele sinnlose und Gespräche miteinander führen – mit ungleichen Waffen, während die Leute auf den Straßen mit Google-Brillen die Welt durchpflügen und in Echtzeit ihre Daten an PRISM schicken, ahnungslos Mails schreiben und die ausprobierten Apfelkuchenrezepte auf Facebook posten – und heimlich mitteilen, wer und was wir sind und mit wem wir was zu besprechen haben – was wir denken und was wir fühlen. Herrliche neue Welt! Nicht wahr? 

Ich bin mir nicht sicher, ob schon ein Drittel der Leute hierzulande von der grenzenlosen Überwachung in den USA etwas mitbekommen hat oder jemals diese Quote erreicht werden wird. Die Mehrheit wird wie gewohnt sagen: „Wer nichts zu verstecken hat?“ Und das ist der Punkt: Es trifft immer wieder anderen, aber nie einen selbst. Die Hochwasserflut ist ein aktuelles Beispiel dafür. Und wenn es einen selbst trifft, dann sagen die anderen, es ist ja ein anderer… (Seite 2)

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