Tanzen, solange die Musik spielt

12. Oktober 2013 | Kategorie: Gäste

von Claus Vogt

Wer es mit einem 30-Tonner über eine Brücke schafft, die nur für 7,5 Tonnen ausgelegt ist, der hat Glück gehabt. Er ist weder ein Genie, noch hat er das Richtige getan – es sei denn, dass ihn diesseits der Brücke ein schlimmeres Schicksal erwartet hätte als bei ihrem Zusammenbruch…

…denn der Einsturz der Brücke war ja nicht garantiert, sondern unter den gegebenen Voraussetzungen lediglich wahrscheinlich.
Mit diesem Bild wird mein den Finanzmärkten angemessenes Denken in Chance-Risiko-Verhältnissen sehr gut zum Ausdruck gebracht. Den meisten Menschen ist dieses Denken allerdings fremd. Solange die Kurse steigen, glauben sie, dass die Bullen das Richtige getan haben.

Aber so einfach ist die Sache eben gerade nicht: Wenn einem Kursanstieg ein unverhältnismäßig hohes Risiko gegenüberstand, dann hatten die Bullen einfach nur Glück, dass in diesem konkreten Fall nicht das Wahrscheinliche eingetreten ist. Und wenn sie dauerhaft unattraktive Chance-Risiko-Verhältnisse ignorieren, dann müssen sie den Gesetzen der Statistik folgend entweder – wie Indiana Jones in seinen Abenteuern – das Glück gepachtet haben, oder sie werden früher oder später heftig unter die Räder kommen.

Das Finanzgedächtnis der meisten Menschen ist kurz

Diese Erfahrung durften viele unbedarfte Anleger an den Aktienmärkten von 2000 bis 2002 und dann noch einmal von 2007 bis 2009 machen. Inzwischen ist die Erinnerung daran längst wieder verblasst, denn das Finanzgedächtnis der meisten Menschen reicht erstaunlicherweise selten über zwei bis drei Jahre hinaus. Und nichts scheint verlockender zu sein als die Sirenengesänge der Bullen in der Endphase eines zyklischen Aufwärtstrends – mit Ausnahme der Sirenengesänge der Bullen in der Endphase eines langfristigen Aufwärtstrends.

Aber kann man Chance-Risiko-Verhältnisse an den Aktienmärkten überhaupt messen? Die vor allen bei Universitäts-Professoren weit verbreiteten Anhänger der Random-Walk-Hypothese verneinen diese Frage. Sie vertreten die Meinung, dass Aktienkurse einer statistischen Zufallsverteilung folgen und deshalb nicht prognostizierbar sind.

Große Teile der Finanzindustrie haben diese These mit offenen Armen aufgenommen. Sie nutzen sie als Argument, um ihren Kunden immer den Kauf von Aktien zu empfehlen. So schwer es mir fällt, das einzugestehen, aber diese weit verbreitete Vorgehensweise begründet tatsächlich ein tragfähiges Geschäftsmodell: es funktioniert! Denn die meisten Anleger sind nicht dazu bereit, einen Fondsmanager oder Vermögensverwalter zu bezahlen, wenn dieser die ihm anvertrauten Gelder nicht umgehend investiert, sondern – auf Chance-Risiko-Verhältnisse achtend – zum Abwarten rät.

Tanzen, solange die Musik spielt

Viel kundenfreundlicher in diesem zugegebenermaßen etwas kuriosen Sinne – und obendrein auch sehr viel einfacher – ist es stattdessen, immer bullish zu bleiben, immer Aktien zu kaufen, immer voll investiert zu sein und nicht auf Chance-Risiko-Verhältnisse zu achten. Charles Prince, der ehemalige Vorstandsvorsitzende der damals größten Bank der Welt, der Citibank, hat es kurz vor Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007 auf den Punkt gebracht, indem er sagte: „Wenn die Musik aufhört zu spielen – im Sinne von Liquidität -, dann werden die Dinge kompliziert. Aber solange die Musik spielt, musst du aufstehen und tanzen. Wir tanzen noch.“

Wie dieser Tanz endete und wie kompliziert es tatsächlich wurde, das wissen Sie wahrscheinlich noch. Die Citibank-Aktie notierte damals bei 51,60 Dollar. Bis Ende Februar 2009 war sie auf 1,40 Dollar gefallen, und die Bank wurde schließlich auf Kosten des Steuerzahlers vor dem Bankrott gerettet. Mit anderen Worten: Der zwischenzeitlich geschasste wilde Tänzer Prince hatte die größte Bank der Welt ruiniert.

Wie alle anderen Dauerbullen der Welt tröstete er sich, seine Aktionäre und seine Kunden mit der lächerlichen Behauptung, niemand habe auch nur im Entferntesten ahnen können, wie schlimm es kommen werde. Dabei gab es durchaus Analysten, die nachweislich frühzeitig und sehr konkret auf die damals vorhandenen Risiken hingewiesen hatten. Gegen die süßen Sirenengesänge der Berufsoptimisten konnten sie sich aber nicht behaupten. Und nachdem das Kind dann in den Brunnen gefallen war, wollte das Heer der Bullen natürlich auch nicht an die Existenz dieser weitsichtigen Mahner erinnert werden.

Citibank-Aktie, 2007 bis 2009

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Der Aktienkurs der damals größten Bank der Welt fiel um 98%. Sie wurde dann auf Kosten des Steuerzahlers vor dem wohlverdienten Untergang gerettet. Quelle: www. decisionpoint.com

Sie tanzen schon wieder auf dem Vulkan

Nachdem dieser wilde Tanz ein so unerfreuliches Ende genommen hatte, tat die Zentralbanknomenklatura ab Ende 2008 alles in ihrer geldpolitischen Macht Stehende, um möglichst umgehend eine neue Tanzveranstaltung auszurichten. Und tatsächlich tanzen sie seither wieder… (Seite 2)

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9 Kommentare auf "Tanzen, solange die Musik spielt"

  1. samy sagt:

    Moin,
    irgendwie muss ich nach dem Voigt-Artikel an den Totentanz denken. Ein klassisches Thema. „http://de.wikipedia.org/wiki/Totentanz“
    In der Geburt wohnt bereits das Ende. Somit ist alles zyklisch.
    Eine Random-Walk-Hypothese ist nur denkbar, wenn das Ende auf einem Zeitstrahl gleich verteilt ist. Somit gäbe es keine Zyklen. Bis zu einem gewissen Punkt stimmt das, denn das „Wann“ ist immer ungewiss. Es kommt aber auf unserem Zeitstrahl wahrscheinlich (!) nicht überraschend. Ein alter Mann weiß das.
    1929, als in den USA die Depression Einzug hatte, unterhielt Disney sein Publikum mit diesem Short-Film. Zufall oder ein Zeitzeichen?
    „http://www.youtube.com/watch?v=h03QBNVwX8Q“
    (Das Krähen des Hahnes (Wappentiers der Franzosen) beendet den Tanz. Holland rüttelt die Märkte wach? 🙂 🙂 🙂 )

    Hier noch ein Tanz, vermutlich eines verstorbenen amerikanischen Finanzministers oder so, dass legt zumindest Musikgeschmack und Gestik in Minute 0:44 nahe. 🙂

    „http://www.youtube.com/watch?v=_KL2gri2FoM“

    Schönes Wochenende noch. … und schaut immer mal nach, wer euch da gerade im Tanz des Lebens die Hand führt … Halloween ist schon verdammt nahe 😉 🙂 😉

    VG

  2. wolfswurt sagt:

    Der vermeintliche Tanz der Anleger ist nur ein Symptom für den wirklichen Tanz auf dem Vulkan.
    Dieser Tanz drückt sich in der Reproduktionsrate von mehr als 200.000 tausend Menschen pro Tag aus, welcher den von der Natur bereitgestellten Gabentisch permanent verkleinert.
    Kurse, Anlagemöglichkeiten oder Währungsformen werden in absehbarer Zeit keinerlei Rolle mehr spielen.
    Physische Nahrung wird das oberste Gebot der Stunde sein, die uns allen schlagen wird.

    • wolfswurt sagt:

      200.000 sind der Überschuß also die Zunahme.

    • bluestar sagt:

      @wolfswurt
      Dazu fällt mir folgende Indianische Weisheit ein:
      „Erst wenn der letzte Baum gerodet,
      der letzte Fluss vergiftet
      und der letzte Fisch gefangen ist,
      werdet ihr feststellen,
      dass man Geld nicht essen kann.“

      • wolfswurt sagt:

        Das ist m.M. nach eine Illusion und Hoffnung nach dem Motto: solange man noch einen Baum sieht ist alles gut.

        Der Zusammenbruch der Zivilisation kommt leider viel früher als es uns allen lieb sein kann.
        Mit grünen Bäumen, Fischen in den Flüssen und Papiergeld in der Tasche.
        Und warum?
        Weil unser Großhirn nicht in der Lage ist, langfristig kluge Entscheidungen zu treffen.
        Gleichfalls unterliegt es, wie alles, dem natürlichen Erschöpfungsprozeß. Diese Erschöpfung können wir heute schon wahrnehmen in den Bereichen der Technik, siehe Fukushima oder die sich häufenden Probleme mit der Elektronik, an der schwindenden Immunisierung bei Mensch und Tier(Massentierhaltung nur mit Antibiotika aufrechtzuerhalten), an der schwachen psychischen Verfassung im Aushalten vom Anblick der Unfallopfer(Psychologen stehen Feuerwehr bei Einsätzen zur Seite) der mangelnde Überblick von Wissenschaftlern(jeder kennt sein Spezialgebiet aber keiner ist in der Lage die Spezialgebiete zu einer Gesamtschau zusammen zu fügen) usw. u.s.f.

        Wir waren in der Lage unseren Lebensraum weg von natürlichen Auslesebedingungen zu gestalten nur werden wir diesen Zustand nicht halten können.
        Der Umstand, daß in allen Bereichen unser Leben von einer einzigen Entdeckung, dem Strom, abhängt, zeigt, an welchem seidenen Faden wir baumeln.

        Und natürlich ist es keiner Zivilisation vor uns gelungen die erreichte Höhe auch nur ansatzweise länger als 5 Generationen zu halten.
        Bevor alle Bäume verschwunden sind hat die Menschheit schon lange aufgehört zu existieren.

        • bluestar sagt:

          @wolfswurt
          Die Indianische Weisheit ist kein Blick in die Zukunft und die Reihenfolge der Abläufe, sondern soll nur das zur Selbstzerstörung neigende Verhalten der sogenannten „zivilisierten und klugen“ Menschheit aufzeigen. Ein Leben weit ab vom natürlichen Lebensraum oder gegen ihn ist auf Dauer nicht möglich.
          Dabei haben wir uns mittlerweile sehr weit von der Natur entfernt und feiern das als großen Fortschritt, obwohl damit die Anfälligkeit für den Niedergang zunimmt.
          Wenn das menschliche Großhirn wie Sie meinen „nicht in der Lage ist langfristig kluge Entscheidungen zu treffen“ dann gibt es auch langfristig keinerlei natürlichen Selektionsvorteil der gegenüber sonstigen Lebewesen.
          Und der von Ihnen beschriebene Erschöpfungsprozeß kommt schon nach 100.000 Jahren Existenz des Menschen, das ist im Vergleich zu anderen Lebewesen mit der Existenzdauer von vielen Millionen Jahren wirklich bisher kein Erfolgsmodell.
          Mal sehen, was die Kraft der Evolution für die Menschheit bringt…

  3. samy sagt:

    N’abend,

    nicht das der WeltArtikel viel Neues brächte, aber inzwischen bringen es die Banker auf den Punkt.

    „http://www.welt.de/wirtschaft/article120866300/Es-gibt-kein-Leben-nach-einem-US-Zahlungsausfall.html“

    Anshu Jauin wird hier mit den Worten zitiert „Es gibt kein Leben nach einem US-Zahlungsausfall“

    Bumm, zack und aus. Kein Raum für Interpretationen. Dann endet der Tanz.

  4. Lickneeson sagt:

    Sehr geehrter Herr Vogt, ich lese ihre Analysen stets mit grossem Interesse.Nicht weil ich mich auf den grossen Zusammenbruch freue, sondern weil ihre Analysen fundiert und langfristig ausgerichtet sind.Weiter so!

    Für die meisten ist das Auseinanderlaufen von Realität (Schuldenexplosion etc.) und Aktienhöchstkursen nicht nachvollziehbar, aber solange der Markt läuft schauen die Investierten sicher mitleidig und spöttisch auf die Zuschauer (Bären). Ähnlch den Sparern, wenn mal wieder ein Crash losbricht.

    So ist die Medienlandschaft nun mal. Wenn es kollabiert, werden Sie sich vor Interviewanfragen und Vortragsterminen nicht mehr retten können, bis dahin müssen Sie das mitleidige Grinsen der Masse ertragen.

    Zu dem indianischen Sprichwort:

    Es war, ist und wird immer sinnlos bleiben, dem „zivilisierten“ Menschen davon zu überzeugen, das „mehr“ eben langfristig „weniger“ bedeutet. Gerade das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ hat sich in seiner Geschichte vor allem durch „Wortbruch“, „Vertragsbruch“ und eine „ungeahnte Ignoranz“ gegen andere hervorgetan. Und wenn man sich anschaut, welche Rolle die USA heute global beansprucht, so ist es dabei geblieben. Keinerlei Lerneffekte, bzw. Reue oder Demut sind erkennbar. Und genau das wird ihren Untergang bedeuten, der bereits eingeläutet ist.

    Sehr interessante Literatur dazu :

    Dee Brown „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“
    James M. Mc Pherson „Für die Freiheit sterben“

    Letzteres Werk bietet einen sehr interessanten Blick in die Entstehung der USA, „the land of the free“….da wird einem wirklich schlecht.

    MfG

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