Tal der Rituale: Wie wir die Äußerungen aus Jackson Hole interpretieren

1. September 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Schon die Indianer nutzten das weitläufige Tal Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming für Rituale und zur Jagd. Daran hat sich, wie das Treffen der Notenbanker in Jackson Hole in der vergangenen Woche gezeigt hat, bis heute nicht viel geändert.

Zu den rituellen Handlungen gehört das Reden über einen steigenden Zins. Das praktiziert die Fed-Chefin Janet Yellen nun schon seit geraumer Zeit. Auch den Mini-Zinsschritt um +0,25% im Dezember 2015 kündigte sie mehr als ein Jahr lang an – wieder und immer wieder.

Es darf bezweifelt werden, dass dieser Zinsschritt tatsächlich ernsthafte praktische Auswirkungen auf die amerikanische Volkswirtschaft hatte. Bei dieser Art von Politik geht es um Symbole. Das wesentliche Signal, das eine angekündigte(!) Zinserhöhung senden soll, ist das von Normalität. Denn wenn ein „kräftiger Aufschwung“ irgendwann heiß zu laufen droht, dann schreitet die weise Notenbank ein und erhöht den Zins – „s’war immer so, s’war immer so“.

Zwar wäre mit einer echten Zinserhöhung auch das mühsam gepäppelte Konjunkturpflänzchen sofort kaputtgetreten, das wesentlich bedeutsamere Hindernis gegen nennenswert positive Zinssätze sind aber die aktuellen Schuldenstände.

Die Zinslasten wären für das Gros der (staatlichen) Megaschuldner schlicht nicht mehr darstellbar. Die Verlangsamung des Wachstums der Staatsschulden ist nämlich alleine dem künstlich gedrückten Zins, nicht aber dem haushälterischen Geschick irgendeines Finanzministers geschuldet. Muss man den Zins auf der einen Seite dauerhaft niedrig halten und will auf der anderen Seite den Eindruck einer florierenden Wirtschaft erzeugen, liegt die Lösung auf der Hand: Die Verantwortlichen reden nur über Zinserhöhungen, ohne ernsthaft etwas in dieser Richtung zu unternehmen – und reden und reden und reden. In diesem zentralen Punkt unterscheidet sich der aktuelle, naja, „Zinserhöhungszyklus“ von allen seinen Vorgängern.

Den Schuss vor den Bug durch eine, möglicherweise sogar überraschende Zinserhöhung gibt es nicht mehr. Im Gegenteil: Das Gesamtsystem wird offenbar als so fragil eingeschätzt, dass man ihm selbst Mini-Zinsschritte nur noch nach ermüdend langer Vorankündigung zumuten mag. Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, spricht in diesem Zusammenhang von der „verbalen Vollkaskopolitik“.

Verantwortung fürs Ganze

Insofern ist Jackson Hole genau der richtige Ort für das Zinserhöhungsankündigungsritual der Fed. Allerdings gibt es eine offene Flanke: Was, wenn die Märkte „sehen wollen“? In dem Moment, wo der Bluff aufzufliegen droht, ist es natürlich äußerst hilfreich, wenn Rettung in Form von Ablenkung von außen kommt, etwa durch tumbe Briten, die den „Brexit“ wählen.

Wir hätten die Zinsen schon erhöhen wollen, aber die undankbaren Briten, Brexit, Sie verstehen? Schließlich haben wir eine Verantwortung für das Ganze. Und nebenbei, um das weltweit virulente Problem tumber bzw. undankbarer Wählermassen kümmern wir uns beizeiten ebenfalls. In der aktuellen geopolitischen Spannungslage kann Fed-Chefin Yellen jedenfalls ziemlich zuversichtlich sein, dass „nützliche Ereignisse“ zuhauf auf uns einprasseln werden, die noch für eine gute Weile verhindern werden, dass sie die Hosen herunterlassen muss.

Indianischer Tradition gehorchend wurden in Jackson Hole aber nicht nur Zinstänze aufgeführt, es wurde auch zur Jagd geblasen – und zwar auf das Bargeld. Marvin Goodfriend von der Carnegie Mellon University legte dazu ein Arbeitspapier mit dem unverdächtigen Titel „Schaffung eines Rahmens für eine belastbare Geldpolitik der Zukunft“ vor. Dabei geht es im Kern um negative Zinsen, die nur dann durchsetzbar sind, wenn Bargeld als Nullzinsalternative abgeschafft wird.

Ein guter Freund von Cash ist Mister Goodfriend demnach nicht. Und nur zur Klarstellung: Es geht um künftige Krisen, denn aktuell ist die Welt ja so schwer in Ordnung, dass die Zinsen ganz bald steigen werden. Wer hat den Zentralbankhäuptlingen in Jackson Hole eigentlich die Unmengen an Feuerwasser gesponsert?

Zu den Märkten

Nur geringe Veränderungen ergaben sich in der abgelaufenen Woche beim DAX. Wir dürfen noch einmal auf den Chart im SIW 33/2016 verweisen, in den wir diesmal hineinzoomen. Die dicken blauen Linien entsprechen den Begrenzungen der Flaggenformation von damals.

2016_08_31-DAX

In den letzten zwei Wochen hat sich hier eine kleine Konsolidierungsformation oberhalb dieser großen Flagge herausgebildet. Das ist konstruktiv. Auch wurde das Kursniveau von 10.500 DAX-Punkten bislang nicht mehr nachhaltig unterboten (waagrechte blaue Linie).

Konsequent wäre nun also ein erneuter Angriff auf das bisherige Bewegungshoch bei 10.802 Punkten. Sollte dieses überwunden werden, ist sogar eine gewisse Aufwärtsdynamik zu erwarten – trotz oder vielleicht sogar wegen der zahlreichen akuten Crash-Warnungen.

Fazit

Außer vielen Worten brachte das Notenbanker-Treffen in Jackson Hole keine neuen Erkenntnisse. Allerdings lieferte es die Bestätigung dafür, dass in diesen Kreisen intensiv über eine Abschaffung des Bargelds nachgedacht wird.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

Ein Kommentar auf "Tal der Rituale: Wie wir die Äußerungen aus Jackson Hole interpretieren"

  1. Argonautiker sagt:

    Man wird die Zinsen nicht wirklich erhöhen, weil dann das System zusammen brechen würde. Diese ganze Nullzins Politik dürfte lediglich einem Zeit schinden geschuldet sein, um sich aus dem Finanzgeschäft über die Hintertür zurückzuziehen, um in die Realwerte umzuschichten.

    Wenn das jedoch von den Maßgeblichen Leuten vollzogen wurde, dann könnte man eben schon auf die Idee kommen, und das System crashen zu lassen. Die einfachste Variante und wahrscheinlich auch kostengünstigste und effektivste, wäre wahrscheinlich die über eine Leitzins Erhöhung. Dabei hätten aber auch die Verluste, die man sicherlich zu vermeiden suchen wird.

    Es wird also wahrscheinlich zu einer Art gesteuerten Wahl kommen, bei der man sagen wird, wir können das System nur noch retten, wenn wir ein Bargeldverbot einführen, und auf Giralgeld umschwenken, oder es wird crashen. Für die eine WinWin Situation, denn ließen sich die Menschen auf eine Bargeldlosigkeit ein, könnten die derzeitigen Währungsbetreiber, die nun zur Sicherung in die Realwerte gegangen sind, sogar noch ihr als wahrscheinlich abzuschreibendes Währungsgeld sichern, was bei einem echten Crash auch für sie verloren ginge.

    Der Crash ist zwar nicht die Lösung, aber er wäre das geringere Übel, weil so gelenkt und geplant so ein Zusammenbruch auch sein mag, es wäre für die ein größeres Risiko, und deren Risiko ist unsere Chance. Doch auch über den Crash dürfte über die Sparer/Gläubiger Regel, seitens derer mächtig abgesahnt werden.

    Ich fürchte jedoch, daß man seitens der meisten Menschen eben aus Angst eher zu dem angebotenen Psychopharmaka, sprich Bargeldverbot, greifen würde, bei dem man die eigene Seele zwar noch ein bißchen mehr an das teuflische System verkauft, aber man meinen würde, der Krise entgehen zu können, was sich dann jedoch sehr bald als folgenschwerer Irrtum herausstellen dürfte.

    Die entscheidende Frage ist, was könnte man als Mensch tun, um sich dem zu entziehen, ohne wegzulaufen?

    Beste Grüße

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.