Systemausfall – Giftiges aus der Zockerbude

17. November 2009 | Kategorie: Kommentare

Kennen Sie das? Jeder spricht wieder über die Börse. Die Schnäppchenjäger sind unterwegs. Kursschwache Tage sind Kauftage! Erinnern Sie sich an dieses Mantra so mancher „Experten“? Wenn diese über Geld reden, ist es fast so, als spräche ein Schäferhund von einer Leberwurst.

Gestern haben die Schnäppchenjäger noch ins fallende Messer gegriffen und gegen Friedhelm Busch gewettert. Er warnte vor tieferen Kursen und bekam Recht. Eine Händler einer französischen Großbank hatte sich angeblich verzockt. Heute lecken sich „Bottom-Fischer“ ihre Finger. Auf wundersame Weise stieg der Dow Jones aus dem Stand 600 Punkte und der DAX ihm hinterher. Blutende Finger von Bullen und Bären im Stundentakt würden mich für die nächsten Tage nicht verwundern. Von einem Zuschauer wurde ich beschimpft, denn ich wollte nicht so recht in den Kanon der Daueroptimisten einstimmen. Er meinte, i c h wäre am Absturz des DAX bei 6800 schuld. Welch Ehre!

Die meisten leben schon wieder in der Hoffnung, dass 2008 so verläuft wie die anderen Kursdebakel der 90er Jahre. Doch die Börse macht gerade nicht nur ein Bäuerchen, sie würgt gerade einen ganzen Bauern aus, der zu tief ins Kreditglas geschaut hat. Nein, es ist komplizierter, das Problem sitzt tiefer und ich schätze, es endet diesmal anders als sonst. Die Psychologen sagen: Jede Sucht ist zynisch und endet final. Damit könnten sie auch die Kreditsucht umschrieben haben. Und gleichzeitig wünschte ich, dass ich danebenliege. Wo ist das Wunder?

Von der FED kommt es jedenfalls gerade nicht. Ben Bernanke hat mit seiner außerordentlichen Zinssenkung seine Schrotflinte auf einen Schwarm besoffener Mücken gerichtet und abgedrückt. Peng! Drei getroffen, die anderen fliegen weiter. Er ist kein Magier wie Alan Greenspan. Er verwaltet nur seinen Nachlass mit Hilfe seiner Zins-Schrotflinte. Die Munition besteht nur noch aus 350 Basispunkten. Japanische Verhältnisse lassen grüßen, wenn das Magazin leer geschossen ist. Hut ab vor der EZB! Sie hat sich bisher nicht dem Druck der Märkte gebeugt. Ich hoffe, es bleibt so. Glauben mag ich es nicht.

Gefühlter Reichtum?

Geld ausgeben, das man nicht hat, um Dinge zu kaufen, die man nicht braucht, um sich reich zu fühlen, was man nicht wirklich ist? 60 Jahre ging das gut. Die Abrechnungen werden gerade geschrieben. Unterdessen unterläuft die Quantität des Geldes seine Qualität. Unsere bunten Scheine basieren seit der Abkopplung vom Gold nur noch auf Vertrauen. Vertrauen darauf, dass man damit einkaufen gehen kann und dass das auch so bleibt. Wie es mit dem Vertrauen aber steht, zeigen uns die Risikoaufschläge bei den Anleihen. Auf den Dollarscheinen steht „In God we trust“. Doch der schaute offenbar weg, als die Greenspanschen-Geldmaschinen begannen Amok zu laufen. Wolken am Wall Street-Himmel wurden mit Geldspritzen weggeschossen. Bernanke stochert im Zinsnebel herum, die Inflation im Nacken, die Rezession vor Augen.

Zuviel Papier bläht erst die Anlagepreise auf, später die Verbraucherpreise. „Trust yourself!“ liest man in manchen Internet-Boards. Und jetzt, da Kredit knapp wird, peitscht die Deflation in die optimistischen Gesichter der Politik und Wirtschaft. Wertpapiere sinken im Preis. Hauspreise rutschen ab, die Staatsanleihen bringen weniger, als die Inflation verzehrt. Das Leben verteuert sich, die Werte zerfallen.

Die Welle der Dummheit, auf der die Bären jetzt surfen, startete mit der Kreditvergabe an jeden. Doch Kredite müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Die Subprime-Krise war das erste sichtbare Zeichen. Die Totenglocken läuten nun auch für die anderen verrückten und unverkäuflichen Erfindungen der Finanzindustrie. Billionen Dollar könnten sich in Müll und Gestank auflösen. Die Tür des Hades wurde 2007 geöffnet. Banken und deren Zweckgesellschaften bitten um Einlass. Niemand traut sich gegenseitig, die Kreditvergabe stockt. Ohne Kredit keine Party.

Die Meinungen zur weiteren Börsenentwicklung gehen meilenweit auseinander. George Soros, der milliardenschwere Großspekulant, der einst die Bank of England mit seinen Angriffen gegen das Pfund in die Knie zwang, schreibt in einem Gastbeitrag der FTD über die „Kreative Zerstörung“. „Die Finanzkrise wird zu einer radikalen Neuordnung der globalen Wirtschaft führen“, schreibt er weiter. Und wir sitzen mittendrin. Spielt es da eine Rolle, ob der DAX sich verdoppelt oder halbiert? Ich orientiere mich auch an Politikern, Finanzexperten und Analysten. Je öfters sie ihre optimistische Phrasenspritze auspacken und Silbenmüll in optimistische Sprechblasen verpacken, desto trotziger mache ich mich auf die Suche nach dem schärfsten PUT gegen fallende Kurse – oder ich kaufe einfach Gold.

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