Super-Monetisierung

11. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Um den weltweiten Kreditboom in Gang zu halten, werden die Zentralbanken immer mehr Kredit und Geld verabreichen (müssen). Auf den Finanzmärkten hat sich mittlerweile die Erwartung festgesetzt, dass die US-amerikanische Zentralbank (Fed) ihre Leitzinsen Mitte Dezember erhöhen wird…

Es wäre eine Zinsanhebung in einem gefährlichen Umfeld. Die Renditeaufschläge in den Kreditmärkten haben seit Mitte 2014 merklich zugenommen; die Sorgen vor einer Verschlechterung der Kreditqualitäten haben also wieder zugenommen.

Nun war aber seit Anfang der 1990er Jahre das Ansteigen der Renditeaufschläge stets mit einem Absenken, nicht aber mit einem Anheben der US-Leitzinsen verbunden. Diese Beobachtung könnte sehr bedeutsam sein.
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Sie stützt die Einschätzung, dass eine Erhöhung der US-Leitzinsen, wenn sie denn tatsächlich kommt, in ihrem Umfang sehr begrenzt bleiben und vermutlich auch in ihrer Dauer recht kurz sein wird. Steigende Kreditkosten – und dafür sorgt ein Anstieg der US-Leitzinsen weltweit – können die Volkswirtschaften nicht mehr tragen, ohne dass das ohnehin spärliche Wirtschaftswachstum leidet.

Um das zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, dass die Zentralbanken die Geldmenge fortwährend ausweiten, und zwar wann immer es geht durch Kreditvergabe. Ein Ausweiten der Geldmengen durch Kreditvergabe führt zunächst zu einem künstlichen Absenken der Zinsen. Das ermutigt zu kreditfinanzierten Ausgaben. Ein künstlicher Aufschwung, ein Boom, kommt in Gang. Der Boom muss aber früher oder später in sich zusammenbrechen. Über dem Boom hängt also ein Damoklesschwert. Doch es lässt sich nicht verlässlich sagen, wann der Boom in einen Bust umkippt.

Denn Produktivitätsgewinne – als Folge technologischer Neuerungen – können den Boom verlängern. Der Boom wird aber spätestens dann in einen Bust umkippen, wenn die Überschuldungssituation erreicht ist: Wenn Schuldner nicht mehr in der Lage oder willens sind, ihren Schuldendienst vollumfänglich zu leisten, und die Kreditgeber das erkennen. Das ist auch der Zeitpunkt, an dem die Zentralbank den Marktzins vollends kontrollieren und auf die Nulllinie oder darunter drücken muss, damit strauchelnde Schuldner fällige Kredite durch neue, zinsgünstigere Kredite ersetzen können.

Soll der Boom nicht kollabieren, muss die Neuverschuldung weitergehen. Doch wie, wenn die Verschuldung schon sehr hoch ist? Die Antwort lautet: Die aufgelaufenen Schuldenlasten müssen verringert werden. Der eleganteste Weg wäre natürlich, aus den Kreditverbindlichkeiten „herauszuwachsen“. Genau das aber ist in der Regel nicht mehr möglich, wenn Schuldenlasten, im ungedeckten Papiergeldsystem aufgetürmt wurden. Es bleiben daher nur zwei Wege: Schuldenschnitt oder die Entwertung der Kaufkraft des Geldes.

Schuldenschnitte sind zwar in dem einen oder anderen Fall möglich (wie beispielsweise in Zypern und Griechenland). Sie lassen sich jedoch nicht „großflächig“ anwenden, ohne dass dabei die Kredit- und Geldarchitektur und damit der Boom zusammenbricht; Schuldenschnitte offenbaren die Unmöglichkeit, die ausstehenden Schulden zurückzuzahlen. Unter diesen Umständen bleibt dann nur die Inflationspolitik. Wenn Zentralbanken Schulden in großem Stile aufkaufen und mit neu geschaffenem Geld bezahlen, sinkt die reale Schuldenlast der Schuldner: Die Kaufkraft des Geldes, mit der Zins- und Tilgungszahlungen geleistet werden müssen, schwindet. Die Geschädigten sind die (Gut-) Gläubiger.

Doch lässt sich Inflation überhaupt noch schaffen? Sorgen nicht Überkapazitäten, hohe Arbeitslosigkeit und technologischer Fortschritt, dass Inflation gar nicht mehr entstehen kann? Die Antwort ist nein. Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen. Bringt die Zentralbank immer mehr Geld in Umlauf – und das kann sie als Monopolist der Geldproduktion im Grunde jederzeit und in jeder gewünschten Menge bewerkstelligen -, steigen früher oder später auch die Preise; das ist eine ökonomische Gesetzmäßigkeit.

Aber auf welchem Wege lässt sich die Geldmenge erhöhen, wenn die Bankenkreditvergabe vielleicht nicht mehr ausreicht, die Inflation in die Höhe zu treiben? Ein Weg ist der Aufkauf von Staats- und Privatschulden durch die Zentralbank und das Bezahlen mit neu geschaffenem Geld. Reicht das nicht, kann die Zentralbank Fremdwährungen erwerben und diese mit neu geschaffenem Geld bezahlen. Sie kann neue Banknoten drucken und als „Konsumgutschein“ an die Bevölkerung ausgeben („Helikopter-Geld“), oder sie kann die Kontoguthaben der Bankkunden verdoppeln, verzehnfachen.

Wenn es das Ziel ist, Inflation – im Sinne von steigenden Preisen – zu schaffen, können die Zentralbanken das erreichen. Letztlich ist entscheidend, ob die Öffentlichkeit mitspielt. Scheut sie vor Deflation zurück, und sieht sie eine fortgesetzte Inflation als wünschenswert an, haben die Zentralbanken Carte Blanche, und es wird Inflation, nicht Deflation geben. Angesichts der immensen Schuldenlasten in den entwickelten Volkswirtschaften, verbunden mit einer großen Abhängigkeit vieler von staatlichen Finanzzuwendungen, steht wohl vielerorts eine Super-Monetisierung ins Haus – die zu einer gewaltigen Zwangsumverteilung von Einkommen und Vermögen führt.

Im Sicherheitsnetz der Zentralbanken

Die Zentralbanken haben die Zügel fest in der Hand: Sie können, wenn es gewünscht ist, auch internationale Zahlungsausfälle abwenden. Integration, Kooperation und Zentralisation sind Schlagworte, die in der Zusammenarbeit von Staaten positiv besetzt sind. Das gilt gleichermaßen für die Zusammenarbeit zwischen (inter-)nationalen Zentralbanken. In der Finanz- und Wirtschaftskrise haben die bedeutenden Zentralbanken der Welt zu einer sehr weitreichenden Maßnahme gegriffen: Sie haben untereinander sogenannte „Liquidität-Swap-Abkommen“ (LSA) abgeschlossen.

Danach leihen sich die Zentralbanken gegenseitig bei Bedarf jederzeit ihre eigene Währung. Die amerikanische Zentralbank (Fed) leiht der Europäischen Zentralbank (EZB) US-Dollar. Die EZB leiht bei Bedarf der chinesischen Zentralbank, der Bank von Japan oder auch Schweizer Nationalbank (SNB) Euro, und die SNB leiht der EZB oder Bank von England bei Bedarf Schweizer Franken.

In 2008 und 2009 hat die Fed anderen Zentralbanken der Welt im Rahmen der LSA US-Dollar-Kredite gewährt. Der Grund dafür war, dass viele Nicht-US-Banken Probleme hatten, im Markt US-Dollar-Kredite zu erhalten. So waren zum Beispiel Euro-Banken nicht in der Lage, ihre fälligen US-Dollar-Verbindlichkeiten zurückzuzahlen, beziehungsweise Investoren waren nicht mehr bereit, ihnen neue US-Dollar-Kredite zu gewähren.

Um die Zahlungsunfähigkeit von Euro-Banken zu verhindern, erhielt die EZB von der Fed neue US-Dollar, die sie dann an Euro-Banken (zu einem sehr niedrigen Zins) weiterverleihen konnte. Das wiederum beruhigte natürlich die Finanzmärkte: Investoren konnten von da ab mehr oder weniger versichert sein, dass die Zentralbanken „systemrelevante“ Banken zahlungsfähig halten werden.

Vor allem aber konnten Investoren fortan versichert sein, dass keine Bank untergehen würde, weil sie ihre Zahlungsversprechungen in fremder Währung nicht leisten kann. Am 31. Oktober 2013 verkündeten die bedeutenden Zentralbanken der Welt zudem, dass sie ihre bisherigen bilateralen LSA von nun an, und bis auf weiteres, als permanent ansehen würden.

LSA haben weitreichende Folgen

Die nationalen Zentralbanken verlieren die Hoheit über die heimische (Basis-)Geldmenge. Im Fall der Fälle werden sie jeden Betrag in heimischer Währung zur Verfügung stellen (müssen), der ihnen von ausländischen Geschäftsbanken abgefordert wird. Mit permanenten LSA wird also de facto die nationale Währungssouveränität aufgehoben, und die Zentralbanken befinden sich mehr denn je im Schlepptau der Bankenindustrie.

Permanente LSA lösen Fehlentwicklungen aus. Euro-Banken und ihre Kunden können sich beispielsweise bei künstlich niedrigen Zinsen US-Dollar beschaffen und damit (bei einer erwarteten Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar) amerikanische Wertpapiere kaufen. Es kommt zur Ausweitung der US-Dollar-Geldmenge, Spekulationsblasen oder offene Inflationsschübe in Amerika, die auch andere Währungsräume erreichen können. Einem Inflationierungskarussell wird Vorschub geleistet.

Die Zentralbanken können aus LSA nicht aussteigen, ohne größere Erschütterungen zu verursachen. Schließlich bauen die Finanzmärkte und insbesondere die Banken ihre Kreditvergabe- und Refinanzierungsgeschäfte auf der ultralockeren Geldpolitik aus. Ein Ausstieg würde die Turbulenzen auf den Finanzmärkten und Probleme in den Konjunkturverläufen hervorbringen, die man mit den LSA zu verhindern sucht.

Die LSA ebnen den Weg zur einheitlichen Weltgeldpolitik. Bisher besteht zumindest in Ansätzen noch ein Wettbewerb zwischen den nationalen Papiergeldanbietern. Indem jedoch die Zentralbanken ihre Politiken immer enger koordinieren, wird der Währungswettbewerb reduziert. Die Möglichkeit, eine Inflationspolitik im Gleichschritt zu betreiben, wird attraktiv(er), gerade in Zeiten einer Überschuldung von Staaten und Banken. Für Sparer schwindet die Mög-lichkeit, sich vor dem Missbrauch mit der elektronischen Notenpresse entziehen zu können.

Die Volkswirtschaften haben sich im „Sicherheitsnetz“ der Zentralbanken verfangen. Die LSA sind dabei jedoch nur ein Symptom für eine mittlerweile überall auf der Welt verfolgte Geldpolitik: Eine Geldpolitik, die bestrebt ist, systemgefährdende Zahlungsausfälle in der internationalen Kredit- und Geldarchitektur zu verhindern und die Preisauftriebstendenzen auf den Güter- und Finanzmärkten in Gang zu halten. Wohin diese Geldpolitik führt, soll im nachstehenden Aufsatz erörtert werden.

Hintergrund: Was sind Liquidität-Swaps?

Ein Liquiditäts-Swap erfolgt in zwei Transaktionen („Legs“):

(1) Die EZB „zieht“ ihre Swap-Linie, die ihr von der Fed eingeräumt wird. Das bedeutet, dass sie der Fed einen Euro-Betrag (z. B. 100 Mrd. Euro), den sie „aus dem Nichts“ schafft, zum gegebenen EURUSD-Wechselkurs (z. B. 1,30) verkauft. Sie erhält dafür einen entsprechenden US-Dollar-Betrag (in diesem Beispiel 130 Mrd. US-Dollar), den die Fed ebenfalls „aus dem Nichts“ schafft.

(2) Die EZB verpflichtet sich, die 100 Mrd. Euro in der Zukunft (z. B. in drei Monaten) zurückzukaufen, und zwar zum unveränderten Wechselkurs, das heißt, sie wird der Fed die 130 Mrd. US-Dollar zurückzahlen. Ein Wechselkursänderungsrisiko ist damit ausgeschlossen.

Die EZB verleiht die US-Dollar an Euro-Banken zu Konditionen (Zins, Absicherung, Laufzeit etc.), die sie selbst bestimmen kann. Die EZB (beziehungsweise letztlich der Euro-Steuerbürger) haftet dabei gegenüber der Fed für den US-Dollar-Betrag, den sie an die Euro-Banken verliehen hat. Die EZB (beziehungsweise der Euro-Steuerbürger) wird Schuldner der Fed.

Am Ende des Liquidität-Swaps zahlt die EZB der Fed zudem den Zins, den sie den Euro-Banken für den US-Dollar-Kredit in Rechnung gestellt hat. Die Fed zahlt keinen Zins auf den Euro-Betrag, den sie von der EZB erhalten hat. Die Fed verpflichtet sich, den Euro-Betrag nicht zu investieren beziehungsweise auf einem Girokonto bei der EZB zu halten.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

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3 Kommentare auf "Super-Monetisierung"

  1. cubus53 sagt:

    Wenn die Zinsen auf Staatspapiere nahe bei Null liegen, erhalten Staaten von privaten Geldanlegern kein Geld mehr. Das wäre schlicht sinnlos, selbst wenn der liebe Gott persönlich für die Rückzahlung haften würde. Denn am Ende hätte der Geldgeber mehr in der Tasche, hätte er das Geld einfach unter die Matratze gelegt.

    Die FED versucht nun mit einer Zinserhöhung wieder mehr private Geldgeber anzulocken. Die EZB dagegen muss sich inzwischen (dem Artikel zufolge) bei der FED Geld leihen, weil scheinbar der private Sektor als Geldgeber ausgefallen ist. Damit ist der Euro der Blinde unter den Einäugigen.

    Die FED macht also genau das richtige. Und sollte dieser Zinsschritt im Dezember nicht kommen, hoffe ich, dass der schwarze Schwan, der dann angeflogen kommt, einen Umweg nimmt und nicht über mein Haus fliegt.

    Man darf ja noch träumen…

  2. EuroTanic sagt:

    Immer wenn ich die finanzpolitischen Aussagen im Mainstream lese, und im Gegensatz dazu die „realen“ Zahlen betrachte, kommt mir stets folgendes Filmzitat klar vor Augen:
    „Es ist eine mathematische Gewissheit.“ https://www.youtube.com/watch?v=wNPNMS_41y8
    Mann ersetze „Titanic“ durch „EUROtanic“.

  3. Incamas SrL sagt:

    Interessant wäre zu wissen, wie lange sowas gut gehen kann ? Bis jetzt weigern sich noch die Menschen Ihre Sicht zu ändern. Denke mal das ist das große Glück fur uns anderst denkende !

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