Suicide King? Trump, Dilbert und die Welt an sich…

13. April 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Wieder einmal holt uns die Weltpolitik ein. Es ist nicht so, dass wir – wie manche andere Beobachter auch – für das laufende Jahr nicht mit einer Zunahme der geopolitischen Spannungen gerechnet hätten. Allerdings kommt die jüngste Entwicklung um Syrien für uns überraschend…

Es ist ein Strukturbruch der sinnlosen Art, denn gerade noch hatten die USA signalisiert, dass man sich auch eine Zukunft mit dem syrischen Präsidenten Assad vorstellen könne. Und was macht dieser? Richtig, er hat nichts Besseres zu tun, als die eigene Bevölkerung mit jenem Giftgas zu bombardieren, das ihm die Russen bereits abgenommen haben wollten.

Das wiederum ist peinlich für den Kreml, der jedoch um eine Erklärung nicht verlegen ist: Lediglich zehn von zwölf Giftgasdepots konnten seinerzeit geräumt werden, da sich zwei Depots in Rebellenhand befanden. Eine Aussage, die der Geschichte wiederum eine andere Drehung gibt bzw. geben soll. Die viel entscheidendere Frage aber ist, warum sollte Assad diese militärisch vollkommen sinnlose Gräueltat angeordnet haben? Schließlich hatte er mit der angedeuteten Duldung seiner Regierung durch die USA das Ziel seines jahrelangen Kampfes um die Macht in Syrien erreicht. Warum also sollte er die offen kommunizierte „rote Linie“ eines Giftgaseinsatzes überschreiten, die die USA – schon aus Gründen der Glaubwürdigkeit – zu einer Reaktion zwingen. Ist der Mann verrückt? Möglicherweise.

Dilbert denkt nach

Die Geschichte eröffnet allerdings zahlreiche Interpretationsspielräume. Eine dieser Interpretationen stammt übrigens von Scott Adams, dem politisch interessierten „Vater“ der legendären Comic-Figur Dilbert („Build a better life by stealing office supplies“):

Offensichtlich habe sich Präsident Assad entschlossen, Selbstmord zu begehen – ausgerechnet jetzt, da sich die Lage für ihn aufgehellt habe. In seinem lesenswerten Beitrag (englisch) ist Adams der Ansicht, dass der Giftgasangriff und insbesondere dessen bildgewaltige Dokumentation, ein bisschen zu perfekt auf die westliche Medienöffentlichkeit zugeschnitten waren. Auch für Trump dürfte die Angelegenheit „fishy“ gewesen sein. Zur Ableitung des gewaltigen öffentlichen Drucks könnte er sich daher zu einer inszenierten Vergeltung entschlossen haben.

Auffällig ist jedenfalls die geringe Effizienz des US-Tomahawk-Schlags gegen die inkriminierte syrische Luftwaffenbasis. Das können die Amis eigentlich besser. Möglicherweise brachten die USA damit sogar das Kunststück fertig, unter der Überschrift „Vergeltungsschlag“ einerseits die kriegslüsterne westliche Presse zu befriedigen und den Russen andererseits im Subtext die Botschaft zu senden, dass man sehr wohl wisse, was gespielt werde. Dafür würde auch die Pendeldiplomatie von US-Außenminister Rex Tillerson sprechen, der derzeit in Moskau weilt. Gewiss, das ist nur eine „Verschwörungstheorie“, wie im Grunde jede von den Staats- und Großmedien abweichende Interpretation der Ereignisse.

Ablenkung im Außen?

Aber auch eine andere Sichtweise wäre denkbar: Trump hat nun das entdeckt, was schon viele Regierungen vor ihm praktizierten, wenn der innenpolitische Druck unerträglich wurde – sie suchen ihr Glück im Außen und schärfen ihr Profil an Gegnern jenseits der Landesgrenzen. Damit hätte Trump auf dem Gebiet enttäuscht, auf dem auch wir etwas Substanzielles von ihm erwartet hatten. Denn während eine Regierung Clinton für eine fortgesetzte und wahrscheinlich verschärfte Konfrontation mit Russland gestanden hätte, keimte zumindest die Hoffnung, dass Trump als „Outsider“ hier für einen Neuanfang hätte stehen können. Das war möglicherweise eine naive Hoffnung.

Der Militärschlag gegen Syrien könnte Trump sogar auf den Geschmack außenpolitischer Machtdemonstrationen gebracht haben. Nebenbei zeigt er damit auch gleich noch, dass die Bande zu Russland, derentwegen die Administration unter Beschuss steht, so eng nicht sein können. Wenn es allerdings nur darum geht, außenpolitische Ablenkung zu suchen, sind Syrien/Russland diffizile Gegner. Da eignet sich Welt-Buhmann Nordkorea um einiges besser.

Selbst die eingefleischtesten Trump-Gegner werden in einem Konflikt mit Nordkorea kaum auf der Seite von Diktator Kim Jong-un stehen. Zudem muss Trump hier noch nicht einmal sonderlich aktiv werden. Es reicht, wenn er die beständigen Provokationen aus Pjöngjang nicht länger durch Wegschauen beantwortet. Schließlich ist es eine ungeschriebene amerikanische Tradition, dass man im außenpolitischen Krisenfall der eigenen Regierung nicht in den Rücken fällt. Gäbe es Nordkorea nicht, Trump müsste es erfinden.

„Moderater“ Konfrontationkurs?

Die dritte Variante ist, dass es Trump um mehr als bloße außenpolitische Ablenkung geht. Möglicherweise ist der US-Präsident ideologisch in einen dezidiert neuen Kurs „gekippt“. Indizien dafür könnten die jüngsten Personalentscheidungen aus seiner engsten Umgebung sein.

Der „Chefideologe“ der Trump-Revolution, Stephen Bannon, stieg seinerzeit nur gegen erheblichen Widerstand in den Nationalen Sicherheitsrat auf. Der ehemalige Chef der „Alt-Right“- Meinungsseite breitbart.com war nicht zuletzt aufgrund seines Gespürs und Scharfsinns das Hassobjekt der amerikanischen Linken („liberals“) – übrigens nicht zu verwechseln mit dem kleinen Häuflein echter Liberaler („libertarians“). Bannon galt phasenweise als der wichtigste Berater Trumps. Umso überraschender ist es, dass er nun seinen ständigen(!) Sitz im Nationalen Sicherheitsrat verlor. Will sagen, er steht nicht mehr automatisch auf der Einladungsliste. Die Gewichte verschieben sich also ein wenig, und zwar zu Bannons Intimfeind, dem Trump-Schwiegersohn Jared Kushner. Dessen Frau, Trump-Tochter Ivanka, hat nun sogar ein eigenes Büro im Weißen Haus.

Kushner wird in der hiesigen Mainstream-Presse gerne als die gegenüber Bannon moderatere Variante angepriesen. Das könnte sich als fatale Fehleinschätzung erweisen, denn unter „moderat“ scheint man dort die Fortsetzung jener Politik der Nadelstiche gegenüber Russland zu verstehen, für die schon Obama und Clinton standen. Man sollte also auf die angehefteten Etiketten nicht allzu viel geben. Entscheidend sind die Taten und da werden wir vermutlich schon sehr bald sehen, in welche Richtung sich die Waagschale neigt. Nach diesen drei möglichen Interpretationen kann man zumindest Scott Adams uneingeschränkt zustimmen: „Ich glaube nicht, dass wir jemals wissen werden, was da hinter den Kulissen gespielt wird.“

Zu den Märkten

Eine mögliche direkte militärische Konfrontation zwischen den USA und Russland ist jenes Horrorszenario, das in der Schrecksekunde nach dem Luftschlag gegen Syrien schlagartig ins Bewusstsein der Menschen zurückdrängte. Auch in der Folge der Konfrontation mit Nordkorea ist das Thema Krieg plötzlich nicht mehr völlig undenkbar. In weiten Teilen der Bevölkerung herrscht eine geradezu naive Sorglosigkeit. Krieg? Ja, das ist das, wovon der Opa bzw. Uropa erzählt hat. Aber uns kann das ganz bestimmt nicht passieren. Wirklich?

Nur weil viele heute stundenlang und halbsediert in ihre Smart Phones starren, sind sie nicht unbedingt klüger geworden. Das Gegenteil dürfte der Fall sein. Generation Schneeflocke, die schon bei einer schlechten Schulnote psychologischer Betreuung bedarf, dürfte im Falle einer ernsthaften Krisensituation in eine Art kollektive Schockstarre verfallen, die allenfalls durch gelegentliche Übersprungshandlungen der Form „auf Instagram irgendwas für den Frieden posten“ unterbrochen werden wird.

Und was machten die Märkte daraus? Praktisch nichts. Im DAX (vgl. Abb.) waren die fraglichen Tage vergleichsweise ruhig. Niemand, der den Chart betrachtet, würde wohl auf die Idee kommen, dass hier gerade weltpolitische und geradezu schicksalshafte Ereignisse ihre Spuren hinterlassen haben könnten.

Das ist umso bemerkenswerter, als das Ende der seit dem Frühjahr des Jahres 2009 laufenden Aufwärtsbewegung in immer kürzeren Abständen verkündet wird – und zwar mit höchst plausiblen Argumenten: Bewertung, Saisonfigur, Zinsentwicklung, etc. Fürs Erste hat der Markt auch dieses Problem „weggelacht“. Allerdings sollte man sich nicht darauf verlassen, dass das auch so bleiben wird. Zum einen kann die (geo-)politische Situation jederzeit eskalieren. Zum anderen kann man mitunter über eine erstaunlich lange Zeit große Lasten schultern – und bricht dann letztlich unter dem Zusatzgewicht von nur einer Feder zusammen. Genug ist genug.

Vielleicht sollte man sich die Frage in Bezug auf den Markt auch einfach einmal anders herum stellen: Was erhofft man eigentlich auf diesem Niveau noch zu gewinnen? Und plötzlich spricht das Chance-/Risiko- Verhältnis nicht mehr dafür, große Wetten zu platzieren. Wie schnell einzelne Titel in dieser Marktphase unter die Räder kommen können, sah man an unserem früheren Musterdepotwert Aurelius (WKN A0JK2A), der sich nach einer Short-Attacke innerhalb weniger Tage nahezu halbierte, bevor sich die Aktie wieder etwas erholen konnte. (Aktien-Update vom 3.4.2017)

Fazit

Schrieben wir an dieser Stelle noch vor einer Woche, dass der Regierung Trump schwierige Wochen bevorstehen werden, dann müssen wir das heute leider korrigieren: Der Welt stehen schwierige Wochen bevor.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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3 Kommentare auf "Suicide King? Trump, Dilbert und die Welt an sich…"

  1. Lickneeson sagt:

    „Ich glaube nicht, dass wir jemals wissen werden, was da hinter den Kulissen gespielt wird.“

    Das ist wohl eine wichtige Erkenntnis, vielleicht ist es auch besser so. Denn wer möchte wirklich wissen, mit welch schmierigen Deals und geheimen Abkommen Kriege begonnen/ verhindert werden.

    Ich hoffe inständig, das man Nordkorea nur verbal bearbeitet, denn während der syrische Präsident sicher kein Idiot ist bin ich mir bei „Big Kim“ nicht sicher. Ich halte ihn für verrückt genug “ im Sinne seines Vaters“ in einem Atomreigen unterzugehen. Dummerweise lässt sich eine solche Party nicht regional eingrenzen.

    Ihre Analyse zum Giftgasangriff zeigt sehr interessante, für mich neue Denkansätze gerade was die Rolle von Assad und Putin angeht. M. E. müssen die USA endlich begreifen, das bei einem Deal immer BEIDE Seiten etwas gewinnen/abgeben müssen.Alles eine Interessenabwägung. Solange man versucht Russland in den Medien als uneinsichtige, nicht lernwillige Kommunisten darzustellen wird sich dieser Konflikt, ebenso wie die Krim/ Ukrainekrise niemals lösen lassen.Bis heute weigert sich der Westen auch nur einmal darüber nachzudenken, warum Russland über die rasend schnelle Anbindung der ehemaligen Ostblockstaaten an EU/ NATO „not amused“ war.Das wäre mal ein Anfang.

    MfG

  2. Skyjumper sagt:

    Die Frage „Cui bono“ wird im Zusammenhang mit dem erneuten Giftgasmassaker in Syrien sowieso viel zu wenig gestellt. Und man kommt nicht umhin vermuten zu müssen dass diese doch extrem wichtige Frage keineswegs aus Inkompetenz nicht gestellt wird, sondern das hier systematisch ein Szenario aufgebaut wurde.

    Nicht nur das Assad eigentlich sowohl militärisch, wie auch politisch, quasi alles erreicht hat worauf er seit Jahren hinarbeitet und sich von daher mit einem solchen Angriff in beiderlei Hinsicht sehr viel mehr schaden als nutzen würde.
    Nein, die „andere“ Seite hat natürlich keine großen Vorteile davon wenn die USA jetzt wieder darauf bestehen das Assad weg muss und die bröckelnde westliche Allianz wieder zusammengeschnürt wird unter dem Eindruck der Giftgastoten.
    Nein, die „andere“ Seite hat natürlich keine großen Vorteile davon wenn just zum Zeitpunkt der Syrien-Geber-Konferenz, bei der es um große Geldmengen für die Opposition geht, Bilder und Berichte von erneuten Giftgastoten durch den Konferenzsaal wabbern.

    Aber solche Überlegungen werden im sogenannten Mainstream nicht angestellt. Auch die Frage woher Assad denn das Material haben sollte wird nicht gestellt. Schließlich haben die OPCW und diverse weitere Organisationen (nicht nur die Russen wie @Malisch meint) Syrien 1 Jahr lang (angeblich) gründlich auf den Kopf gestellt bei der Suche nach chem. Kampfstoffen. Auch völlig in der Versenkung verschwunden sind die Vorfälle die sich 2014 im Anschluß an die damaligen Giftgasangriffe in der Türkei ereigneten. Immerhin sind dort seinerzeit 15 Personen verhaftet worden die angeblich mit der Lieferung von chem. Kampfstoffen an die Rebellen in Zusammenhang gebracht worden.
    Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst. Und die mediale Aufbereitung der Giftgasattacke erinnert an manch andere mediale Szenario der letzten Woche, wie zum Beispiel die von einer schwedischen Ärzteorganisation geäußerten schweren Vorwürfe gegen die sogenannten Weißhelmeinsätze in Syrien. Die entsprechenden Berichte dazu gab es nur beim zweifelhaften Russia Today. Doch jetzt kam heraus, dass die ARD versuchte bei der Ärztekommission in Schweden den Wahrheitsgehalt zu hinterfragen, wohl in dem Bemühen RT FakeNews vorwerfen zu können. Geklappt hat das nicht, im Gegenteil: Es wurde alles schriftlich nochmal gegenüber der ARD bestätigt. Was aber auch nicht dazu führte dass es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mal stärker thematisiert worden wäre.
    Und man stelle sich mal demgegenüber den Aufschrei im Westen vor, wenn herausgekommen wäre dass die Russen oder die Syrer inszenierte Bilder von angeblichen Behandlungen an vermutlich bereits toten Babies verbreitet hätten!

    Wenn man sich die politischen Interessen und die faktischen Verhältnisse vor Ort (soweit überhaupt halbwegs valide zu beschaffen) betrachtet, dann steht bei einer rational-sinnvollen Betrachtung Assad sehr weit hinten auf einer langen Liste möglicher Anwender von Kampfgas.
    Unterm Strich ist es erschütternd wie inhuman sich ALLE Parteien in Syrien verhalten. Und deutsche Spitzenpolitiker mitten dabei.

  3. bluestar sagt:

    Cui bono, allein diese Frage scheint die Hirne der Massen zu überfordern.
    Und so kommt es, dass nach Brutkastenmord, KZs in Jugoslawien, 9/11, Massenvernichtungswaffen im Irak, Libyen-Lügen, MH17 usw. immer wieder das gleiche Theater aufgeführt werden kann. Schöne Grüße an die Faschisten-Aktion Sender
    Gleiwitz, es funktioniert heute immer noch, nur viel besser und einfacher. Ein paar blutige Fotos und Schuldzuweisungen weltweit verbreitet und schon kommt der geplante Reflex aus den Staaten mit den Werten zu militärischer Vergeltung und Rache. Rüstungsaktien haussieren, die Kriegstreiber mit ihren Massenmedien applaudieren. Keine Beweise, Untersuchungen oder störenden Fragen.
    Mutti als Hüterin der westlichen Werte und Menschlichkeit natürlich wieder eifrig in der vordersten Reihe dabei. Und die Deutschen ? Naja, uns geht’s ja gut, dank GROKO.
    Armes Land, arme, peinliche Bürger und deren gewählte Politiker.
    Russland fordert eine internationale Untersuchung des Giftgasvorfalls in Syrien, will der Westen natürlich nicht, ist ja alles bereits behauptet und das reicht für die eigene Bevölkerung völlig aus.
    Seit 9/11 gibt es bei Anschlägen keine Beweisaufnahmen, Untersuchungen, Zeugenvernehmungen mehr. Bloß keine Fragen stellen, einfach losschlagen in die gewünschte Richtung, gut medial aufbereitet fressen die Massen heutzutage alles.
    Was Trump und die Mafia angeht, so hat Bill Bonner auf diesen Seiten ja bereits alles exzellent analysiert. Insofern dürfte es keine (positiven) Überraschungen geben.

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