Subprime-Europa im Schlafrock. Oder: Die Horde der blinden Hirten

29. September 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

sagen Sie mal, so nebenbei: Blicken Sie eigentlich noch durch? Ich nicht. Zumindest nicht ohne dauerndes Nachlesen, nachgrübeln, nachhaken. Das mit dieser EU-Rettung wird langsam lustig. Und bitte glauben Sie bloß nicht, Sie und ich stünden mit unserer Verwirrung allein…

Ich habe keine Ahnung, wie viele Bundesbürger wissen, was ESFS (European Financial Stability Facility) heißt. Ich könnte wetten, 90% haben den Begriff noch nicht einmal gehört. Trotzdem ist dieses Vehikel jetzt am Ruder. Da wird unser aller Rettung geschmiedet. Man hat nämlich einen Plan. Und ein Schuft, der lächelt, weil sich diese erst vor einem Jahr aus dem Hut gezauberte Institution zufällig die selbe Abkürzung gab wie die European Science Fiction Society. Ich lächle ja auch nicht. Ich lache nur hysterisch.

Einigkeit macht uns stark. Das ist der Punkt. Und wir sind uns ja alle einig: Wir wollen keine Krise! Die meisten wollen zwar auch keine EU mehr, aber diese „Meisten“ wissen nicht wovon sie reden, weil sie nur Bürger sind. Dafür haben wir Politiker, die uns sagen, was wir wollen sollen. Dafür wissen die ja Bescheid. Obwohl die auch mit Masse nicht so recht wissen, was genau sie da gerade alles ablehnen oder befürworten. Aber das sind Details, die kann man mit Zuversicht weglächeln. Und davon haben wir fast so viel wie Einigkeit.

Ist doch alles ganz einfach …

Es ist ganz bestimmt kein Hindernis, dass beispielsweise die deutsche Bundesregierung erklärt, man plane keine Ausweitung des EU-Rettungsschirms, während zur selben Zeit EZB-Ratsmitglied und OenB-Präsident Nowotny die Ausweitung für wahrscheinlich hält. Und es ist doch ein starkes Zeichen allgemeiner Einigkeit, wenn Leute wie Stark und Weber das Handtuch werfen. Um der Einigkeit nicht im Weg zu stehen, hinsichtlich welcher sie sich nicht einigen können. Denn wenn die letztlich sich einig sind, die am Ende der Willensbildung noch nicht zurückgetreten sind, ist das ja auch eine Art Harmonie, gell?

Ach ja, dieser Plan. Auf den muss man noch mal zu sprechen kommen, denn seinetwegen sprangen die US-Börsen am Montagabend ja angeblich aus den Schuhen. Am Dienstag waren es dann die Gerüchte um die Ausweitung des EU-Rettungsschirms, weswegen alles stieg – außer deutschen Anleihen natürlich. Liebe Leser, das ist alle so wunderbar, da muss man ein wenig genauer hinsehen. Leider sind wir einfach nicht reif genug, die ganze Wahrheit zu erfahren, sodass die, die alles entspannt im Griff haben, uns noch ein wenig mit Details verschonen. Was sehr nett ist.

Es heißt aber zumindest, man arbeite gerade einen konkreten Plan aus, wie man im ESFS alle Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Also einerseits hilfsbedürftige Länder mit Geld versorgen, andererseits schwache EU-Anleihen aufkaufen und darüber hinaus europäische Banken mit hinreichen Kapital versorgen kann. Soweit ich weiß, sind nur noch irrelevante Details zu klären. Nebensächlichkeiten wie: Wie viel Geld brauchen wir … woher nehmen wir es … wie sieht Organisationsstruktur und Verantwortlichkeit aus … wo sitzt wer … wie heißen die Abkürzungen für die einzelnen Abteilungen … aus welchem Material bestellen wir die Bürostühle. Sollte letzteres bereits ohne mein Wissen geklärt worden sein, entschuldige ich mich hiermit.

Wenn das über die Bühne ist, bleiben nur noch Randaspekte übrig. So die Zustimmung der einzelnen Länderregierungen für die Vorgehensweise und die Freigabe des nötigen Geldes. Aber wir sehen ja, wie einig sich EU und Länderregierungen sind. Man ist sich einig, eine Meinung zu haben. Also muss man nur noch irgendwie die selbe Meinung bekommen, dann passt das schon. Ist ja auch wichtig, denn:… (Seite 2)

 

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4 Kommentare auf "Subprime-Europa im Schlafrock. Oder: Die Horde der blinden Hirten"

  1. cubus53 sagt:

    Da hilft nur noch Humor …

    Während der gestrigen Telefonkonferenz mit Papandreou, die aus Kostengründen in einer Athener Telefonzelle stattfand und aus Mangel an Kleingeld vorzeitig abgebrochen werden musste, wurde endlich auch die letzte Forderung der heroischen Troika erfüllt. Papandreou wird nicht nur 20000 staatliche Angestellte in die Arbeitslosigkeit schicken, er wird nun auch seine Putzfrau entlassen.

    Herr Schäuble äusserte dazu „Papandreou wird nun in Zukunft sein Büro alleine sauber machen müssen und so weniger Gelegenheit haben, neue Schulden zu machen. Wir befinden uns in der Schuldenkrise auf dem richtigen Weg. Der Vorgang zeigt, dass CDU/FDP gemeinsam fähig sind, globale Fiskalprobleme zum Wohle Deutschlands zu lösen.“

    Frau Merkel sagte heute Morgen auf dem Kongress „Notleidende Banker“, der alljährlich in der Kantine der Berliner Charite stattfindet : „Der Vorgang bei der UBS zeige, dass es den Bankern schlechter gehe als den Hartz4-Empfängern und den Rentnern. Wir sind eine Solidargemeinschaft und jetzt gehe es darum, den Notleidenden unserer Gesellschaft unter die Arme zu greifen.“ An die Rentner gerichtet fand Frau Merkel mahnende Worte : „Griechenland wird die Milliarden und Aber-Milliarden von Hilfsgeldern auf Heller und Pfennig zurückzahlen und so einen gewaltigen Beitrag zur künftigen Sicherung der Deutschen Rentenkasse leisten. Deutschland sei auch aus der Sicht der Rentner gesehen, der eigentliche Nutzniesser der Schuldenkrise“.

    Auch die Händler auf dem Börsenparkett zeigten sich erleichtert. „Uns fällt ein Stein vom Herzen. Allein die Tatsache, dass Papandreou sein Büro jetzt endlich selbst sauber macht, wird die Märkte beflügeln und einen gewaltigen Schub nach oben bewirken.“ Manche Analysten sehen den Dax nun am Jahresende auf 8000 ansteigen – von eventuellen Absackern auf 3500 abgesehen.

    Herr Steinmeier (SPD) meinte dazu : „Negative Feedbacks auf diesen Beitrag sind genauso unerwünscht wie Gedankenspiele über eine Insolvenz Griechenlands.“

  2. […] Ronald Gehrt: Subprime-Europa im Schlafrock. Oder: Die Horde der blinden Hirten […]

  3. EuroTanic sagt:

    „Ich glaube, dass der Mehrzahl der politisch Verantwortlichen, ja sogar manch einem Notenbanker, nicht klar ist, in welch eine monströse Falle sie da hineinlaufen.“

    Ich glaube nicht, dass unsere Politiker und Banker so blöd sind nicht zu verstehen was sie tun. Ganz im Gegenteil. Der kommende Crash und die Verarmung der Massen und das dadurch entstehende Chaos ist vielmehr ein sehr gut geplanter vorletzter Akt den noch wiederspenstigen Menschen eine Weltregierung schmackhaft zu machen. Erst wenn die Mehrheit der Menschen in totale Armut und Depression verfallen sind werden diese Psychokrathen mit der (angeblich) passenden Lösung auftauchen, die die Mehrheit dann willenlos akzeptieren wird. Diese Strategie hat sich in der Vergangenheit immer als erfolgreich erwiesen. Schaffe das Problem und liefere dann die Lösung. Unsere Politiker sind keine Idioten, sie zeigen alle Symptome von krmininellen Psychpathen die keine Mitgefühl und und kein Schuldbewusstsein haben. ich empfehle zu diesem Thema nach den Stichworten „Politische Ponerologie und Psychkratie“ zu googlen.

  4. Hans im Glueck sagt:

    Guter Artikel, den sollten Sie mal in der Bild veröffentlichen 😉

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