Submerging Markets

10. September 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Bankhaus Rott  Der Schwelbrand in den Emerging Markets setzte sich in den vergangenen Wochen fort. Eine mögliche Korrektur des Anstiegs der US-Renditen und der Emerging Markets-Währungen sollte Anleger nicht dazu verleiten, von einem Ende der Probleme auszugehen. Vor allem der Druck aus der Bevölkerung wird angesichts der rasant sinkenden Kaufkraft in den kommenden Quartalen deutlich zunehmen…

In westlichen Medien wird oft absichtlich oder unfreiwillig der Eindruck vermittelt, bei Unruhen in Schwellenländern ginge es um den Wunsch nach „westlicher Kultur“, was auch immer man darunter verstehen mag. Vielerorts geht es jedoch schlicht um das Problem, wie und wo man die lebensnotwendigen Dinge erhält. Die Entwicklungen der letzten Monate erhöhten diesen Druck. Vor allem die deutliche Abschwächung der heimischen Währungen zahlreicher Schwellenländer stellt große Teile der Bevölkerung vor existenzielle Probleme.

Der übliche, doch recht abgenutzte Versuch, einen vermeintlich barbarischen und ziegenfußbewehrten Spekulanten herbei zu zerren, dem man dann die Alleinschuld an den aktuellen Entwicklungen anheftet, greift wie üblich zu kurz. Wer manche der betroffenen Länder besucht hat, fragt sich vielmehr, warum jemals so viel Geld in einige dieser Wirtschafts(t)räume geflossen ist. Aber so ist es in einer indexverseuchten Gedankenwelt, in der sich mancher vermeintlich professionelle Investor nicht traut, Gazprom-Aktien zu kaufen, um dann zu glauben, ausgerechnet in Indien oder Südamerika den Hort der Rechtssicherheit gefunden zu haben. So lange jedoch stets genügend andere „professionelle Anleger“ falsch liegen, lebt es sich in der Schafherde offenbar überaus kommod.

Die Investoren, die der gefährlichen CFA-Wall Street-80ies Sekte angehören, würden für maximale Diversifikation vermutlich auch Aktien von Firmen auf noch nicht entdeckten Planeten erwerben, weil sie meinen eine negative Korrelation ausgemacht zu haben. Aber wer Volatilität mit Risiko gleichsetzt, dem ist ohnehin nicht zu helfen.

Eben jene Anleger, die über einige Jahre ihr Geld mit dem Füllhorn über den Schwellenländerfonds verteilten, sind nun mit Eimer und Löschpapier unterwegs, um ihr Geld wieder einzusammeln. Angesichts teilweise extrem illiquider Märkte stellt sich diese Unterfangen nun schwieriger dar, als so mancher sich das vorstellen konnte. Die Daten der internationalen Fondsbranche zeigen in der Breite weiterhin hohe Abflüsse. Viele Assetklassen sind auf Jahresbasis bereits im negativen Bereich angekommen, obwohl der Jahresbeginn noch von massiven Zuflüssen geprägt war.

1

Auf Grund der vergleichsweise dünnen Liquidität einiger Märkte sind die von den Mittelbewegungen ausgelösten Kursbewegungen ausgeprägter als in etablierten Märkten. Die steigende Vola führt dann dazu, dass oben genannte Anleger diese Märkte nach einem Kursrückgang nun als riskanter einstufen, als auf einem Niveau 50% oberhalb der aktuellen Kurse. An der Börse finden bekanntliche aus unerfindlichen Gründen viele Menschen hohe Preise attraktiver als niedrige, auf lange Sicht ein wenig erfolgreichversprechender Ansatz.

Auch bei den passiven Indexprodukten hat es kräftig reingeregnet. Ob die Investoren, die jetzt aussteigen, in diesem Jahr noch einmal eine Kehrtwende aufs Parkett legen, darf angesichts des bevorstehenden Schlussquartals vor allem bei Institutionellen Anleger bezweifelt werden. Auch hier greift die politische Ratio. Bei den ETFs sorgt der Rückgang für eine ausgeprägte Schmelze der ausstehenden Anteile.

3

Die Zerbröselnden Währungen der Emerging Markets müssten nach dem neuen „Schlag es kaputt um es zu Reparieren“-Paradigma („Abenomics“) zu einem nur schwer zu bändigenden Aufschwung führen.

Leider wird dieser auf Grund der unausgegorenen Theorie wohl ausbleiben, denn die vielbeschworene  Ankurbelung der Wirtschaft durch die Schwächung der heimischen Währung hat gesundheitsgefährdende Nebenwirkungen. Was der Japaner als ökonomisches Harakiri auf seinen Pazifikinseln freiwillig in Gang zu setzen versucht, kann sich der geneigte Beobachter in Echtzeit in den Emerging Markets anschauen. Wie üblich wird seitens der Politik lediglich eine Seite der Medaille betrachtet. Hauptsache was gemacht!

Die steigenden Kosten für Einfuhren werden in den Szenarien derartiger Experimente stets ausgeblendet. Möglicherweise ist dieser schlichte Sachverhalt nicht kompliziert genug, um ihn zu verstehen. Besonders für Länder, die auf Importe von Lebensmitteln und Energie angewiesen sind, entwickelt sich aus einer raschen Währungsabwertung schnell ein gesellschaftliches Problem.

Kommt beim einen oder anderen Politiker noch der durch langjährige Geldzuflüsse geförderte Größenwahn hinzu, sind Umwälzungen in der Regel nicht aufzuhalten. Es in unnötig zu betonen, dass absehbare Umwälzungen kein probates Mittel sind, um Investitionen aus dem Ausland anzulocken …

Wie sich eine schwache Währung auswirkt, lässt sich beispielhaft an der Entwicklung der Rohölpreise in den Währungen verschiedener Länder ablesen. Zum Vergleich ist auch der Verlauf des Ölpreises in USD und in Gold dargestellt. Letzteres dürfte verdeutlichen, warum die Inder, die Gold besitzen, wenig vom Vorschlag der Regierung halten dürften, dieses wieder in Rupien zu tauschen.

2

Angesichts der Bedeutung des Energieträgers für die Menschen und Unternehmen in diesen Ländern sollte man die Entwicklung nicht unterschätzen. Im Vorteil sind Länder, die noch eigene Ölförderung und Landwirtschaft in nennenswertem Umfang betreiben. Wie sich Herr Abe die Existenz Japans im Falle einer extrem schwachen Währung vorstellt, ist nicht bekannt, aber so weit ist es ja noch nicht.

Unterdessen ziehen Investoren weiter Gelder aus allen Marktsegmenten der Emerging Markets ab. Vor allem die bei fallenden Anleihen steigenden Finanzierungskosten sind gefährlich. Vielen Firmen kann ein Anstieg schnell den Garaus machen, für alle anderen senken sie die Erträge und sorgen dafür. Auch steigen die Ansprüche an die Renditen neuer Projekte, was sich negativ auf die Investitionsneigung auswirkt.

Am Ende eines abgeschlossenen Zyklus der aus Jahren des Auf- und Abschwungs besteht, zeigt sich, wer die Zeit gut genutzt hat. Nicht alle Emerging Markets werden zu diesem Kreis zählen.


 

Schlagworte: , , ,

Ein Kommentar auf "Submerging Markets"

  1. Michael sagt:

    Das BIP per Capita ist eine der maßgeblichen Kennzahlen, wenn man einen Wirtschaftsraum nach seiner Fähigkeit beurteilen will, darin Vermögen zu bilden – die Frage ist ‚wer‘. Sind es die eigenen Unternehmen die wieder investieren, dann ist das ein gesunder Kapitalismus alles andere ist eher was anders. Viel etwas Besseres ist im Moment noch niemanden eingefallen.

    Verhungern tun sie in Indonesion mit 1300 EUR/USD Jahresgehalt genauso wenig, reich werden sie nicht.

    Aber Kulturen sind unterschiedlich, erinnere mich an eine Geschichte aus meiner frühen Schulzeit.

    In Südamerika, produzierte ein Farmer nette Körbchen für die Nachbaren und die Umgebung. Alle liebten die Körbchen. Jeder war froh, sie waren robust, lange konnte man sie vielseitig verwenden und sie schmückten jeden Raum.

    Eines Tages kam ein amerikanische Geschäftsmann und sah die Körbchen, sagte ‚Gegen sie mir ein paar mit gegen gute Dollars, ich sehe mal ob meine Kunden die Körbchen gut gefallen‘. Er verwendete sie als Verpackung für seine Schokolade und selbige fand reißenden Absatz.

    Das funktionierte, der Kaufmann bestellte immer mehr und mehr. Die Familie half in ihrer Freizeit mit. Der Farmer gab seine Farm auf und widmete sich der Produktion der Körbchen. Die Dollars flossen. Ihm wurde immer unwohler trotzalledem. Schlafen konnte er nicht mehr viel, alle waren grantig und die Körbchen gingen Vorzüglich nach Amerika und teils war sogar Knappheit für die Nachbarschaft angesagt.

    Der Kaufmann drängte auf immer billigere Preise. Antwortete der Farmer, ‚Das wird teurer‘. Der Geschäftsmann war ganz überrascht. ‚Klar‘, sagte der Farmer, ‚ich muss ich meinen Bruder ganztags beschäftigen, der muss seine Farm aufgeben usw.. usw …‘. Der Kaufmann drängte aber weiter und weiter, immer mehr, immer mehr, immer billiger, immer billiger.

    Irgendwann mal reichte es dem Farmer, er beschloss nachzuschauen und er flog nach Amerika in die Stadt aus der der Kaufmann/Fabrikant stammte. Schon im Hotel sah er eines seiner Körbchen beim Empfang war höchst erfreut, jedoch als er es sich in Loge gemütlich machte und genauer um sich sah, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Seine Körbchen vollgepackt mit Abfällen lagen in Mistkübel achtlos weggeworfen, lieblos entsorgt – erinnert an die Smartphones.

    Da dachte sich, ‚Dafür gebe ich nicht her‘. Er setzte nicht das Glück seiner Familie und der Nachbarschaft nicht auf das Spiel. Betreibt jetzt wieder seine Farm und fertigt in der Freizeit ein Körbchen um das andere und allen geht es gut. Reich wird halt er nicht und nicht ein anderer. Aber ist nicht Glück der größte Reichtum.

    Vermutlich hat er um die viel Dollars eine Party schmeißen müssen damit noch irgendjemand mit ihm redet. Sehen sie, das war in meiner Volksschulzeit zum Thema bereits ein richtungsweisender Beitrag zum Thema Globalisierung, Produktion von Commodities und deren Folgen. Inbesondere aber auch Beitrag zur Berücksichtigung von Sprungfixen Kosten in der Kalkulation. Die Geschichte war in den 70ern nicht neu.

    Ich denke, nach der Rückkehr von Vernunft wird genau das passieren. Der Framer hat im Rahmen der volkswirtschaftlichen Möglichkeiten eine für einen Kapitalisten vernünftige Entscheidung getroffen. Er hat die Exportchancen nicht genützt, dafür ist die Bevölkerung zufriedener. Jedem das seine, es soll jeder für sich entscheiden. Selbst wenn man Geld genauso wie Wasser in Volkswirtschaft pumpt die nicht zur Aufnahme den richtigen Boden bietet, ertrinken zu viele die noch nicht in luftiger höhe wohnen und denen steht dann auch schnell das Wasser bis zum Hals, den sie zuvor nicht vollgekriegt haben. So ist es im Leben.

    Schauen sie sich Peru an … gutes Beispiel für die Bewässerung von Wüstensand. Der wird so leicht keine fruchtbarer Boden. Zuerst muss die Bewässerungsanlage stehen und nicht während die Flutwelle übers Land zieht eine paar Röhren reinhalten… das ist zwar pragmatisch aber keinesfalls sustain, wie man heut so schön sagt.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.