Stinkefinger-Trade: Warum Wasser nach unten fließt, egal was die Regierung sagt

24. November 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Über die US-Wahl wurde eigentlich schon alles geschrieben. Zeit also, sich noch einmal intensiver mit den Dingen zu befassen, die in ihrem Windschatten stattgefunden haben. Wie angekündigt, wollten wir uns intensiver mit der am Tag der US-Präsidentschaftswahl in Indien vollzogenen „Bargeldreform“ beschäftigen…

Allerdings sehen wir mit „The Donald“ nicht „Das Ende der Welt“ gekommen wie die Kollegen vom SPIEGEL. Wohl aber könnte es das „Ende der Matrix“ werden, wie wir sie kennen. Die Ankündigung eines Weltuntergangs ist ohnehin kein tragfähiges Geschäftsmodell, weil aus naheliegenden Gründen niemand mehr da sein wird, der eine zutreffende Prognose goutieren könnte.

Zudem ist dies ohnehin eher das Betätigungsfeld von Glaubensgemeinschaften, die aufgrund ihrer Erfahrung wissen, dass ein angekündigtes Weltenende stets so unbestimmt sein muss, dass die Gläubigen zuvor noch allerlei Produkte erwerben können – und seien sie auch nur für das Seelenheil. Wir hingegen beschäftigen uns lieber mit irdischen Entwicklungen und dazu gehören im neuen Heft auch Russland und die Moskauer Börse. Trotz Sanktionen und endlosem Russland-Bashing seitens der westlichen Massenmedien haussiert die Moskauer Börse. Was steckt dahinter und welche Titel sind noch immer interessant? Das und noch vieles mehr im neuen Heft.

Regierung erklärt eigenes Geld für ungültig

Nach diesem kleinen Werbeblock in eigner Sache hier nun also die indische „Bargeldreform“, die entsprechend der Theorie des Bombenwurfs durchgeführt wurde – schlagartig und ohne jede Vorankündigung. Tatsächlich blieb auch kaum ein Stein auf dem anderen, als die beiden größten Geldscheine, der 500-Rupien- und der 1.000-Rupien-Schein, über Nacht für ungültig erklärt wurden – wir sprechen über Geldscheine im Wert von knapp sieben bzw. knapp 14 Euro.

Der indische Premier Modi rechtfertigte diesen Handstreich mit einem „Krieg gegen Schwarzgeld“. Erst gestern bekräftigte er, dass weitere Maßnahmen folgen werden.

Nun ist die indische Volkswirtschaft eine Bargeldwirtschaft. Weit über 95% der Bezahlvorgänge werden bar abgewickelt. Die Maßnahme traf also nicht eine kleine Minderheit finsterer Gesellen, sondern die indische Gesellschaft in voller Breite. Gerade auf dem Land ist Bargeld schon deshalb alternativlos, weil das Bankenfilialnetz dünn ist und viele Landbewohner entsprechend gar kein Bankkonto haben.

Sollten also wirklich nur einige wenige getroffen werden, dann war die Sache unglaublich dilettantisch gemacht. Zwar ist die Mischung aus Macht und Dilettantismus historisch belegbar explosiv, andererseits sollte man auch andere, nicht ganz so offensichtliche Erklärungen nicht vorschnell ausschließen.

Plan oder Kollateralschaden?

Natürlich sollte die indische Regierung die Eckdaten ihrer Wirtschaft kennen. Und wie wohl man die Notwendigkeit der Maßnahme mit „dem „Krieg gegen Schwarzgeld“ begründete, könnten die Kollateralschäden gar nicht so unbeabsichtigt sein, wie das jetzt kommuniziert wird. Bislang geben in Indien nämlich nur unter 5% der Bevölkerung überhaupt eine Steuererklärung ab. Das ist für jene ein Problem, die auf die eine oder andere Art von Steuergeldern leben – beispielsweise die Politik. Auch, dass nun diejenigen, die gar keine Kontoverbindung haben, erst einmal gebissen sind, kann durchaus gewollt sein. Denn nur über ein Konto kann man die für ungültig erklärten Geldscheine doch noch in Guthaben tauschen – vorausgesetzt, es handelt sich dabei nicht um „Schwarzgeld“.

Möglicherweise soll die indische Wirtschaft, die bislang in weiten Teilen eine reine Bargeldwirtschaft ist, also brachial zu einer Kontenwirtschaft umgeformt werden. Vielleicht werden also auch bald die Inder mit einem „Recht“ auf ein eigenes Bankkonto beglückt werden?! Dass der Hass der vielen tatsächlich Betroffenen aus der armen Landbevölkerung gegen die „reichen Schwarzgeldbesitzer“ gelenkt wird, entspricht dem Prinzip „Teile und Herrsche“, dessen sich die Politik ja weltweit bedient. Zumindest fügt sich dieser Versuchsballon nahtlos in den globalen „War on Cash“. Nun also auch Indien.

Was der Großvater noch wusste

Denn auch das Beharren der Regierung auf der „Reform“ geht weit über die übliche Halsstarrigkeit von Politikern hinaus. Denn die Maßnahme an sich ist bereits hoch riskant. Papiergeld beruht alleine auf dem Vertrauen der Geldnutzer. Wie könnte man dieses Vertrauen nachhaltiger zerstören, als dadurch, dass man dieses Geld in einer Nacht- und Nebelaktion für ungültig erklärt?!

Jeder, der hierbei Verluste erlitten hat – und es gibt in vielen Ländern für hochanständige Bürger viele gute Gründe Bargeld zu halten –, wird nach Möglichkeiten und Wegen suchen, dass ihm das Gleiche zumindest nicht noch einmal passiert. Vertrauen kann buchstäblich in einer Nacht zerstört werden. Besonders ein Vertrauen, das ohnehin nicht gerechtfertigt ist, wie dasjenige in Papiergeld oder dasjenige in eine Regierung.

Eine Demokratie lebt ja geradezu davon, dass die Schritte der Regierung mit Argusaugen verfolgt werden, auch wenn Regierungen selbst das gerne anders sehen wollen. Man kann also davon ausgehen, dass diese Willkürmaßnahme noch mindestens eine Generation im kollektiven Gedächtnis der Inder präsent bleiben wird. Womöglich werden das die heute junge Menschen später einmal als Großeltern noch ihren Enkeln erzählen – und natürlich spätestens dann ungläubiges Staunen ernten: „Mei, der Opa halt.“

Ein neuer Trade wird geboren

An dieser Stelle kommt Gold ins Spiel. Im Moment, da die Inder erst einmal eines Großteils ihrer Barschaft beraubt wurden, fehlen ihnen wohl die Mittel, um kräftig Gold zu kaufen, was auch eine Erklärung für den Einbruch der Feinunze sein könnte.

Dennoch sind die Inder dem gelben Metall traditionell zugetan. Besonders zur Hochzeitssaison steigt die Nachfrage, wofür sich der hübsche Begriff des „Love Trades“ etabliert hat. Im Westen dagegen wird Gold vor allem als Absicherung gegen befürchtete Krisen gesehen – der „Fear Trade“. Nach der kalten Bargeldenteignung könnte in Indien allerdings ein neues Motiv hinzukommen, das wir einfach mal den „Stinkefinger-Trade“ nennen.

Menschen sind lernfähige Wesen und das könnte im Falle Indiens heißen, dass man künftig vorzugsweise nur noch kleine Geldscheine hält und überschüssige Liquidität rasch in Gold tauschen wird. Die Nachfrage könnte also perspektivisch sogar höher werden als vor der Maßnahme. Wasser fließt eben nach unten, egal was die Partei sagt.

Vor der E-Krone?

Global gesehen befindet sich das Königreich Schweden was die Nutzung von Bargeld betrifft, am anderen Ende der Skala. Obwohl Bargeld dort ohnehin nur eine absolut untergeordnete Rolle spielte, wurde in den letzten Jahren der Kampf gegen die noch verbliebene Cash-Nutzung sogar intensiviert.

Eine bemerkenswert perfide Kampagne wurde mit dem Slogan „Bargeld braucht nur noch Deine Oma – und der Bankräuber“ geführt. Wer also auf der Höhe der Zeit und kein Krimineller ist, der nutzt kein Bargeld, so die Botschaft. Letzte Woche setzte die schwedische Reichsbank dann ein weiteres Zeichen. Deren Vizechefin Cecilia Skingsley dachte laut über die E-Krone nach. Natürlich benötige die Klärung der Details noch einige Zeit und natürlich sei nicht daran gedacht, das verbliebene Bargeld dadurch abzuschaffen. Natürlich nicht.

Zumindest schält sich damit aber heraus, was wir an dieser Stelle schon lange vermutet hatten. Den Bitcoin ließ man auch deshalb gewähren, damit die Menschen ein Gefühl für neue Geldarten bekommen. Man muss kein Prophet sein, um sich auszumalen, dass nach und nach weitere Zentralbanken mit ihren eigenen, staatlich garantierten E- und Krypto-Geldern antreten werden. Sobald dies aber der Fall sein wird, dürfte auch der Bitcoin seine Schuldigkeit getan haben.

Er ist dann nur noch Störfaktor und unliebsame Konkurrenz in der „schönen neuen“ amtlichen E-Geld-Welt. Skandale sind schnell initiiert, um die Stimmung auch gegen diese Form des „schwarzen Geldes“ aufzupeitschen. Falls Sie in Deutschland weder indische noch schwedische Bargeldverhältnisse haben wollen, dann zeichnen Sie doch die Petition „Stop Bargeldverbot“.

Zu den Märkten

Zuletzt zeigten wir an dieser Stelle die rückläufige Entwicklung des Goldpreises, die sowohl mit der Wahl Donald Trumps als auch mit der indischen Bargeldenteignung im Zusammenhang stehen könnte. Ein Metall entwickelte sich seitdem jedoch vollkommen entgegengesetzt und das ist das Kupfer. Einen Überblick über die vielfältigen Einsatzzwecke und Investitionsmöglichkeiten, besonders auch im Hinblick auf die massiv geförderte Elektromobilität, finden Sie in Smart Investor 8/2016 ab S. 18 in dem Beitrag „Kuper: Leben ist Energie“.

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In unserer Abb. sehen Sie die Entwicklung des Kupferpreises (oben) und die Relativbewegung zum Gold (vgl. Abb., unten). Gold hat hier heute noch einmal ordentlich Prügel bezogen – wie immer mit wenigen konzentrierten Orders im Terminmarkt.

Besonders der untere Teil der Abbildung macht deutlich welcher Paradigmenwechsel hier stattgefunden hat. Initialzündung für den Kupferanstieg dürfte die Erwartung der Trumpschen Infrastrukturprogramme gewesen sein. Allerdings gibt es weit mehr gute Argumente für höhere Preise des roten Metalls.

Fazit

Wieder einmal beschäftigt uns das Thema Bargeld. Ob mit Brachialgewalt wie in Indien, oder mit dem sanften Druck des technologischen Fortschritts, der „War on Cash“ verschärft sich weiter.

© Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

 

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